Di., 26.09.2017

Universität Freiburg werter Umfrage zur Bundestagswahl aus Nur 19 Prozent der Deutschen sind mit dem Wahlergebnis zufrieden

Freiburg/Berlin (WB). Die Universität Freiburg hat mehr als 5200 Wähler zum Ausgang der Bundestagswahl befragt. Das Fazit der Wissenschaftler Uwe Wagschal, Thomas Metz und Thomas Waldvogel lautet: Zwar sind nur 19 Prozent der Deutschen mit dem Wahlergebnis zufrieden, aber kaum einer bereut seine Wahlentscheidung.

Gestellt wurden folgende Fragen:

Wie zufrieden sind die Deutschen mit dem Wahlausgang?

Bereuen die Wähler den Wahlausgang?

Würden sich die Wähler umentscheiden?

Was sind die Wünsche der Wähler für die kommende Legislaturperiode?

Wo unterscheiden sich die Wähler der Grünen und der FDP?

Das WESTFALEN-BLATT veröffentlicht die Auswertung der Umfrage:

Einen Machtwechsel hat der Wahlsonntag nicht gebracht. Aber das historisch schlechteste Ergebnis der SPD und das zweitschlechteste der CDU zeugen von einem politischen Erdbeben, das den Begriff »Volkspartei« mit einem großen Fragezeichen versieht. Selbst die CSU in Bayern fiel unter 40 Prozent. Hinzu kommt mit der AfD im Bundestag ein neuer Wettbewerber am rechten Rand. Der Wiedereinzug der FDP und das am stärksten zersplitterte und polarisierte Parlament seit Anfang der 1950er Jahre vervollständigen das Bild eines starken Umbruchs.

Begleitet wird der Wahlausgang von der wohl kompliziertesten Regierungsbildung der Bundesrepublik. Und das, obwohl eigentlich nur eine Option auf dem Tisch liegt. Das »Politik Panel Deutschland« der Universität Freiburg, ein Partnerprojekt des Debat-O-Meters , hat deshalb mehr als 5200 Wähler zum Wahlausgang befragt.

AfD-Wähler sind am zufriedensten – SPD-Wähler am unzufriedensten

Das überraschendste Ergebnis: Nur 19,3 Prozent der Befragten sind zufrieden beziehungsweise sehr zufrieden mit dem Wahlergebnis. Mehr als die Hälfte (52,2 Prozent) ist unzufrieden beziehungsweise sehr unzufrieden und 28,5 Prozent sind gespalten (teils/teils). Der größte Anteil der Unzufriedenen ist bei den Wählern der SPD auszumachen. Dort sind nur 3,4 Prozent der Wähler zufrieden. Die meisten Zufriedenen finden sich dagegen mit deutlichem Abstand bei der AfD: 52,4 Prozent ihrer Wähler sind zufrieden beziehungsweise sehr zufrieden. Bei der Union sind immerhin 22,8 Prozent, bei der FDP 27,2 Prozent und bei den Grünen nur 11,4 Prozent zufrieden beziehungsweise sehr zufrieden (*alle Ergebnisse sind gewichtet, siehe unten).

Bei diesem hohen Grad an Unzufriedenheit könnte man vermuten, dass die Wähler ihre Stimmabgabe bereuen. Doch weit gefehlt: 95 Prozent der Befragten bereuen ihre Wahlentscheidung nicht.

Ein Teil der Wähler würde so kurz nach der Wahl dennoch sein Kreuz an einer anderen Stelle machen als am Wahlsonntag. Die CDU/CSU würde bei diesen Wählern noch weiter verlieren und käme nur noch auch 27,5 Prozent, ein nochmaliger Verlust gegenüber dem bereits herben Wahlsonntag. Leicht zulegen kann dagegen leicht die FDP. Die Grünen wiederum, deren Wähler deutlich unzufriedener sind als die der anderen Parteien, würden rund 1,4 Prozentpunkte gegenüber dem Wahlabend einbüßen. Von diesen Verlusten profitieren würde die SPD, die nach der Aufkündigung der Koalition deutlich zulegen kann. Auch die Linke und die AfD können sich gegenüber dem Niveau vom Wahlsonntag noch verbessern (siehe Grafik).

Die Wähler freunden sich mit der Jamaika-Koalition an

Vor der Bundestagswahl galt die Koalitionsoption aus CDU/CSU, FDP und Grünen, also die Jamaika-Lösung, als äußerst unbeliebt. Bei der letzten Umfrage der Forschungsgruppe Wahlen vor der Bundestagswahl befanden nur 25 Prozent der Befragten diese Option für »gut«. Dies hat sich nach der Wahl völlig geändert. Auf die Frage im Politik Panel Deutschland: »Welche Parteien sollten Ihrer Meinung nach die Koalition bilden und zusammen regieren?« wünschten sich 76,6 Prozent die Jamaika-Koalition und nur 23,4 Prozent eine Neuauflage der großen Koalition, welche die SPD zwischenzeitlich aber ausgeschlossen hat. Bemerkenswert ist dabei: Die CDU/CSU-Anhänger haben eine leicht erhöhte Präferenz für die Große Koalition (26,1 % würden sie befürworten, 73,9 % ablehnen). Besonders Wähler der Linken lehnen dagegen die Große Koalition ab, während AfD-Anhänger sich mit über 35,5 Prozent deutlich für die »GroKo« aussprechen. Das ist der höchste Anteil für diese Option im Panel überhaupt. Grüne und FDP-Wähler sprechen sich – nicht überraschend – mit 88 beziehungsweise 89 Prozent für Jamaika aus.

Hauptgründe für die Wahlentscheidung: Programm und Spitzenkandidaten

Was waren die wichtigsten Gründe für die Wahlentscheidung? Für rund 34,5 Prozent der Befragten war das Parteiprogramm und damit die Themen der Parteien am wichtigsten. Dies gilt vor allem für die Grünen, deren Wähler zu über 50 Prozent die Programmatik als wahlentscheidend ansahen. Von allen Befragten sind 22,7 Prozent Parteimitglieder oder haben schon immer diese Partei gewählt, sie sind also klassische Stammwähler. Für nur 18,9 Prozent der Wähler war der beziehungsweise die Spitzenkandidatin am wichtigsten. Den höchsten Wert kann hier die CDU/CSU verbuchen: Für über 38,8 Prozent ihrer Wähler war Kanzlerin Merkel der wichtigste Grund, die Union zu wählen. Nur 7,6 Prozent wollten mit ihrer Stimme einer anderen Partei einen Denkzettel verpassen. Bei der AfD liegt dieser Wert bei 31,5 Prozent, ein deutliches Zeichen einer Protestpartei. Weitere Gründe wie etwa die Fernsehdebatten oder mögliche eigene Vorteile durch die Wahl spielten dagegen eine untergeordnete Rolle.

Die Wählerwünsche: mehr Ausgaben, Solidaritätszuschlag abschaffen

Die Wünsche der Wähler für die neue Legislaturperiode sind zweigeteilt. Die eine Hälfte der Befragten wünscht sich mehr Ausgaben des Bundes (41,1 Prozent). Von diesen möchte aber nur rund ein Viertel die Steuern erhöhen. Drei Viertel sprechen sich dafür aus, die Steuern stabil zu lassen. Auf der anderen Seite plädieren immerhin 44,0 Prozent der Befragten für Ausgabenkürzungen bei gleichzeitigen Steuerkürzungen.

Auf die Frage »Für welche Politikbereiche sollte die neue Bundesregierung Ihrer Meinung nach mehr, gleich viel oder weniger Geld als bisher ausgeben?« äußern über 91,2 Prozent der Befragen, dass mehr in Bildung, Schulen und Hochschulen investiert werden soll. 75,5 Prozent wollen mehr Ausgaben für die Innere Sicherheit, 71,3 Prozent wollen, dass mehr für Rente und Pensionen ausgegeben wird. Rund 70 Prozent der Befragten wünschen sich mehr Investitionen in den Verkehr. Für mehr Ausgaben bei Migration und Zuwanderung sind dagegen nur 20,9 Prozent der Befragten.

Auf der anderen Seite wollen auch über 58 Prozent der Wähler, dass die Steuern gesenkt werden. Und gar 77 Prozent wünschen sich die Abschaffung des Solidaritätszuschlages. Bei fast allen Politikfeldern sind sehr große Unterschiede zwischen den Wünschen von FDP- und Grünen-Wählern zu beobachten, was sich mutmaßlich auch als Spannungen in den Koalitionsverhandlungen niederschlagen wird. Deutlich werden die Unterschiede etwa bei der Entwicklungspolitik und bei der Umweltpolitik. Während bei Thema Umwelt über 85 Prozent der Grünen-Anhänger mehr ausgeben möchten, sind es bei den FDP-Anhängern nur 28 Prozent.

Das »Wünsch dir was« in den Antworten macht deutlich: Die Wähler wollen für Bildung, Infrastruktur und Innere Sicherheit mehr ausgeben, mehrheitlich aber auch weniger Steuern zahlen. Die Abschaffung der Schuldenbremse in der Verfassung wollen nur 20 Prozent der Befragten.

* Erläuterung der Daten:

Die im »Politik Panel Deutschland« erhobenen Daten geben Auskunft über die politischen Einstellungen und Verhaltensweisen der über 5200 Befragten. Die Ergebnisse werden anhand demographischer Faktoren (Alter, Geschlecht, Bildung, Wahlbeteiligung im Bundesland) sowie der Wahlentscheidung vom 24. September gewichtet. Dadurch können repräsentative Rückschlüsse auf die Wahlbevölkerung getroffen werden. Die Befragten wurden bereits in der Vergangenheit vom Debat-O-Meter-Team der Universität Freiburg über ihre Einstellungen anonym befragt.

Feldzeit dieser Umfrage: Sonntag, 24. 9. 2017, 19 Uhr, bis Dienstag, 26. 9. 2017, 15.30 Uhr.

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