Do., 07.09.2017

AfD-Spitzenkandidat über seine Motive, die Flügel in seiner Partei und Anstand in der Politik Alexander Gauland: »Mir geht es nicht um Rache an der CDU«

Alexander Gauland.

Alexander Gauland. Foto: Oliver Schwabe

Minden (WB). Die AfD-Politik: eine Mischung aus Provokationen und Fremdenfeindlichkeit? Ihr Spitzenkandidat kann mit Worten umgehen. Er weiß, was er mit bestimmten Formulierungen auslöst. Die Kritik an seinen Äußerungen über Inte­grationsstaatsministerin Aydan Özoguz (»in Anatolien entsorgen«) nennt er aber »scheinheilig«. Was treibt Alexander Gauland an? Ein Gespräch mit Andreas Schnadwinkelund Thomas Hochstätter.

Björn Höcke hört man derzeit kaum Tabus brechen, das tun Sie jetzt – warum?

Alexander Gauland: Ich habe überhaupt nicht die Absicht gehabt, irgendein Tabu zu brechen. Ich habe diese Rede schon ein paar Mal gehalten und habe da auch manchmal andere Worte benutzt, weil sie verhältnismäßig frei ist. Ich habe nun im Eichsfeld – ich kann Ihnen gar nicht mehr sagen, warum – das Wort »entsorgen« benutzt. Wie inzwischen belegt ist, verwenden das auch andere Politiker ununterbrochen. Aber wenn wir das machen, dann ist der Aufschrei groß. Ich habe weder ein Tabu brechen wollen, noch habe ich provozieren wollen. Ich stelle aber fest, dass es gut und richtig war. Denn plötzlich wird auch in der FAZ über die unsäglichen Äußerungen unserer Integrationsbeauftragten diskutiert. Plötzlich gibt es einen großen Artikel über diese Dinge. Insofern bin ich heute dankbar, dass mir – obwohl ich es nicht wollte, eine Provokation gelungen ist.

Das, was Ihnen vorgeworfen wird, ist ja die »Entsorgung« im Ausland – einer in Hamburg geborenen Politikerin...

Gauland: Das kommt jetzt hoch. Nachdem die Geschichte mit dem »Entsorgen« allein nicht mehr geht, wird das angesprochen. Darüber kann man streiten. Sie hat ihre Vorfahren in der Türkei. Und ich habe deutlich gemacht – und Wahlkampf ist eine klare, deutliche Auseinandersetzung –, dass diese Frau mit diesen Ansichten nicht zu uns gehört.

Wer ist »uns« in diesem Fall?

Gauland: Deutschland, das deutsche Volk, was auch immer. Es ist mir völlig egal, ob die Dame einen deutschen Pass hat. Sie vertritt eine Position, die ihr kaum erlaubt, davon zu sprechen, dass das »Uns« sie umfasst. Sie ist Integrationsbeauftragte. Sie sagt, jenseits der deutschen Sprache sei eine deutsche Kultur schlichtweg nicht identifizierbar. Da muss ich doch die Frage stellen: Wohin integriert sie eigentlich Leute? Ins Nichts? Ich habe eine klare und harte Formulierung gebraucht, um eine Politik anzugreifen. Und wenn das menschenverachtend ist, dann sind Herr Gabriel und Herr Kahrs von der SPD, die schon über Frau Merkel von »Entsorgung« gesprochen haben, mindestens genauso menschenverachtend.

Sie haben 1994 ein Buch über Helmut Kohl geschrieben. Was haben Sie bei Kohls Beisetzung gedacht?

Gauland: Ich habe mit Helmut Kohl eine Menge Probleme gehabt und er auch mit mir, Kohl mochte mich überhaupt nicht. In meinem Buch über ihn habe ich die diplomatische Meisterleistung der Wiedervereinigung gelobt, aber er fand das Buch gar nicht gut. Kohl hatte Grundüberzeugungen, an denen er immer festhielt. Und ich werfe der heutigen CDU und ihrer Vorsitzenden Angela Merkel vor, dass sie gar keine Grundüberzeugungen mehr haben. Was ist denn die CDU heute noch?

Geht es Ihnen hauptsächlich um die CDU?

Gauland: Mir? Nein. Warum sollte es das? Natürlich müssen wir in der Opposition bewirken, dass die anderen Parteien sich ändern – aus Angst vor Mandatsverlust und wegen Drucks von der Basis. Mir geht es dabei nicht um Rache. Ich habe keine Rache an der CDU zu nehmen. Ich bin durch die CDU Spitzenbeamter geworden und bekomme eine gute Pension – warum sollte ich Rache nehmen wollen? Ich halte viele Entwicklungen in diesem Land für falsch, darum geht es mir. Wir können aus der Opposition heraus versuchen, die Kräfte in der CDU zu stärken, die Merkels Flüchtlingspolitik auch für falsch halten.

Mehr zur Bundestagswahl lesen Sie hier: http://www.westfalen-blatt.de/Bundestagswahl-2017

Kommentare

Überzeugend

Man kann ja von der Partei Gaulands halten was man will, aber dieses Interview halte ich für sachlich und überzeugend. Wenn ich mir das anti-deutsche Geschwafel einiger anderer Politiker in diesem Land durchlese, wird mir ganz anders.
Bin gespannt auf die Wahlen.

Klasse

Herr Gauland redet Klartext. Im Gegensatz zu den meisten Politikern anderer Parteien ist er offen und ehrlich, dazu stimmen seine Aussagen absolut ! Was an dem Mann rechtsradikal sein soll, das wissen wohl nur die üblichen Verdächtigen. Das Interview ist endlich einmal sehr sachlich und ohne Polemik geführt worden, hier unterscheidet sich das Westfalenblatt von der hiesigen Konkurrenz und dem Großteil der Medien. Vielen Dank dafür.

2 Kommentare

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