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Sa., 16.09.2017

Biografie von Massimo Bognanni schildert den Abstieg des Top-Managers Zweites Buch über Middelhoff: »Er predigte Wasser – und trank selbst Wein«

Thomas Middelhoffs Fall ist ein Stoff für viele Bücher.

Thomas Middelhoffs Fall ist ein Stoff für viele Bücher. Foto: dpa

Von Bernhard Hertlein

Bielefeld (WB). Viel umjubelt, tief gefallen – bis zum verurteilten Straftäter und Häftling. Nicht wenige meinen: Nun ist es Zeit, dass es ruhiger wird um Thomas Middelhoff. Schließlich sei doch nun alles geschrieben und gesagt. Doch das ist es nicht.

Für Gesprächsstoff sorgen – neben neuen Interview und Talkshows zwei Bücher . Zunächst, vor zwei Wochen, war es Middelhoff selbst, der mit einer Autobiografie über seine Zeit während des Prozesses und insbesondere in der Haft die Öffentlichkeit suchte. Aktuell legt nun der Handelsblatt-Redakteur Massimo Bognanni mit seiner Biografie »Middelhoff – Abstieg eines Star-Managers« nach.

Vorweg: Was den Schreibstil betrifft, so ist Middelhoff, der in jungen Jahren mal Schriftsteller werden wollte, dem Journalisten voraus. Auch seine Gegner werden einräumen, dass seine Autobiographie packend geschrieben ist.

Vieles ist bekannt

Bognanni aber hat den Nachteil, dass vieles, was in einer Biografie berichtet werden muss, zumindest zwischen Gütersloh und Essen, den Firmensitzen von Bertelsmann und Arcandor und Hauptwirkungsstätten Middelhoffs, bekannt ist. Möglicherweise hätte der Autor lieber einen Roman geschrieben. Doch da gibt es mindestens drei Autoren, die diese Idee bereits umgesetzt haben: Rainald Goetz in »Johann Holtrop«, Katharina Münk in »Die Insassen« und »Glänzende Geschäfte« sowie Joshua Groß in »Faunenschnitt«.

So blieb Bognanni eigentlich nur die Möglichkeit, seine investigativen Fähigkeiten und die Notizen, die er als Berichterstatter bei den Prozessen und in Gesprächen mit Wegbegleitern Middelhoffs gemacht hat.

Ein Angebot aus Paderborn

Dabei deckt er einige Details auf, die gerade aus ostwestfälischer Sicht interessant sind. Zum Beispiel, dass Middelhoff zu einem Zeitpunkt, als er noch lange nicht die höchste Stufe auf der Bertelsmann-Karriereleiter erklommen hatte, ein Jobangebot von Siemens Nixdorf (der Autor scheibt fälschlich Wincor Nixdorf) ausnutzte, um seine Position zu verbessern. Was wäre aus ihm geworden, wäre er nach Paderborn gegangen?

Der Manager und die Presse

Interessantes fand Bognanni zum Verhältnis zu anderen Bertelsmann-Managern. In der Autobiografie beklagt Middelhoff ein – wie er es sieht – herzloses Schreiben seines Ziehvaters und Vorgängers bei Bertelsmann, Mark Wössner. Die Biografie allerdings legt nahe, dass Middelhoff kurz vor seinem Wechsel auf den Vorstandsvorsitz möglicherweise selbst Berichte in der Presse lancierte, nach denen die Bilanz seines Vorgängers gar nicht so golden war wie alle glaubten.

Erneut habe er die Presse genutzt, als er Redakteure des »Spiegel« zu Wössner führte. Sich in einem Hintergrundgespräch wähnend äußerte sich dieser in einer Weise, die Reinhard Mohn untragbar schien und Wössner den Job als Aufsichtsratschef kostete.

Middelhoff, der Menschenfänger?

Middelhoff, so schildert es der Autor, war ein Menschenfänger, der seine Gesprächspartner faszinieren und seine Mitarbeiter motivieren konnte. Doch wenn sie in schwierige Situationen kamen, tauchte er ab – wie im Fall von Jürgen Howe, seinem Pressesprecher bei Arcandor, der später zu Daimler wechselte. Middelhoff suchte gezielt das Gespräch mit einfachen Angestellten und Arbeitern.

Aber wie wenig ihm ihr Schicksal wirklich nahe ging, zeigte sich nicht erst bei der Pleite von Arcandor/Karstadt. Auch in Gütersloh bei Mohndruck habe man schon von ihm gesagt: »Er predigt Wasser, aber er trinkt Wein.«

Gier nacht Status und Besitz

Die unersättliche Gier nach Status und Besitz hat Middelhoff, der sein Abitur auf dem zweiten Bildungsweg machte und auch für die Promotion zwei Anläufe genommen hat, schließlich dahin geführt, wo er im Alter von 64 Jahren ist: in die Haftanstalt und in die Insolvenz.

Was die Geltungs- und Habsucht betrifft, so steht er nicht allein. Schon die lange Liste prominenter Wirtschaftsgrößen, mit denen er agierte, darunter Roland Berger, Madeleine Schickedanz und der Immobilienhai Josef Esch, mach seine Biografie interessant. Am Rande deckt Bognanni auf, wie die Middelhoffs an ihre Villa an der Côte d’Azur seiner Meinung gekommen sind: Durch eine 14-monatige Hausbesetzung. Middelhoff zog einfach nicht aus, als der Mietvertrag abgelaufen war.

Nicht von AOL überzeugt

Grundlage für Middelhoffs zeitweisen Reichtum war der 40-Millionen-Euro-Bonus, den er von Bertelsmann für das gewinnträchtige Engagement bei AOL erhalten hat. Dabei war er, wie Bognanni schreibt, anfangs gar nicht von AOL überzeugt und wollte lieber mit Microsoft kooperieren. Zwei Manager, die ihm in den USA zur Seite standen. erfochten später vor einem Gericht noch eine viele höhere Abfindung.

Bertelsmann hat von Middelhoff in guten Zeiten profitiert: Die Aufstockung des Anteils an RTL und der Erwerb der weltgrößten Buchverlagsgruppe Random House sind noch heute Grundlage des Konzerngeschäfts. Auf der Negativseite stehen Milliardenverluste bei Zomba, Napster und als Folge des bei Mohn ausgehandelten und später rückabgewickelten Börsengangs.

Mann für die Bühne

So uneindeutig wie diese Bilanz ist auch Bognannis Sicht auf den Menschen. Middelhoff, erst Wunderkind, dann Prügelknabe, verlasse die Bühne im Stillen – wie man jetzt weiß, ein Fehleinschätzung, die der Autor wenige Seiten später auch schon zurücknimmt. Das Buch endet mit der gegenteiligen Feststellung: Thomas Middelhoff sei der Mann für die Bühne. Nicht für den Zuschauerraum.

 

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