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Di., 22.08.2017

Nach Statistik von AOK über zufriedene Mütter: Verband spricht von Versorgungslücke Hebammen kritisieren Sparkurs

Eltern mit ihrem Neugeborenen in einer Klinik: In NRW sei die Geburtshilfe »eine Baustelle«, kritisieren Hebammen.

Eltern mit ihrem Neugeborenen in einer Klinik: In NRW sei die Geburtshilfe »eine Baustelle«, kritisieren Hebammen. Foto: dpa

Von Dietmar Kemper

Bielefeld (WB). Während Frauen, die gerade ein Kind bekommen haben, mit den Geburtskliniken in Westfalen-Lippe durchweg zufrieden sind, sprechen Hebammen gleichzeitig von der »Baustelle Geburtshilfe« und einer »Versorgungslücke für Frauen«. Wie passt das zusammen?

83 Prozent der nach der Geburt befragten Frauen würden ihrer besten Freundin die von ihnen gewählte Klinik weiterempfehlen. So lautet, wie berichtet, das Ergebnis von Statistiken der Krankenkassen AOK und Barmer sowie der »Weißen Liste« , also der Kliniksuchmaschine der Gütersloher Bertelsmann-Stiftung.

Sie haben in ihren Krankenhausvergleichsportalen die Ergebnisse der Befragungen von 15.300 Müttern aus Westfalen-Lippe veröffentlicht. Die Interviews laufen seit 2014, finden sechs bis 16 Wochen nach der Entlassung aus der Geburtsklinik statt und erfassen die Zufriedenheit mit der ärztlichen Behandlung und der Betreuung durch Hebammen und Pflegekräfte genauso wie die Hygiene und den Umgang mit Babys. Der Vorstandsvorsitzende der AOK-Nordwest, Tom Ackermann, spricht »von einer großen Zufriedenheit der Mütter mit den Kliniken«.

Weniger Geburtsstationen, mehr Babys

Ist das wirklich so? Die Vorsitzende des nordrhein-westfälischen Hebammenverbandes, Barbara Blomeier aus Bielefeld, bezweifelt das. Schwangere Frauen müssten hin- und herreisen, um eine Geburtsklinik zu finden, sagt sie dem WESTFALEN-BLATT: »Einige Kliniken melden sich kurzzeitig vom Versorgungsnetz ab, andere schließen an Wochenenden und wieder andere deckeln die Zahl der Frauen, die sie aufnehmen.«

Nicht nur für die Schwangeren, sondern auch für deren Angehörige sei das eine belastende Situation: »Eine Geburt ist für die ganze Familie eine Ausnahmesituation, sie braucht personellen und seelischen Beistand. Es ist ein Skandal, dass wir in einem hochzivilisierten Land eine so desolate Lage haben.«

Nach Angaben des NRW-Hebammenverbandes (4100 Mitglieder) sank die Zahl der Geburtsstationen von 168 im Jahr 2013 auf 159 im vergangenen Jahr. Gleichzeitig nahm die Zahl der Geburten im bevölkerungsreichsten Bundesland von 143.358 auf 168 936 zu. Jüngst hätten Geburtsstationen in Herne, Köln-Nippes, Menden und Meschede dicht gemacht, bedauert der Verband.

»Normale« Geburt kostet 1900 Euro

In Ostwestfalen-Lippe scheint die Situation weniger angespannt zu sein als in anderen Landesteilen. In den Jahren 2015 und 2016 seien keine Geburtsstationen geschlossen worden, teilt die Bezirksregierung mit und ergänzt: »Nach unserer Kenntnis planen keine Plankrankenhäuser, geburtshilfliche Abteilungen zu schließen.« Blomeier vom Hebammenverband sagt: »Das klingt gut, ist aber nicht so.« Vor 2015 habe es beispielsweise in Bünde und Bielefeld Schließungen gegeben.

Blomeier glaubt, dass Geburtsstationen für Kliniken nicht mehr lukrativ sind: »In den Kreißsälen fahren die Kliniken einen Sparkurs. Sie bekommen für jede Geburt eine festgesetzte Pauschale – egal wie lange eine Geburt dauert. Und so sparen die Kliniken am Personal.« Eine vaginale Geburt ohne Komplikationen kostet nach Angaben des Johannes-Wesling-Klinikums in Minden 1900 Euro.

»Katastrophale« Arbeitsbedingungen für Hebammen

Die Arbeitsbedingungen für Hebammen nennt Blomeier »katastrophal«. Sie würden im Arbeitsalltag »verschlissen«. Hebammen müssten zu viele Frauen gleichzeitig versorgen, die Geburtsbetreuung komme dabei zu kurz. Freiberufliche Hebammen litten zudem unter stark gestiegenen Beiträgen für die Haftpflichtversicherung. Die kommt für Schäden auf, die bei der Geburt auftreten.

Wegen solcher Hemmnisse und unzureichender Vergütung – für einen Wochenbettbesuch gibt es demnach 33 Euro, für eine Hausgeburt etwa 500 – vergehe Hebammen die Lust und manche gäben ihren Beruf auf. So entsteht ein Teufelskreis: Auch weil es weniger Hebammen gibt und die Schadenersatzforderungen nach Kunstfehlern hoch sind, schließen Kliniken Kreißsäle.

Aber auch Frauen, die schon ihr Kind geboren haben, bringt das in Schwierigkeiten. Um eine Wochenbettbetreuung nach der Geburt sicherzustellen, müssten Mütter an manchen Orten bis zu 40 Hebammen anrufen, sagt Blomeier. Die Rückbildungskurse seien Monate im Voraus ausgebucht, nicht zuletzt von Frauen, die noch gar nicht entbunden haben.

Alleingeburten keine Alternative

Von Alleingeburten ohne professionelle Begleitung rät Blomeier ab: »Wenn etwas nicht nach Plan läuft, wenn etwa plötzliche Blutungen auftreten, wird es aus unserer Sicht problematisch.« Jede Frau, die ihr Kind mit Hilfe einer Hebamme zur Welt bringen möchte, müsse diese auch bekommen können.

Die Vorsitzende des Hebammenverbandes erwartet gespannt die Ergebnisse einer Befragung von Müttern und Hebammen, die noch die alte rot-grüne Landesregierung in Auftrag gegeben hatte. Losgehen soll sie Anfang 2018, auch nach der Zufriedenheit mit Geburtskliniken soll gefragt werden. Ob dabei andere Ergebnisse herauskommen als bei der Erhebung der Krankenkassen?

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