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Do., 15.03.2018

Nicht erst seit Mertesackers Vorstoß arbeiten Arminia und Paderborn mit Psychologen Über den Umgang mit Druck

Von Jens Brinkmeier, Matthias Reichstein und Hubert Kahl

Bielefeld/Paderborn (WB/dpa). Per Mertes­acker hat mit seinen Aussagen über den Druck, der auf Profifußballern lasten kann, für Aufsehen gesorgt. Und der Ex-Nationalspieler hat eine Debatte angestoßen. Auch bei Zweitligist Arminia Bielefeld sowie dem SC Paderborn (3. Liga) ist der Leistungsdruck ein Thema – und das nicht erst seit Mertesackers Interview.

Offen wie kein Profifußballer zuvor hatte der 33-Jährige gesagt, wie sehr er leide. »Der Druck hat mich aufgefressen.« Dass er vor praktisch jedem seiner Spiele Durchfall und Brechreiz habe. Und dass er nach dem Halbfinal-Aus bei der Heim-WM 2006 dachte: »Endlich ist es vorbei.« Mertes­acker hat ein Tabu gebrochen.

Ein Tabu ist das Thema bei den heimischen Fußballern schon längst nicht mehr. Vor fast genau einem Jahr hat Manager Markus Krösche mit Martin Daxl einen Potenzial- und Persönlichkeits-Trainer beim SC Paderborn eingestellt. Der 56-Jährige soll sich um die Persönlichkeitsentwicklung der SCP-Profis kümmern. »Martin versucht, die Gedankenwelt unserer Jungs etwas zu ordnen. Das heißt zum Beispiel, den Druck vor einem Spiel nicht als Belastung, sondern eher als Herausforderung zu sehen. Die Frage ist außerdem, ob man als Spieler ausschließlich die Probleme sieht oder auch die Ziele und damit die Lösung«, begründet Krösche die Verpflichtung. Gespräche mit Daxl bietet der Verein seinen Profis aber nur an, niemand ist dazu verpflichtet. »Zu meiner aktiven Zeit war keiner da, mit dem ich hätte reden können. Aber das muss jeder für sich selbst entscheiden. Wir zwingen niemanden«, sagt Krösche.

Die Resonanz innerhalb des Kaders beim Tabellenführer der 3. Liga bewertet Krösche als gut. Das Angebot werde angenommen, allerdings von Profi zu Profi sehr unterschiedlich: »Es gibt Jungs, die nutzen unser Angebot sehr intensiv, andere eher weniger. Wichtig ist, dass es einen ständigen Austausch gibt.«

Jungen Spielern schon den Umgang beibringen

Bei Arminia arbeitet Lea Notthoff als sportpsychologische Beraterin. Die 27-Jährige ist in erster Linie für den Nachwuchs zuständig. »Bei Bedarf wäre es aber auch bei den Profis möglich«, sagt DSC-Sportchef Samir Arabi. Er hält die psychologische Betreuung für einen »sehr wichtigen Baustein. Was da schon im Jugendbereich auf die Spieler einprasselt, der immer größere Leistungsdruck – das ist nicht zu verachten«, sagt Arabi.

Den 39-Jährigen ärgert, dass jetzt – wie nach dem Suizid von Robert Enke im November 2009 – allgemeine Betroffenheit herrscht, daraus aber nichts resultiert. »Was war denn damals sechs Wochen später?«, fragt Arabi und gibt die Antwort gleich selbst: »Alles ging weiter wie vorher. Das wird jetzt kaum anders sein.« Er wirbt für einen menschlicheren Umgang.

Ulf Baranowsky von der Spielervereinigung VDV hält es für wichtig, dass – wie bei Arminia – schon in den Nachwuchsleistungszentren eine entsprechende psychologische Betreuung stattfindet. Es sei wichtig, den jungen Spielern den Umgang mit dem Leistungsdruck beizubringen, ihnen zu zeigen, was im Profifußball auf sie zukommt. Und ihnen womöglich auch einen Plan B zum Fußball aufzuzeigen.

Ein ernstzunehmendes Thema

In den Nachwuchsleistungszentren ist laut Baranowsky die psychologische Betreuung verpflichtend, im Profibereich aber nicht. Eine Spielerbefragung des VDV hat im vergangenen Jahr gezeigt, dass sich nur bei knapp 15 Prozent der Teams der drei deutschen Top-Ligen permanent Psychologen um die psychische Gesundheit und die mentale Leistungsfähigkeit der Profis kümmern. Psychologen müssten aber proaktiv arbeiten, die Spieler wünschten sich Vorträge und viele Hinweise, sagt Baranowsky: »Die Kritik an den Aussagen von Per Mertesacker zeigt, dass in vielen Köpfen noch kein Umdenken stattgefunden hat.«

Für Arminias Trainer Jeff Saibene (49) sind »Druck und Erwartungshaltungen im Profifußball natürlich ein ernst zu nehmendes Thema. Sowohl bei Spielern und Trainern als auch bei Funktionären. Jeder geht individuell damit um, aber ich finde es wichtig, dass man darüber offen reden kann, wenn man es möchte. Entsprechende Coaches können dabei eine wertvolle Unterstützung sein.«

Mertesacker ist mit seinen Erlebnissen nicht allein. Auch für den Portugiesen André Gomes vom FC Barcelona ist der Fußball zu einem Albtraum geworden. »Die ersten sechs Monate nach meinem Wechsel zu Barça waren ziemlich ruhig, danach brach ein wenig die Hölle über mich herein«, offenbarte der Europameister in einem Interview. Der 24-Jährige wird von den Barça-Fans ständig ausgepfiffen, weil er nicht die Leistungen bringt, die man sich von ihm erhofft hatte.

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