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Di., 15.07.2014

»Ohne ihn wäre die deutsche Geschichtswissenschaft weniger leistungsfähig und die politische Kultur ärmer« Abschied von Hans-Ulrich Wehler

Ein Porträt von Hans-Ulrich Wehler neben dem Sarg, auf dem Blumen in Orange liegen: seine Lieblingsfarbe. Auch die Universität, die Geschichtsfakultät, einstige Kollegen und Ministerpräsidentin Kraft (in den Landesfarben) hatten Kränze geschickt.

Ein Porträt von Hans-Ulrich Wehler neben dem Sarg, auf dem Blumen in Orange liegen: seine Lieblingsfarbe. Auch die Universität, die Geschichtsfakultät, einstige Kollegen und Ministerpräsidentin Kraft (in den Landesfarben) hatten Kränze geschickt. Foto: Hans-W. Büscher

Von Sabine Schulze

Bielefeld (WB). Vor zehn Tagen starb der große Historiker Hans-Ulrich Wehler im Alter von 82 Jahren, gestern wurde er in Bielefeld beigesetzt. Wehler war der produktivste deutsche Geschichtswissenschaftler und wirkte über die Zunft hinaus.

Etwa 170 Trauergäste kamen, um Anteil zu nehmen, darunter viele, die in der Geschichtswissenschaft Rang und Namen haben wie Paul Nolte, Hans Mommsen und Hartmut Kaelble, langjährige Wegbegleiter und Freunde aus Jugendtagen wie der Philosoph Jürgen Habermas. In vier Reden wurde ein Bild von dem Begründer der historischen Sozialforschung gezeichnet, der von 1971 bis 1996 an der Universität Bielefeld lehrte.

Fabian Wehler, einer der drei Söhne des Verstorbenen, erinnerte sich vor allem an eines: »Uli liest und schreibt.« Das tat er sein ganzes Leben lang – und stellte doch die Familie über alles. Für sie hatte er immer Zeit, sie war die Verbindung zum »normalen Leben mit banalen Problemen, in denen es nicht um ganze Republiken ging«. 56 Jahre war Wehler mit seiner Frau Renate, der Liebe seines Lebens, verheiratet, der Familienmensch war stolz auf seine Kinder und die Enkel.

Jürgen Kocka, Friedrich-Wilhelm Graf und Gerhard Sagerer (von links) erinnerten an den Freund und großen Historiker. Foto: Büscher

Der Theologe Friedrich-Wilhelm Graf, der Wehler als Freund würdigte und die Predigt hielt, begründete Wehlers enorme literarische Produktivität (er schrieb alles von Hand) mit einem Vers aus dem Johannesevangelium: »Ich habe euch gewählt und bestimmt, dass ihr hingeht und Frucht bringt und eure Frucht bleibt.« Wehler, in Freudenberg bei Siegen geboren, aus einer calvinistischen Familie, aus dem protestantisch-liberalen Bürgertum stammend, war nicht nur selbst diszipliniert und leistungsorientiert, sondern forderte dies als akademischer Lehrer auch von seinen Studenten.

Viele Analysen Wehlers hatten einen autobiographischen Subtext, sagte Graf. Bei Kriegsende war er 13 und meinte, das Reich verteidigen zu müssen. Schon seit 1944 hatte die Familie keine Briefe mehr vom Vater an der Front erhalten, erst 1963 erfuhr sie von seinem Tod in einem Kriegsgefangenenlager. Die verstörenden Erfahrungen prägten: »Hans-Ulrich Wehler wollte eine Geschichtswissenschaft, die zur demokratischen Festigung der nachfaschistischen Gesellschaft beiträgt«, sagte der Historiker Jürgen Kocka, von 1973 bis 1988 Professor in Bielefeld und Freund Wehlers. »Ohne ihn wäre die deutsche Geschichtswissenschaft weniger leistungsfähig und die politische Kultur ärmer.«

Wehler mischte sich mit Verve, eloquent, scharfzüngig, oft bewusst provozierend, in die Streitfragen der Gegenwart ein. »Er war eine öffentliche Institution«, sagt Kocka. Erkenntnis und Engagement, nüchterne Analyse und zugespitztes Urteil: Dafür stand Wehler. Sein Bild in der Öffentlichkeit sei das eines »eindringlichen Zeitkritikers und kommentierenden Intellektuellen«, sagt Kocka.

Gesellschaftlich relevante Debatten habe Wehler mit offenem Visier geführt, sagte Uni-Rektor Gerhard Sagerer. »Und wenn er sich zu Wort meldete, ging es um Grundlegendes.« Orientierungswissen zu stellen, gehöre eben auch zu den Aufgaben einer Hochschule, sagte Sagerer. Die Universität habe einen ihrer bedeutendsten Wissenschaftler verloren.

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