Mi., 22.11.2017

Andreas-Gärtner-Stiftung bezahlt Familie einen Schwenkhubsitz Mit 14 fiel Stefanie ins Wachkoma

Philip Wessel schiebt seine Tochter in ihrem Spezial-Rollstuhl ans Auto, aus dem eine Plattform herausfährt (oben links). Per Fernbedienung hebt, kippt und schwenkt Philip Wessel seine Tochter in den Wagen (oben rechts). Dort löst er den Sitz vom Rollstuhl und schiebt ihn auf die ausgefahrene Plattform (unten links). Geschafft! Der Sitz kann im Auto nach hinten gekippt werden, damit die Mutter die Atemwege ihrer Tochter absaugen kann.

Philip Wessel schiebt seine Tochter in ihrem Spezial-Rollstuhl ans Auto, aus dem eine Plattform herausfährt (oben links). Per Fernbedienung hebt, kippt und schwenkt Philip Wessel seine Tochter in den Wagen (oben rechts). Dort löst er den Sitz vom Rollstuhl und schiebt ihn auf die ausgefahrene Plattform (unten links). Geschafft! Der Sitz kann im Auto nach hinten gekippt werden, damit die Mutter die Atemwege ihrer Tochter absaugen kann. Foto: Oliver Schwabe

Von Christian Althoff

Bielefeld (WB). Stefanie war 14 Jahre alt, als sie nach einem Unfall ins Wachkoma fiel. Heute ist sie 21, und ihr Zustand ist unverändert.

Nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Neurologie fallen bundesweit jedes Jahr etwa 1000 Menschen nach einer Hirnschädigung in ein Wachkoma. Ursache können zum Beispiel Unfälle, Sauerstoffmangel oder Schlaganfälle sein. Die Betroffenen wirken wach, haben aber möglicherweise kein Bewusstsein und nur sehr begrenzte Möglichkeiten zur Kommunikation.

»Ärzte fragen uns ab und zu, ob wir unsere Tochter nicht in ein Heim geben wollen. Aber daran haben wir noch nicht eine Sekunde gedacht«, sagt Philip Wessel. Er ist Busfahrer bei den Stadtwerken in Bielefeld und kümmert sich zusammen mit seiner Frau Galina, die ihren Beruf aufgeben musste, um die Tochter.

»Es war eine schlimme Zeit«

Nach ihrem Unfall verbrachte Stefanie sieben Monate in Krankenhäusern und Reha-Einrichtungen. »Es war eine schlimme Zeit«, sagt Galina Wessel. Ihre Tochter habe die flüssige Sondennahrung, die ihr in den Bauch gespritzt worden sei, nicht vertragen. »Sie musste sich immer übergeben und bekam die Sondennahrung dabei in die Luftröhre. Das hat im Laufe der Zeit zu zehn Lungenentzündungen geführt.« Zum Schluss hätten die Ärzte kein Antibiotikum mehr gehabt, gegen das Stefanie nicht resistent gewesen sei, sagt der Vater.

Stefanie war noch in der Reha, als die Eltern begannen, ihr eigene Sondennahrung herzustellen. Das tun sie bis heute – mit großem Erfolg. Die Mutter: »Ich püriere unser ganz normales Essen und verdünne es mit Tee, bis es so zähflüssig ist wie Honig. Das drücken wir Steffi ganz langsam durch die Sonde in den Magen, und sie behält es gut bei sich.«

Videokamera in Stefanies Zimmer

Als Wachkomapatientin muss die junge Frau Tag und Nacht kontrolliert werden. »Es kann immer passieren, dass sie sich auf die Zunge beißt oder Speichel in die Luftröhre kommt«, sagt der Vater. In Stefanies Zimmer steht deshalb eine Videokamera, deren Bild ins Wohnzimmer übertragen wird, und nachts meldet ein Fühler, der an einem Finger der jungen Frau befestigt wird, wenn irgendetwas nicht stimmt.

Vorne am Hals hat Stefanie Wessel eine sogenannte Trachealkanüle, über die die Eltern ihr die Atemwege absaugen können. Mehrmals in der Woche bekommt die 21-Jährige Krankengymnastik, damit sich ihre Muskeln nicht abbauen, und ein Logopäde massiert bestimmte Stellen am Kopf. »Damit soll der Schluckreflex trainiert werden«, sagt der Vater.

In den ersten Monaten nach dem Unfall dachten die Eltern noch, Stefanie könne jeden Tag aus dem Koma erwachen, und alles könne wieder gut werden. »Aber diese Hoffnung haben wir heute nicht mehr«, sagt Philip Wessel. Das Ehepaar zog mit dem Mädchen in einen Bungalow ohne Treppen, und der Vater baute alles behindertengerecht um.

»Jetzt können wir Steffi überall mit hinnehmen«

Die Eltern reden ganz normal mit ihrer Tochter, und sie sagen, sie erlebten Reaktionen. Galina Wessel: »Wenn Steffi mitbekommt, dass wir über sie sprechen, macht sie einen tiefen, zufriedenen Seufzer. Und wenn sie mit etwas nicht einverstanden ist, beißt sie die Zähne fest zusammen.«

Aus dem Haus können die Wessels nur, wenn sie ihre Tochter mitnehmen. Das Rote Kreuz half ihnen im vergangenen Jahr, bei verschiedenen Stiftungen Zuschüsse für einen Schwenkhubsitz zu beantragen, der statt des Beifahrersitzes in das Familienauto gebaut wurde. Die Andreas-Gärtner-Stiftung sagte die Hilfe zu. »Sie hat die Kosten von 5318 Euro übernommen«, sagt der Vater.  »Mit diesem Sitz können wir Steffi vorne in den Wagen setzen, und meine Frau, die hinten sitzt, kann sie während der Fahrt absaugen.« Philipp Wessel sagt, er könne gar nicht beschreiben, wie dankbar er den Menschen sei, die an die Stiftung gespendet und die Hilfe möglich gemacht hätten. »Jetzt können wir Steffi überall mit hinnehmen.«

Weihnachtsspendenaktion

Schon 2012 kam der Erlös der WESTFALEN-BLATT-Weihnachtsspendenaktion der Andreas-Gärtner-Stiftung zugute. Und auch in diesem Jahr bitten wir Sie um Ihre Unterstützung für diesen guten Zweck. Hermann Gärtner garantiert dafür, dass jeder Euro ohne jeden Abzug bei den Betroffenen ankommt.

Hermann Gärtner, dessen inzwischen verstorbener Sohn Andreas geistig behindert war, hatte 1993 die Andreas-Gärtner-Stiftung gegründet, die geistig Behinderte unterstützt.

Lesen Sie hier das Interview mit Hermann Gärtner und seiner Tochter Birgit Gärtner.

Spendenkonto

Um zu spenden, nutzen Sie bitte folgendes Konto:

Andreas-Gärtner-Stiftung

DE 72 4905 0101 0040 1379 45

Zweck: Weihnachtsspende

Für eine Spendenquittung vermerken Sie bitte Ihre Adresse auf dem Überweisungsträger. Die Namen der Spender werden veröffentlicht, die Höhe der Einzelspenden nicht. Soll Ihr Name nicht erscheinen, melden Sie sich bitte unter Tel. 0521/585254 oder spende@westfalen-blatt.de

Kommentare

Diese Diskussion ist geschlossen. Kommentieren ist nicht mehr möglich.

Google-Anzeigen

© WESTFALEN-BLATT
Vereinigte Zeitungsverlage GmbH

Alle Inhalte dieses Internetangebotes, insbesondere Texte, Fotografien und Grafiken, sind urheberrechtlich geschützt. Verwendung nur gemäß der Nutzungsbedingungen.

Mehr zum Thema

Anzeige


http://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/5304521?categorypath=%2F2%2F2158585%2F2158590%2F2198384%2F2198387%2F2513179%2F