Sa., 14.07.2018

Sportredakteur trifft chinesische Deutschland-Fans, englischen Allesfahrer und Gastgeber im Fußballfieber Trockenfisch tröstet über WM-Aus hinweg

Steve Fisher ist seit 1986 bei fast jeder WM dabei. Nur 1990 hat er ausgesetzt. »Da wurde mein Sohn geboren«, sagt er.

Steve Fisher ist seit 1986 bei fast jeder WM dabei. Nur 1990 hat er ausgesetzt. »Da wurde mein Sohn geboren«, sagt er. Foto: Weyand

Von Florian Weyand

Moskau(WB). Frankreich oder Kroatien: Sonntag steht der neue Fußball-Weltmeister fest. Vor dem Duell um den Titel trifft Redakteur Florian Weyand in Russland einen englischen Allesfahrer, chinesische Deutschland-Fans und einen Baden-Württemberger, der mit dem Rad anreist. Sie erzählen im WESTFALEN-BLATT ihre WM-Geschichte.

In Sotchi macht es sich Wu Ji im Strand-Restaurant gemütlich. Die junge Chinesin trägt ein Deutschland-Trikot, auch ihre Freundin hat ein weißes Shirt mit DFB-Logo an. Die beiden sind glücklich, haben zwei Karten für das zweite Gruppenspiel gegen Schweden ergattert. China ist nicht dabei, daher drückt Wu Ji Deutschland die Daumen. Der Grund: »Ich studiere in Dresden«, sagt sie und isst ihre mit Fleisch gefüllten Teigtaschen. Pelmeni, eine russische Spezialität, die in jedem guten Restaurant serviert wird.

Hartmut Bögel (rechts) ist mit dem Fahrrad nach Sotchi gefahren. Foto: Weyand

Am Fischt-Stadion, eine 45-minütigen Zugfahrt von der Fanzone im Hafenviertel entfernt, kommt Hartmut Bögel drei Stunden vor dem Anpfiff an. Nicht mit dem Zug, wie die meisten Fans, sondern mit dem Rad. Mitte Mai machte sich »Hardy« aus Wippingen (Baden-Württemberg) auf den Weg in das etwa 3900 Kilometer entfernte Sotchi. Über Polen und die Ukraine kommt er seinem Ziel immer näher. An der russischen Grenze angekommen, gerät seine Reise ins Stocken. »Mit meiner Fan-ID, die mit dem Ticket zugleich als Visa-Ersatz gilt, konnten die Beamten nicht viel anfangen.« Es dauert, aber Hardy wird durchgelassen. Er kommt nach mehreren Wochen an der Schwarzmeerküste an und sieht den 2:1-Sieg gegen Schweden. »Dafür radelt man gern die 3900 Kilometer.«

Ein paar Tage später ist die gute Stimmung bei den deutschen Fans nach dem frühen Aus natürlich dahin. Die Russen werden mit jedem Erfolg ihrer Mannschaft so langsam warm, angesteckt vom WM-Fieber – und trösten die Verlierer. Auf der Moskauer Fanmeile interessieren sich beim letzten deutschen Gruppenspiel gegen Südkorea mehr Russen für die Partie als Deutsche. Auch Andrej fiebert mit, reicht den deutschen Fans sogar Trockenfisch. Der sieht auf den ersten Blick nicht nach einer Köstlichkeit aus, ist aber lecker. Das Vorrunden-Aus ist so leichter verdaut. Die Russen präsentieren sich als gute Gastgeber. In Moskau oder Sotchi fühlt man sich sicher, den Gästen begegnet man mit einem Lächeln. Die bekannten Klischees und Vorurteile bestätigten sich nicht. So geht Völkerverständigung.

Steve Fisher (links) mit Freunden vor einem WM-Spiel in Russland. Foto: Fisher

In einem Moskauer Restaurant sitzt Steve Fisher. Der 61-jährige Engländer lebt mittlerweile in Kanada – und ist ein echter WM-Experte. 1986 ist er in Mexiko erstmals dabei. »Da habe ich die Hand Gottes gesehen. Für die Karte habe ich mich einfach an der Kasse angestellt«, erzählt er vom Tag, als Diego Maradona das berühmte Hand-Tor gegen England erzielt. Seitdem verpasst er nur eine Weltmeisterschaft als Zuschauer: 1990. »Da bin ich zum ersten Mal Vater geworden«, sagt er. In Russland hat er Karten für diverse Endrunden-Spiele. Auch am Sonntag ist er in Moskau beim Finale dabei. Wie schon so oft in den vergangenen 32 Jahren.

Steve gehört einem privaten Fan-Netzwerk an. »Wir tauschen oder verkaufen die Karten untereinander. Aber nur zum normalen Preis. Wer die Tickets teurer anbietet, der fliegt raus«, sagt Steve. Nach dem Finale am Sonntag setzt er seine Fußballreise fort. »Ich bin für 17 Stunden in Kanada, dann fliege ich in die Vereinigten Staaten.« Steve Fisher ist Riesen-Fan von Manchester United, begleitet das Team bei fünf Spielen auf der USA-Tour. Total verrückt nach Fußball und der Ferne. Wie auch Wu Ji und Hardy Bögel.

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