Di., 26.12.2017

Dieter Brand (Bielefeld) spricht über Niedrigzinsen, Kontogebühren und Filialschließungen Sparkassen-Vorstandschef: »Ich kann Draghi verstehen«

Dr. Dieter Brand, acht Jahre Chef der Sparkasse Bielefeld, geht in den Ruhestand.

Dr. Dieter Brand, acht Jahre Chef der Sparkasse Bielefeld, geht in den Ruhestand. Foto: Oliver Schwabe

Bielefeld  (WB).  22 Jahre lang arbeitete Dr. Dieter Brand (64) für die Sparkasse Bielefeld, davon lange an der Spitze des Instituts mit einer Bilanzsumme von mehr als sechs Milliarden Euro und fast 1300 Mitarbeitern. Im Gespräch mit Edgar Fels blickt er auf eine spannende Zeit zurück, die auch geprägt war durch die ­Finanzkrise und historisch niedrige Zinsen.

Herr Dr. Brand, Sie standen acht Jahre an der Spitze der Sparkasse Bielefeld. Zum Jahresende gehen Sie in den Ruhestand. Welche Bilanz ziehen Sie?

Dr. Dieter Brand: Die Sparkasse Bielefeld ist und bleibt ein gut aufgestelltes Institut. Daran hat sich in all den Jahren nichts geändert. Insofern fällt die Bilanz gut aus.

 

Als Sie im Januar 2010 den Chefposten von Hans-Georg Vogt übernahmen, war die Bankenwelt in Aufruhr. Wie hat die globale Finanzkrise die Sparkassen geprägt?

Brand: Hier muss man unterscheiden zwischen der Sparkasse Bielefeld und der Bankenwelt insgesamt. Wir waren als Institut nie direkt betroffen, indirekt schon. Zum Beispiel durch den Zusammenbruch der West-LB. Sie war Teil der Sparkassenorganisation und damit auch unser Problem.

Zur Person

Dieter Brand wurde am 7. Oktober 1953 in Würselen-Bardenberg bei Aachen geboren. Er studierte in Paderborn Wirtschaftswissenschaften und schrieb seine Dissertation. Anschließend studierte er in Colorado (USA). Dieter Brand ist verheiratet und hat zwei Töchter. Brand arbeitete als Bundesbankreferendar (1980) sowie im Bundesaufsichtsamt für das Kreditwesen (1985), zunächst in Berlin, dann in der Hauptverwaltung Düsseldorf, Abteilung Bankwesen und Statistik. 1990 wurde er Bundesbankdirektor und Mitglied der Abteilungsleitung Bankwesen und Statistik. 1992 wurde Brand stellvertretender Geschäftsführer des Westfälisch-Lippischen Sparkassen- und Giroverbandes. Seit Anfang 1996 ist er bei der Sparkasse Bielefeld, zunächst als stellvertretendes Mitglied des Vorstandes, ab Mai 1999 als Mitglied des Vorstandes und ab April 2002 als stellvertretender Vorstandsvorsitzender. Am 1. Januar 2010 wurde er Vorstandsvorsitzender sowie Obmann der Sparkassen der Arbeitsgemeinschaft Minden-Ravensberg-Lippe.

 

Welche Folgen hatte die ­Finanzkrise?

Brand: Eine Folge der Lehman-Pleite im September 2008 ist eine Regulierungsdichte durch EU und Bankenaufsicht, die ich in dieser ausgeprägten Form nicht erwartet habe. Die Bürokratie ist zu groß geworden und eine Belastung für jedes Kreditinstitut. Seit 2010 ist die durch die Notenbanken forcierte Zinsentwicklung bis hin zu Minuszinsen zur zweiten großen Herausforderung für Kreditinstitute geworden.

 

War es richtig, dass der Chef der Europäischen Zentralbank, Mario Draghi, Negativzinsen eingeführt hat?

Brand: Nach meiner Einschätzung gäbe es für uns kaum etwas Schlimmeres, als wenn der Euro scheitert. Der Euro ist eine Gemeinschaftswährung von Staaten, die wirtschaftlich sehr unterschiedliche Leistungskraft haben und deshalb währungspolitisch nicht wirklich zusammenpassen. Der Euro ist und bleibt ein politisches Projekt. Ich kann Mario Draghis Handeln verstehen, nur seine Begründung akzeptiere ich nicht. Der viel zitierte Satz von Draghi »Whatever it takes« (etwa: Was es auch kostet) trifft das ­genau. Er ist bereit, alles zu tun, damit die Währung auch künftig stabil bleibt. Und der Euro ist bislang stabil. So gesehen, verstehe ich Draghi. Aber er sollte ehrlich sagen, dass seine Gründe politischer und nicht ökonomischer ­Natur sind.

 

Die Niedrigzinsphase belastet nicht nur das Geschäftsmodell von Banken und Sparkassen in Deutschland. Sie ist auch für Sparer frustrierend. Einzig Bauherren können sich über günstige Kredite freuen. Wann sehen Sie die Trendwende?

Brand: Schwierig zu sagen. Im Moment spricht jeder vom Jahr 2019. Wenn es dazu kommt, werde ich mich als Privatperson Brand darüber freuen. Was ich mir im Interesse von allen wünschen würde, ist, dass es keinen abruptem Wechsel geben wird. Ein Zinsschock wäre nicht gut – für niemanden.

 

Was sagen Sie den Sparern? Nehmen die Bürger den Niedrigzins einfach so hin?

Brand: So würde ich es nicht formulieren. Aber es hat vermutlich ein gewisser Gewöhnungs­effekt eingesetzt. Völlig falsch wäre es aber zu sagen, Sparen lohnt sich nicht. Ich weiß, dass es keine Zinsen gibt. Aber das Sparen an sich hat seine Bedeutung nicht verloren. Zum Beispiel auch im Hinblick auf die Altersvorsorge.

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Die Sparkassen-Idee ist deswegen gut, weil sie eine regionale Verwurzelung hat.

Dieter Brand

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Die Zahl der eigenständigen Sparkassen nimmt ab. Es gibt mehr Fusionen. Gibt es bald eine Sparkasse Ostwestfalen?

Brand: Das weiß ich nicht. Wenn es so kommt, dann ist es ein Gebot der Zeit. Aber gut fände ich das nicht. Die Sparkassen-Idee ist deswegen gut, weil sie eine regionale Verwurzelung hat. So soll es bleiben. Ich sehe keine Vorteile darin, wenn die Einheiten immer größer werden.

 

Welche Gefahr sehen Sie in neuen digitalen Wettbewerbern, zum Beispiel Fintechs, also Firmen, die digitale Finanzinnovationen anbieten?

Brand: Jedes Kreditinstitut arbeitet heute digital. Aber bei manchen neuen Anbietern habe ich Sorge hinsichtlich der Datensicherheit. Das Selbstverständnis der Sparkassen ist es, sehr sorgfältig mit den Daten der Kunden umzugehen. Vertrauen und Sicherheit gehören zum Sparkassenprinzip. Das heißt aber nicht, dass wir von Fintechs nichts lernen können. Warum denn nicht?

 

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Wir haben keine Filiale auf unsere eigene Initiative hin geschlossen, sondern wir haben nur auf Kundenströme ­reagiert. 

Dieter Brand

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Viele Banken und Sparkassen drehten zuletzt an der Gebührenschraube für die Kontoführung. Das hat bei einigen Kunden für Ärger gesorgt. Zu Recht?

Brand: Niemand zahlt gerne einen höheren Preis. Hinter dem Begriff Kontoführung verbergen sich aber viele Leistungen, zum Beispiel persönliche Beratungen, Filialen, technische Infrastruktur. Ich bin daher fest davon überzeugt, dass wir diesen Preis wert sind.

Dieter Brand. Foto: Oliver Schwabe

Geht die Zahl der Filialen weiter zurück?

Brand: Wir haben keine Filiale auf unsere eigene Initiative hin geschlossen, sondern wir haben nur auf Kundenströme ­reagiert. Warum sollten wir eine Filiale schließen, die von den Kunden angenommen wird? Ein Filialschließungsprogramm gibt es nicht. Die Filiale ist immer noch die beste Verbindung zu den Kunden vor Ort.

 

Wobei allerdings die Zahl der Kunden, die nur noch Onlinebanking machen, steigt.

Brand: Natürlich. Aber wir sollten zwei Dinge unterscheiden. Eine Überweisung von zu Hause zu machen oder den Kontostand abzufragen –  dafür muss man heute nicht mehr in eine Filiale. Etwas ganz anderes ist es, wenn es um Themen wie Altersvorsorge, Versicherungsfragen, Hausbaufinanzierung oder Aktienanlagen geht. Dann hat der persönliche Kontakt zur Sparkasse nach wie vor seine Bedeutung. Aber sie ist nicht an einen Standort gebunden, wie es vielleicht vor 20 Jahren der Fall war.

 

Mit welchen Gefühlen verlassen Sie die Sparkasse? Ist da auch ein wenig Wehmut dabei oder ziehen Sie einen klaren Schlussstrich?

Brand: Es stimmt beides. Das eine schließt das andere auch nicht aus.  Die Sparkasse Bielefeld war und ist mir wichtig und wird mir wichtig bleiben. Dennoch ziehe ich einen Schlussstrich. Ich versuche nichts festzuhalten, was man nicht festhalten kann.

 

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In der Finanzkrise haben die Kunden unsere Mitarbeiter als Hort der Stabilität gesehen und als ihre ehrlichen Interessenvertreter.

Dieter Brand

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Was war Ihr schönstes Erlebnis in der Sparkasse?

Brand: Der Kontakt mit den  Menschen. Einzelne Erlebnisse hat es viele schöne gegeben. Gerne erinnere ich mich etwa an unser Jubiläum »175 Jahre Sparkasse Bielefeld« im Jahr 2000. Was mich auch gefreut hat, war, wie unsere Kunden im Kontext der Finanzkrise reagiert haben. Sie haben unseren Mitarbeitern in dieser extremen Situation sehr viel Wertschätzung entgegengebracht. Sie haben unsere Mitarbeiter als Hort der Stabilität gesehen und als ihre ehrlichen Interessenvertreter. Das hat ihnen, denke ich, gut getan.

 

Welche Pläne haben Sie für das Jahr 2018? Reisen?

Brand: Ich versuche nicht, mein bisheriges Leben fortzusetzen. Bisher war mein Leben um einen Terminkalender herum organisiert. Das ist vorbei. Was ich in all den Jahren immer gerne gehabt hätte, wären mehr Freiheitsgrade. Ich brauche etwas Zeit, um den Rhythmus eines neuen Lebens zu entwickeln. Auf Urlaub in den Sommerferien verzichte ich künftig übrigens gerne.

 

Sind Sie dann ganz raus aus dem öffentlichen Leben? Stichwort Ehrenämter.

Brand: Ein Ehrenamt kann ich mir vorstellen, aber nicht sofort. Aber ich bleibe in Bielefeld und vielleicht ergibt sich irgendwann etwas Interessantes.

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