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Sa., 09.07.2016

Gründungsspezialist Sebastian Borek leitet die Founders Foundation »OWL hat Substanz – das überträgt sich auf die Gründer«

Genug Ideen, aber oft zu wenig Kapital: Sebastian Borek über die Gründerszene in Ostwestfalen-Lippe.

Genug Ideen, aber oft zu wenig Kapital: Sebastian Borek über die Gründerszene in Ostwestfalen-Lippe. Foto: Bernhard Pierel

Bielefeld (WB). Die Zahl der Existenzgründer geht in OWL zurück. SebastianBorek, Geschäftsführer der Founders Foundation in Bielefeld, führt dies auf einen Mangel an regionalen Angeboten für Wagniskapital zurück. Ansonsten könne OWL auf jeden Fall mit Berlin und Hamburg konkurrieren. Mögliche Lösung: Der heimische Mittelstand soll Venture Capital zur Verfügung stellen, fordert Borek im Gespräch mit BernhardHertlein.

Alle sprechen von Industrie 4.0. Was zeichnet den Gründer 4.0 aus?

Sebastian Borek: Grundsätzlich sind Gründer Menschen, die Spaß haben, Probleme zu finden, um sie dann zu lösen. Aktuell ist der Gründer 4.0 eher eine Rarität. Er sollte zum einen die Start-up-Szene verstehen, zum anderen aber auch die klassische Industrie, vor allem den Maschinenbau. Denn er muss beide Welten miteinander verbinden, um erfolgreich zu sein.

Was charakterisiert die Start-up-Szene 2016?

Borek: Sie ergreift die Chancen der Digitalisierung. Hauptaktionsfeld ist dabei noch nicht Industrie 4.0, sondern verstärkt der E-Commerce. In diesem Bereich sprießen Gründungen nur so aus dem Boden, seit die Infrastruktur dafür aufgebaut ist – sprich die Plattformen im Internet und die realen Vertriebswege. Wer will, kann in ein oder zwei Tagen einen eigenen E-Commerce-Handel auf die Beine stellen. Um erfolgreich zu sein, braucht er jedoch eine gute Idee und eine Nische. Industrie 4.0 auf der anderen Seite wird die Welt noch sehr verändern. Maschinen werden intelligent und sie werden miteinander kommunizieren. Aber noch haben sich weniger die Gründer als vor allem Großkonzerne des Themas angenommen. Hier muss viel Grundarbeit geleistet werden. Daher ist der Aufbau einer Infrastruktur eine Gründungshürde.

Nach Außen scheint es so, als ob der, der jetzt ein High-Tech-Unternehmen gründen möchte, nach Hamburg, Berlin oder vielleicht nach München ziehen sollte…

Borek: Ein gutes Team kann überall gründen. Im High-Tech-Bereich sollte es darauf achten, dass es Partner in der Industrie findet. Wichtig sind weiter Zugang zu Kapital und zu qualifizierten Köpfen. Qualifizierte Mitarbeiter finden wir in OWL auf jeden Fall, das zeigen auch die Erfahrungen der Founders Foundation. Jedoch mangelt es hier an Venture Capital. Heimvorteil haben wir aber durch das große Potenzial an traditionellen und gefestigten Unternehmen. Diese gilt es nun auch für Venture Capital zu sensibilisieren.

Was spricht zunächst für die Region?

Borek: Ostwestfalen-Lippe hat Substanz. Das überträgt sich auch auf die Gründer. In OWL überlegen sich die Leute ganz genau, ob und was sie gründen wollen. In Berlin schreibt man einfach seine Idee auf den guten alten Bierdeckel und wenn es klappt – gut. Wenn nicht, dann probiert man eben etwas anderes. Möglich ist diese Atmosphäre in Berlin, weil es dort Zugang zu Venture Capital gibt – dem sogenannten Wagnis-Kapital. Die Geldgeber kalkulieren von Anfang an ein, dass nur etwa 20 Prozent der Gründungen später Erfolg haben. Diese aber bringen genügend Profit.

Und in OWL?

Borek: Hier geht der Gründer zu Banken und Kreditinstituten als mögliche Geldgeber. Sie sind eher skeptisch und schauen sich sehr genau an, ob Idee und Plan genug Aussicht auf Erfolg haben. Viele scheitern dann. Gründer, die wie einst Heinz Nixdorf notfalls durch die Wand gehen, um ihre Idee doch noch zu verwirklichen, sind sehr selten. Sie brauchen in so einem Fall Zugang zu Venture Capital. Dabei denke ich nicht nur an Investoren oder Business Angels, sondern in OWL gerade an den Mittelstand. Es gibt ein großes Potenzial an traditionellen und gefestigten Unternehmen. Gemeinsam mit den Gründern von morgen können sie von den Chancen der Digitalisierung profitieren. Nicht selten finden sich innovative Köpfe sogar in den eigenen Reihen. Sie sollte das Unternehmen identifizieren und fördern, so dass sie ihre guten Ideen weiterentwickeln. Selbst wenn der Gründer mit seiner Idee scheitert, so ergeben sich aus dem Projekt und dem Team andere neue, erfolgreiche Ideen. Und wenn nicht: Die Qualifikationen, die ein Gründer erwirbt, machen ihn selbst zu einem noch wertvolleren Mitarbeiter.

Gibt es Fallen, in die Gründer besonders oft hineinlaufen?

Borek: Ich würde es weniger als Fallen bezeichnen, vielmehr als Herausforderungen. »Sell it, before you make it«, sagen die Amerikaner. Sprich: erst verkaufen, dann entwickeln. Hier in Deutschland aber stehen viele Gründer vor genau dieser Herausforderung, nicht zu lange alleine ohne jegliches Feedback an ihrem Produkt zu arbeiten. Sie suchen nicht den Kontakt in den Markt. Da vergehen schnell eineinhalb Jahre, bevor der kreative Dunst erstmals einen möglichen Kunden erreicht und sich die Frage nach der möglichen Nachfrage klärt. Oftmals mit enttäuschendem Ergebnis.

Warum sind Gründer so?

Borek: Viele verstecken ihre Ideen aus Angst vor Kopien und vor negativem Feedback. Dabei wäre ein direktes Feedback der Treibstoff des Erfolgs. Nur dadurch können Gründer ihre Ideen stetig optimieren und weiterentwickeln. Ich rate jedem, sich von der Vorstellung zu verabschieden, dass sich der Erfolg von alleine einstellt. In der Realität handelt es sich um einen Prozess, in dem eine gute Idee ständig weiter verbessert wird. Dazu braucht der Gründer ein gutes Team, das unterschiedlichste Köpfe beheimatet und das aus allen Perspektiven heraus über das Produkt diskutiert. Entwickler suchen sich gern Entwickler, Marketingbegeisterte gerne andere Marketingbegeisterte, mit denen sie auf einer Wellenlänge sind. Vorteilhafter wäre es, unterschiedliche Talente zusammen zu bringen.

Und dann, wenn Team und Produkt endlich rund sind?

Borek: Dann stellt sich die Frage nach dem richtigen Zeitpunkt. Ein Produkt kann zu früh oder zu spät auf den Markt kommen. Ist es soweit, sollte der Gründer nicht zu klein denken. Wer zufrieden ist, als Dienstleister ein oder zwei Kunden zu beliefern, macht sich von ihnen abhängig und verschenkt höchstwahrscheinlich sein Wachstumspotenzial.

 

 

Die Founders Foundation und ihr Geschäftsführer

Die Founders Foundation GmbH ist eine Einrichtung der Bertelsmann-Stiftung zur Förderung von Existenzgründern in Ostwestfalen-Lippe. Sie soll die Betroffenen motivieren, inspirieren, fortbilden und auf dem Weg zum eigenen Start-up mit Räumen, Mentoring, Coaching und weiteren Dienstleistungen unterstützen. Dafür stellt die Gütersloher Bertelsmann-Stiftung in den nächsten fünf Jahren insgesamt 17 Millionen Euro zur Verfügung.

Anfang Juni hat die Founders Foundation in Bielefeld die ersten Räume bezogen. Als nächstes Projekt startet in Paderborn im Herbst die Academy mit ihrem Programm. Weitere Standorte sind in Lemgo, Gütersloh und Herford geplant – angepasst an die vorhandene Infrastruktur für Hochschulabgänger und Existenzgründer.

Sebastian Borek (41), Mitgründer und Geschäftsführer der Founders Foundation, entstammt selbst einer Unternehmerfamilie, die in siebter Generation in Braunschweig ein Druckunternehmen betreibt. Sechs Jahre lebte und studierte er in New York, gründete dort auch eine Firma. Bei der Company Builder Hitfox in Berlin baute er junge Unternehmer und ihre Geschäftsmodelle auf. Außerdem arbeitete er bereichsübergreifend In der zentralen Unternehmensentwicklung von Bertelsmann.

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