So., 26.02.2017

Nächtliche Saufgelage im Brackweder Zentrum treiben Anwohner zur Verzweiflung Angst vor fliegenden Bierflaschen

Müllhaufen wie dieser, die Reste von Saufgelagen, verunreinigen alle paar Tage Treppen- und Kirchplatz. Ein Teil der Produkte stammt aus dem nahen Kiosk (hinten rechts), doch lässt sich der für das Verhalten der Trunkenbolde kaum verantwortlich machen.

Müllhaufen wie dieser, die Reste von Saufgelagen, verunreinigen alle paar Tage Treppen- und Kirchplatz. Ein Teil der Produkte stammt aus dem nahen Kiosk (hinten rechts), doch lässt sich der für das Verhalten der Trunkenbolde kaum verantwortlich machen. Foto: Markus Poch

Von Markus Poch

Bielefeld (WB). Bei Stadtfesten schließen die Anwohner von Treppen- und Kirchplatz in Brackwede vorübergehend Augen und Ohren. Dafür, dass dort drei- oder viermal jährlich gefeiert wird, haben sie Verständnis. An den meisten Tagen im Jahr ist allerdings kein Stadtfest, und trotzdem wird auf den Plätzen von einer kleinen Gruppe Trunkenbolde oft bis weit in die Nacht hinein Alkohol konsumiert, gegrölt und gepöbelt.

Sichtbare Zeugnisse der lautstarken Exzesse sind am nächsten Morgen die zurückgelassenen Müllhaufen – vor allem leere und zerschlagene Flaschen, aber auch Tüten, Dosen, Zigarettenschachteln und anderer unappetitlicher Abfall. Vieles davon liegt oft noch das ganze Wochenende herum und verteilt sich entsprechend in der Gegend. Glasscherben gefährden Kinder und Haustiere. Feuchte Stellen an den Wänden der Läden und Wohnhäuser, sogar am Mauerwerk der Bartholomäuskirche, zeugen regelmäßig vom Harndrang der Säufer. Gelegentlich kommt es vor, dass Teilnehmer der Gelage vor Kellertüren oder an Hintereingängen nicht nur ihre Blase, sondern auch ihren Darm entleeren.

Verantwortung wird hin- und hergeschoben

Die Anwohner sind verzweifelt, fühlen sich von allen Ordnungshütern im Stich gelassen. Seit 2014 leiden sie nun schon unter dieser Situation und das nicht nur an warmen Sommertagen, sondern auch in Herbst und Winter, sofern die Witterung trocken bleibt. Das Problem ist bei Polizei und Ordnungsamt hinlänglich bekannt. Annähernd 100 schriftliche Beschwerden, zum Teil mit Beweisfotos garniert, liegen bereits vor. Jedoch sind die Behörden mit dem Problem offensichtlich überfordert, denn es ändert sich nichts. Die Verantwortung wird hin- und hergeschoben. Das bestätigten aufgebrachte Anwohner jetzt in einem öffentlichen Gespräch mit Politikern der CDU-Fraktion in der Bezirksvertretung Brackwede .

Dazu hatten Vorsitzender Carsten Krumhöfner und seine Parteikollegen die Betroffenen per Faltblatt auf dem Treppenplatz zusammengetrommelt. »Dieses ist eine riesengroße Herausforderung für die Stadt«, wetterte eine junge Nachbarin, die allzu oft um den Schlaf gebracht wird. »Aber wir bekommen einfach keine Hilfe, obwohl sich hier jeder massiv in seiner Lebensqualität beeinträchtigt fühlt.« Ein anderer Nachbar berichtet davon, wie auf einer Mauer nur wenige Meter unterhalb seines Wohnzimmerfensters immer wieder die Bierflaschen geleert und zerschlagen, Passanten beleidigt werden. »Ich habe schon Angst davor, bis ans Fenster zu gehen, weil ich befürchten muss, mit Flaschen beworfen zu werden«, sagt er.

Neues Sicherheitskonzept

Im Kern seien es sechs bis acht Leute, Jugendliche bis Senioren, die sich dort versammelten, darunter oft auch ein aggressiver, laut pöbelnder Rollstuhlfahrer. An schöneren Tagen kämen bis zu 15 Leute, die dann auch gerne die Stadtbahnhaltestelle belagerten und Fahrgäste belästigten. Schon oft haben die Anlieger Polizei und Ordnungsamt über die aktuellen Geschehnisse informiert und um Hilfe gebeten. »Doch am Telefon werden die Polizisten sofort frech oder legen auf«, ereifert sich eine dritte Anwohnerin. »Und wenn tatsächlich mal ein Streifenwagen kommt, dann fährt er mit Martinshorn und Blaulicht vor, und alle Säufer sind weg.«

Die CDU-Fraktion will nun dabei helfen, das Brackweder Problem als neuen Schwerpunkt ins künftige Sicherheitskonzept der Stadt Bielefeld einzuarbeiten. Das versprach Ratsfraktionsvorsitzender Ralf Nettelstroth. »Das Ping-Pong-Spiel zwischen Polizei und Ordnungsamt muss ein Ende haben«, sagte er. Carsten Krumhöfner sicherte den Anwohnern außerdem zu, einen Gesprächstermin mit der Polizei zu organisieren. »Wir wollen den Stadtteil nicht schlecht, aber auch nicht schön reden«, sagte Krumhöfner. »Es muss hier mehr gefühlte Sicherheit geben.« Lediglich eine »höhere Toleranzschwelle zu entwickeln«, was Dezernentin Anja Ritschel gefordert habe, könne nicht die Lösung sein.

Ratsmitglied Vincenzo Copertino berichtete von den Gesprächsergebnissen eines runden Tisches, bei dem das Thema erörtert wurde. Demnach sollen Polizei und Ordnungsamt die Plätze von sofort an stärker beobachten. Die mobile Stadtwache soll schneller ausrücken. Zudem ist geplant, Sozialarbeiter deeskalierend einzusetzen und damit zu beauftragen, Personalien der Randalierer zu ermitteln. Angedacht wird auch, die Aufenthaltsqualität für Trinker durch Demontage von Sitzgelegenheiten zu verschlechtern. Mobiel soll rigoros Störenfriede von seinen Haltestellen vertreiben.

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