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So., 11.09.2016

Modernisierung zu teuer – Unterricht läuft aus Bethel schließt überraschend seine Sekundarschule

Am Standort Rehwiese befindet sich auch die Sekundarschule Bethel. Die Schule läuft erfolgreich, Modernisierung und Ausbau sind dem Stiftungsvorstand aber zu teuer. In Berufskolleg und Gymnasium werden dagegen rund zehn Millionen investiert.

Am Standort Rehwiese befindet sich auch die Sekundarschule Bethel. Die Schule läuft erfolgreich, Modernisierung und Ausbau sind dem Stiftungsvorstand aber zu teuer. In Berufskolleg und Gymnasium werden dagegen rund zehn Millionen investiert. Foto: Büscher

Von Michael Schläger

Bielefeld (WB). Es war ein viel beachteter Neustart: 2013 nahm die Sekundarschule Bethel ihre Arbeit auf. Jetzt hat der Vorstand der von Bodelschwinghschen Stiftungen ihr schnelles Ende beschlossen. Modernisierung und Erweiterung seien zu teuer.

Nachdem sich am Freitag auch der Verwaltungsrat mit der Entscheidung befasst hatte, wurden die 22 Lehrer und die Elternvertreter informiert. 325 Kinder besuchen die Sekundarschule zurzeit. »Die Schule wird mit dem Schulabschluss der jetzigen Schüler im Sommer 2022 auslaufen«, sagte Barbara Manschmidt, Leiterin des Stiftungsbereichs Schulen. Die Kosten für die notwendigen baulichen Veränderungen überstiegen die finanziellen Möglichkeiten Bethels. Deshalb werde es keine Neuaufnahmen mehr geben.

In Modernisierung und Weiterentwicklung anderer Bethel-Schulen wird in den kommenden drei bis vier Jahren dagegen kräftig investiert – insgesamt rund zehn Millionen Euro. So soll das Berufskolleg am Zionswald umfassend modernisiert werden. Dort werden künftig alle beruflichen Bildungsgänge (Heilpädagogik, Sozialpädagogik, Gesundheitswesen), die derzeit noch auf vier Standorte verteilt sind, zusammengefasst. Die Oberstufe des Gymnasiums wird dann vom Zionsberg an den Standort Rehweise umziehen. Das Gymnasium, an dem auch der inklusive Unterricht für Kinder mit Beeinträchtigungen ausgebaut wird, soll dafür einen Anbau erhalten. 3,9 Millionen Euro kostet zudem der Neubau einer Dreifachturnhalle am Quellenhofweg. Die Sekundarschule eingeschlossen, wäre eine Investitionssumme von rund 20 Millionen Euro erforderlich gewesen, bestätigte Manschmidt – zu viel für die Stiftungen.

Reduzierung des städtischen Zuschusses ausschlaggebend

In einer offiziellen Mitteilung der von Bodelschwinghschen Stiftungen heißt es, mit ausschlaggebend für diese Entwicklungsplanung sei auch die Reduzierung des städtischen Zuschusses an Bethel gewesen. Ab 2012 wurde der um jährlich 600.000 Euro gekürzt. Die Stadt hatte das mit Sparmaßnahmen wegen der Haushaltssicherung begründet. Die auslaufende Schließung der Sekundarschule trifft eine bei Eltern besonders beliebte Schulform. Gerade erst waren 75 Kinder in die Betheler Sekundarschule neu aufgenommen worden. 150 Anmeldungen hatte es ursprünglich gegeben. Hervorgegangen war die Sekundarschule aus der Realschule Bethel.

Die Schulform Sekundarschule umfasst die Jahrgänge fünf bis zehn und ist offen für Kinder mit Haupt-, Realschul- und Gymnasialempfehlung. Der Standort Bethel war besonders reizvoll, weil mit dem Gymnasium der Bodelschwingh-Schulen gleich die Durchlässigkeit in Richtung Oberstufe und Abitur gegeben war.

Der Druck auf die Stadt wächst

Mit der Entscheidung der von Bodelschwinghschen Stiftungen wächst jetzt der Druck auf die Stadt, ihre eigenen Sekundarschul-Pläne weiterzuverfolgen. Vor der Sommerpause hatte der Schulausschuss des Rates beschlossen, dass Brodhagen-Hauptschule und Bosse-Realschule ein Konzept für eine Sekundarschule am Standort Brodhagen entwickeln sollten. Hintergrund ist, dass die Hauptschulen in der Stadt nach und nach auslaufen, es für sie mittelfristig wohl keinen Bedarf mehr geben wird. Die städtische Sekundarschule soll frühestens zum Schuljahr 2018/19 an den Start gehen.

Am Montag wird es einen Elternabend an der Sekundarschule Bethel geben, wo über die aktuelle Entscheidung informiert wird. Barbara Manschmidt kündigte an, dass mit den 22 Pädagogen Gespräche über die weitere Verwendung geführt würden. »Aber zunächst einmal werden ja noch alle gebraucht. Der Schulbetrieb geht ganz normal weiter.«

Kommentare

...unglücklich!

Auch wenn ich mich für meinen Sohn bemühe, diese Nachrichten-"Bombe" des Wochenendes nicht als großes Drama zu bewerten und ihm immer wieder zu versichern, dass er sich NICHT UMSONST gefreut hat, dass er einen Platz in der Sekundarschule bekommen hat - auch mir ist extrem mulmig zumute.

Ein paar Tage vorher war die Schulgemeindeversammlung, dort wurden die guten Konzepte des Gymnasiums und der Sekundarschule hervorgehoben - alles schien auf eine richtige Schulwahl zu deuten. Mein Sohn ist neben den anderen 74 neuen Fünftklässlern gut angekommen, wie man so schön sagt. Und nun durfte ich mir am Samstag von einem völlig verzweifelten 10-jährigen anhören: " Mama, ich werde von der Schule geschmissen, die wird geschlossen!" Einen ungünstigeren Zeitpunkt für diese Mitteilung hätte der Bethel-Vorstand nicht finden können.

Auch wenn die Lehrer zur Zeit noch gebraucht werden, der neue 5. Jahrgang noch bis zum Schulabschluss bleiben kann - wer garantiert uns Eltern denn, dass die engagierten und hoch motivierten Lehrer nicht auch vor 2022 schon - im Hinblick auf ihre eigene finanzielle Absicherung und auch für die Erfüllung ihrer eigenen Zielsetzungen und Ideale - bei neuen Angeboten anderer Schulen in Bethel ihren Abschied nehmen? Wenn mir mein Chef sagen würde "naja, bis 2022 brauche ich Sie noch, danach aber müssen wir mal sehen" - ich würde mich schon früher nach etwas anderem umsehen.

Ich finde es sehr unglücklich, wie diese Entscheidung öffentlich gemacht wird - zu Lasten der Kinder, der Eltern und der Lehrer! Die Gebäudesituation wurde doch in mehreren Monaten analysiert, warum kommt es dann jetzt zu der Feststellung?

nun gut, ich versuche weiter, mich in Geduld und Hoffnung zu üben, dass mein Sohn gut in der richtigen Schule ist - und warte dann mal die heutige Informationsveranstaltung der Schule ab. Diese hätte meiner Meinung nach bereits letzte Woche VOR der Medienbekanntgabe stattfinden müssen.

Unfassbar

"zunächst werden noch alle gebraucht. der schulbetrieb geht normal weiter." davon kann hier wohl nicht die rede sein.
wie sollen die 22 pädagogen, von denen hier die rede ist, morgen früh vor ihre sekundarschulklassen treten? etwa auch "ganz normal"?
ganz normal, als hätte man ihnen drei tage zuvor nicht aus heiterem himmel verkündet, dass die schulform, in die sie und ihre kollegen so viel zeit, engagement und energie gesteckt haben, einfach so wieder abgeschafft wird?
ganz normal, als müssten sie sich keine sorgen um ihren arbeitsplatz machen, denn immerhin werden sie ja "zunächst einmal noch gebraucht"?.
ganz normal, als hätten sie nicht die böse erfahrung gemacht, dass der leitspruch "eine schule für alle" für bethel wohl nur auf dem papier gut aussieht, mit der realität aber letztendlich nichts zu tun hat?

schüler, lehrer und eltern werden hier völlig aus einem scheinbar wirtschaftlichen entscheidungsprozess ausgegrenzt und einfach vor vollendete tatsachen gestellt. alternativen werden nicht in betracht gezogen, nicht diskutiert. stattdessen stellt man vor zwei wochen noch neue lehrkräfte an der sekundarschule ein, heißt 75 neue fünftklässler und ihre eltern willkommen, um ihnen dann ein paar tage später zu verkünden, dass ihre schule stirbt.

2 Kommentare

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