Do., 25.01.2018

Im Gespräch mit »Schiller« – Konzert in Bielefeld am 4. Februar Von Deylen: »Gefühl ist die Keimzelle jeder Musik«

»Schiller« bei seinem Konzert in Marburg.

»Schiller« bei seinem Konzert in Marburg. Foto: Thomas Albertsen

Bielefeld (WB). Auch wenn Synthesizer heute sogar bei Hardrock und volkstümlichen Hits wie selbstverständlich eingesetzt werden: Elektronik ist Nischenmusik. Außer »Kraftwerk« (»Das Model«) und Paul Kalkbrenner (»Sky and Sand«) ist es vor allem Christopher von Deylens Projekt »Schiller«, das in Deutschland auch den Mainstream erreicht. Am 4. Februar spielt das Trio live in der Bielefelder Oetkerhalle. Vorab sprach WESTFALEN-BLATT-Redakteur Thomas Albertsen mit von Deylen.

Aufgewachsen mit Tangerine Dream und Jean-Michel Jarre, abgebrochenes Studium der Kulturwissenschaften, ausführliches Lernen im Studio, mit 30 nachhaltiger Erfolg – das klingt nach geplanter Karriere. War es wirklich so einfach? Wann haben Sie gewusst, wo die Reise hingeht?

Christopher von Deylen: Das weiß ich im Grunde genommen bis heute nicht. Zielstrebigkeit, Fleiß und Disziplin sind nötig, und ich habe mich immer dafür interessiert, wie Musik gemacht wird. Als Programmierer für namhafte Produzenten habe ich sehr viel gelernt. Aber ich hatte zu keiner Zeit einen festen Plan für meine eigene Karriere. Wer einen Plan hat, läuft immer Gefahr, Dinge auszusortieren, die vermeintlich nicht passen werden. Ich gebe lieber dem Glück und dem Zufall eine Chance. Das ist wie beim Flippern, wo die Kugel auch unerwartete Wege nimmt.

Reichen Intuition und Talent? Wie sollte guter Musikunterricht heute aussehen?

von Deylen: Hausmusik und dergleichen kann Begeisterung für Musik wecken, aber die bloße Vermittlung der Theorie ist eher hinderlich und Phantasie im Unterricht oft nicht erwünscht. Spielerische Intuition sollte man daher nicht durch Denken in den Hintergrund drängen. Es gilt eher, das Bauchgefühl zu kanalisieren, denn Gefühl ist die Keimzelle jeder Musik. Also, das Gehirn abzuschalten ist völlig ok. Niemand sollte sich danach richten, ob »man« gewisse Kadenzen zulässt oder nicht. Damit beraubt man sich der Chance, Fehler zu machen. Und Fehler sind dazu da, um aus ihnen zu lernen.

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Viele Plätze in der Natur inspirieren mich.

Christopher von Deylen

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Wer sich hinter Schiller verbirgt

Christopher von Deylen (47) tritt mit seinem Musikprojekt »Schiller« als Trio in Bielefeld auf: am 4. Februar um 20 Uhr in der Oetker-Halle. Karten gibt es beim WESTFALEN-BLATT. Von Deylen ist Musiker, Musikproduzent und Komponist; er lebt und arbeitet in Berlin. Er bekam früh Klavierunterricht und wuchs mit »Tangerine Dream«, »Kraftwerk« und Jean Michel Jarre auf, deren Musik die Grundlage für seine späteren Kompositionen war. Bereits mit 16 zeigte er Bilder zu seinen elektronischen Stücken. Mit »Can U Feel the Bass« gelang von Deylen 1997 ein Top-20-Hit in den deutschen Charts. 1998 gründete er das Musikprojekt »Schiller« mit wechselnden Begleitmusikern; mit dem Album »Weltreise« gelang ihm 2001 der Durchbruch. Den Text zu dem Song »For You« auf von Deylens bislang letztem Album »Future« (2016) schrieb die Hollywood-Schauspielerin Sharon Stone.

Sie sind selbstgewählt heimatlos, haben sogar das eigene Studio in Berlin aufgegeben. Wie und wo entstehen Schillers Klangwelten?

von Deylen: Mobilität fördert meine Spontaneität. Ideen speichere ich im iPhone, indem ich die Melodien summe oder auf GarageBand-App skizziere. Das iPad habe ich ausprobiert, es hat letztlich meine Erwartungen nicht erfüllt. Ich habe jetzt immer ein Laptop dabei, Kopfhörer, kleine Lautsprecher. Meine wichtigen Synthesizer sind Roland D50, Clavia Nord Lead und Dave Smiths Prophet 6. Für die Endabmischung gehe ich dann aber irgendwo ins Studio.

Wenn das Unterwegssein für Sie so wichtig ist, um Inspirationen aufzunehmen: Haben Sie auf Tour Zeit, sich auf Orte einzulassen? Was nimmt man aus Bielefeld oder Gütersloh als Künstler mit?

von Deylen: Das weiß ich vorher nie. Ich bin ja gerne auf Tour, auch wenn ich keine Konzerte spiele. Und links und rechts des Weges sammele ich immer viele Eindrücke und hoffe, dass diese dann, wenn ich vor meinen Instrumenten sitze, etwas mit mir gemacht haben. Man muss damit aber nicht zwangsläufig einen bestimmten Ort damit assoziieren. Viele Plätze in der Natur inspirieren mich. Das heißt aber nicht, dass dann dort etwas Besonderes passiert, wenn man mir genau dort einen Synthesizer hinstellen würde. Aber später ist diese Schatzkiste voller Emotionen für mich wichtig.

Die Konzertserie kürzlich in Teheran war aber in dieser Hinsicht schon etwas Besonderes, zumal ja kurz danach viele Menschen für Reformen und bessere Lebensverhältnisse demonstriert haben. Haben Sie diese explosive Stimmung dort gespürt?

von Deylen: Überhaupt nicht. Das entwickelte sich so erst nach unserer Abreise. Dort existiert übrigens schon seit Jahren eine sehr rege Fangemeinschaft für elektronische Musik. Die ersten Anfragen eines Veranstalters für Auftritte liegen bereits etwas länger zurück. Letztlich hat es jetzt drei Jahre gedauert, bis alle Genehmigungen vorlagen und das Organisatorische geklärt war.

Und die Reise war ein großes Abenteuer?

von Deylen: Es ist schwer, in Worte zu fassen, was wir da alles erlebt haben. Und ich freue mich sehr, dass es schon im März weitere Auftritte im Iran geben wird.

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Mit den Klangwelten konzentriere ich mich auf ein rein elektronisches Konzert an Orten, die eine starke Bindung an Klassische Musik haben.

Christopher von Deylen

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Also immer auf Achse... Heute wird Geld ja fast nur noch live verdient. Haben Sie Ihre Lebensphilosophie ein bisschen auch den Bedingungen des Marktes angepasst?

von Deylen: Es gibt zwei parallele Live-Konzepte. Für die Arena-Tour, wie ich sie wieder für 2019 plane, kommen nur etwa 15 Hallen in Deutschland in Betracht. Deshalb habe ich 2011 die Klangwelten-Tour ins Leben gerufen, um vornehmlich instrumentale Elektronik wie Kammermusik aufzuführen. Nicht alle meine Stücke passen auf jede Bühne. Mit den Klangwelten konzentriere ich mich auf ein rein elektronisches Konzert an Orten, die eine starke Bindung an Klassische Musik haben. Und ich freue mich, dass Deutschland da auf ein mal so groß wird, weil es viele gute solcher Locations gibt. Ich empfinde es als großes Geschenk, diese Konzerte spielen zu dürfen.

Die Demokratisierung des Marktes hat zu unzähligen Veröffentlichungen geführt, die teilweise überraschend gut sind, aber kaum Chance auf angemessene Resonanz haben. Machen Bandcamps Angebot »Bezahl soviel, wie du willst« und Streaming-Abonnement das Geschäftsmodell des Berufsmusikers kaputt?

von Deylen: Ja, da muss man kein Hellseher sein. Die Plattenbranche geht höchstwahrscheinlich in absehbarer Zeit völlig unter. Man kann das beklagen, und auch Versuche wie zum Beispiel die Einrichtung von Popakademien können das nicht verhindern.

Wie findet Musik in 20 Jahren statt?

von Deylen: Tja, gute Frage, aber ich weiß keine Antwort. In den vergangenen 20 Jahren habe ich viele Erfahrungen gemacht, aber die reichen nicht ansatzweise, um auch nur zehn Jahre in die Zukunft zu blicken. Das Konsumieren von Musik wird sich künftig noch mehr den technischen Innovationen anpassen. Aus Sicht des Musikers könnte ich sagen: Wer es als Künstler bis jetzt nicht geschafft hat, Erfolg zu haben, soll etwas anderes machen. Der musikalische Mittelstand, sei es als Komponist, Textdichter oder Instrumentalist, ist völlig weggebrochen und wird auch nicht wiederkommen. Sicher ist: Das Live-Erlebnis wird nicht abgeschafft. Aber Künstler können sich nicht mehr über Tonträger und Radio-Reichweite genügend Gehör verschaffen, um dann ausreichend Publikum für Konzerte zu generieren. Das könnte leider langfristig zu einer kreativen Verarmung führen, denn auch der Indie-Markt lässt es nicht mehr zu, dass der Nachwuchs eine Perspektive hat, auch wenn er an sich glaubt und einen eigenen Stil gefunden hat. Der Ratschlag, nicht aufzugeben, fruchtet heute nicht mehr, denn man stößt heute an Grenzen, denen man sich niocht mehr widersetzen kann. Es gibt zwar nach wie vor große Vielfalt, aber was sich kommerziell noch durchsetzen kann, spiegelt diese nicht wider. Und das in Zeiten, wo man das kollektive Erbe der Musikgeschichte bequem in der Hosentasche mitnehmen kann.

Letzteres bewerten Sie nicht als positiv?

von Deylen: Nicht unbedingt, mir fehlt der Verkäufer bei WOM, der Schallplatten vorspielte und Tips gab. Und der Kunde, der damals etwas duldsamer war, in Empfehlungen hineinzuhören. Die Leute klicken doch heute nach wenigen Sekunden einfach weiter.

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Natürlich soll Musik Bilder im Kopf erzeugen und ist dann am besten, wenn ihr das gelingt.

Christopher von Deylen

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Hören Sie denn bei Bandcamp in die Neuerscheinungen der Elektronik hinein

von Deylen: Ja, das tue ich. Aber ich höre wenig, wo ich Potenzial sehe, das mich das über mehr als ein bis zwei Stücke hinaus anspricht.

Wie wichtig ist multimediales Arbeiten? Musik muss ohne Bilder funktionieren, aber Karriere geht ohne gar nicht mehr.

von Deylen: Ich versuche, wirklich jede Chance zu nutzen, um Musik und Bilder miteinander zu verbringen, das visuelle Element ist in der Tat sehr wichtig geworden. Natürlich soll Musik Bilder im Kopf erzeugen und ist dann am besten, wenn ihr das gelingt. Und das mag ich eben an guter Elektronik: Das gleiche Stück kann bei mir ganz unterschiedliche und immer wieder neue Bilder hervorrufen. Und es ist genauso anspruchsvoll wie das Komponieren der Musik, dazu passende Bilder zu gestalten. Es gibt aber auch Stücke in unseren Konzerten, da bleibt die Leinwand dunkel und wir arbeiten nur mit Licht.

Kraftwerk entkoppelte die Musik von ihren Schöpfern und pflegt Distanz, Sie lassen die Fans am Leben teilhaben. Sind Facebook und Instagram inzwischen Notwendigkeiten?

von Deylen: Ich halte mich eigentlich eher für verschlossen und introvertiert, möchte aber auch nicht in die Rolle des Einsiedlers geraten. Es macht mir Spaß, gewisse Dinge aus meinem Alltag, die nichts mit der Musik zu tun haben, zu zeigen, solange es nicht den wirklich privaten Bereich berührt.

Verglichen mit anderen Elektronikern haben Sie einen hohen Output durch Studio-Alben, Live-Aufnahmen und als Besonderheit die ständig neuen Einlassmusiken für Konzertsäle. Erzeugt das Druck, ein gewisses Pensum abarbeiten zu müssen?

von Deylen: Je kleiner die Aufmerksamkeitsspanne der Hörer wird, desto eher fragt man sich als Künstler, wie lange Pausen zwischen Veröffentlichungen sein dürfen. Viele sehen sich da inzwischen sehr unter Druck gesetzt.

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Alles ist bei mir anfangs instrumental.

Christopher von Deylen

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Wie ist die Reihenfolge beim Komponieren? Kommt am Ende manchmal etwas völlig anderes heraus als ursprünglich geplant?

von Deylen: Die Klänge und ihr Zusammenwirken stehen immer am Beginn. Und dann lasse ich mich in der Tat treiben. Der Zufallsfaktor ist wichtiger, als nur eine Idee zu verfolgen. Offenheit und Flexibilität sind mir ungemein wichtig.

Viele Elektronikmusiker fremdeln mit Gesang, verwenden Stimme nur als Samples. Ist Gesang für dich ein notwendiger Kompromiss, um ins Radio zu kommen?

von Deylen: Alles ist bei mir anfangs instrumental. Erst wenn ich später feststelle, dass das Stück noch Potenzial für eine Erweiterung um Stimme und Emotionen hat, die mit dem Synthesizer nicht umzusetzen sind, arbeite ich in dieser Richtung weiter.

Marius Müller-Westernhagen beschwerte sich, Zusammenarbeit mit Kollegen würden von der Industrie vorgegeben, um durch Namedropping kaufwillige Käufergruppen miteinander zu verschmelzen. Wie suchen Sie sich die Leute aus?

von Deylen: Aus dem Bauch! Es war toll, mit Veteranen wie Klaus Schulze oder Mike Oldfield, die auf viel Erfahrung zurückblicken können, zu arbeiten. Aber auch mit Newcomern, die neue Ideen einbringen und sich ausprobieren, macht es Spaß. Und in 90 Prozent der Fälle musitzieren wir gemeinsam im Studio, einem Hotelzimmer oder auch mal im Treppenhaus. Ich bin schon auch neugierig auf die Menschen, und Filesharing nutzen wir nur, wenn die Terminkalender so gar nicht in Einklang zu bringen sind. Im übrigen geht die Initiative dazu auch meistens von mir aus.

Wenn Sie einen Wunsch frei hätten für die Zukunft: Wäre das der Oscar für die beste Filmmusik? Ein Konzert vor zwei Millionen Zuschauern am Brandenburger Tor? Oder wäre es, etwas ganz Neues machen, von dem man in 30 Jahren sagt, Schiller sei nach Kraftwerk und Tangerine Dream endlich wieder jemand, der stilbildend neue musikalische Horizonte eröffnet hat?

von Deylen: Wenn da die gute Fee mit diesen drei Angeboten käme: ganz klar die dritte Alternative. Dinge beginnen dann reizvoll zu sein, wenn sie unlösbar erscheinen. Aber für alle drei Optionen gibt es kein Rezept und schon gar keinen Königsweg.

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