Sa., 17.02.2018

Umgestaltung an der Stadthalle, Angebote für Obdachlose und Drogensüchtige »Tüte«: Stadt will Situation entschärfen

Der Weg entlang der Herbert-Hinnendahl-Straße soll aufgewertet, der entlang der »Tüte« verbreitert werden.

Der Weg entlang der Herbert-Hinnendahl-Straße soll aufgewertet, der entlang der »Tüte« verbreitert werden. Foto: Bernhard Pierel

Von Sabine Schulze

Bielefeld (WB). Die ehemalige Flüchtlingsunterkunft an der Ernst-Rein-Straße soll ab 1. April eine Anlaufstelle für obdachlose Menschen sein. Sein Konzept will Sozialdezernent Ingo Nürnberger in der kommenden Woche politischen Gremien vorstellen – in der Hoffnung auf ein Ja für eine einjährige Testphase.

Das Projekt ist ein Baustein, um auch die Situation an der »Tüte« und im Stadthallenumfeld zu entschärfen. »Wir reagieren hier ordnungspolitisch, sozialarbeiterisch und gestalterisch«, sagt Umweltdezernentin Anja Ritschel.

Der Containerstandort an der Ernst-Rein-Straße, unweit der Moschee, besteht aus drei Häusern. »Das ermöglicht uns, verschiedene Bereiche voneinander zu trennen«, sagt Nürnberger. Zum einen soll es ein »Sleep-in« geben mit 15 Plätzen. Dort soll der Aufenthalt während der Nacht, aber auch tagsüber möglich sein. Sieben Tage im Monat sollen hier auch »auswärtige« Wohnungslose einkehren können, für die Bielefeld eigentlich nicht zuständig ist, denen aber Unterstützung angeboten werden soll. Mehr nicht. »Denn wir wollen natürlich eine Sogwirkung vermeiden.«

»Übergangswohnen« für Menschen

Daneben soll »Übergangswohnen« ermöglicht werden für Menschen, die bislang kaum Hilfsangebote wahrgenommen haben. 20 Plätze sollen hier geschaffen werden. Geschützt in einem eigenen Haus werden Frauen untergebracht. Ergänzend zur Anlaufstelle »Kava« in der Innenstadt soll zudem eine »Wärmestube« eingerichtet werden. Hier soll auch »sozial verträglicher Alkoholkonsum« erlaubt sein, was illegale Drogen strikt ausschließt.

»Ausdrücklich muss man sagen, dass dies ein Versuch ist. Wir betreten Neuland«, betont Nürnberger angesichts der Kosten. 548.000 Euro hat sein Amt für das Probejahr veranschlagt: Strom, Sozialarbeiter, Sicherheitsdienst wären zu zahlen. »Wir haben mit Fachleuten gesprochen und glauben, dass das funktionieren kann.« Aber man wisse, dass es ein gutes Jahr dauere, bis diese Angebote »auf der Straße« bekannt sind, ergänzt Michael Wiese, Geschäftsführer des Drogenhilfezentrums an der Borsigstraße.

Umgestaltung im Umfeld der Stadthalle

Auch dies soll erweitert werden: räumlich und personell sowie testweise, was die Öffnungszeiten angeht. Denn die Nachfrage ist groß: »30.000 Konsumvorgänge haben wir 2017 gehabt, dreimal so viel wie vor drei Jahren.« Die Folge: Mancher muss »anstehen«, bis er im geschützten Raum und unter Aufsicht seine Droge konsumieren kann. Das könnte zu geringerer Akzeptanz führen. 400 Klienten, so Wiese, kämen regelmäßig. Nach Schätzungen der Drogenberatung und der Polizei umfasst die Straßenszene derer, die illegal Drogen konsumieren, 2000 bis 2500 Menschen. Ein ausgeweitetes Angebot an der Borsigstraße, so die Hoffnung, ziehe vielleicht auch Klientel von der Tüte ab.

Bleibt als dritte Maßnahme, über die die Bezirksvertretung Mitte am Donnerstag abzustimmen hat, die Umgestaltung im Umfeld der Stadthalle, die Ritschel bereits vorgestellt hatte. So soll die Zuwegung zur Stadthalle rechterhand der »Tüte« von 4,5 auf neun Meter verbreitert werden: »Das löst das Problem nicht, das ist klar. Aber es soll einer Entzerrung dienen«, sagt die Dezernentin. Eine niedrige Mauer soll den Weg zur Rasenfläche abgrenzen und zugleich der Szene als Sitzmäuerchen dienen. Dass dafür sechs Robinien gefällt werden müssen, will Ritschel in Kauf nehmen.

Bürgerveranstaltung am 2. März

Außerdem sollen der Trampelpfad schräg über die Wiese vor der Stadthalle mit einer wassergebundenen Deckschicht ausgebaut und der Fußweg entlang der Herbert-Hinnendahl-Straße breiter befestigt werden. »Das hat nichts mit der Tüten-Klientel zu tun, dient aber einfach dazu, die Enge aufzulösen und den Bereich schöner zu gestalten«, sagt Ritschel. Kosten: etwa 183.000 Euro. Wenn die BZV grünes Licht gibt, kann im Juli alles fertig sein.

Wenn auch Nürnberger für die Umnutzung der ehemaligen Flüchtlingsunterkunft von Psychiatriebeirat am Mittwoch, BZV Mitte am Donnerstag kommender Woche und Sozialausschuss am 27. Februar Zustimmung erhält, soll es dazu am 2. März eine Bürgerveranstaltung geben.

Kommentare

Guter Weg

Ein guter Weg, den die Stadt jetzt gehen will. Ich komme jeden Tag an dieser "Tüte" vorbei, ich bin noch nie von jemandem dort angepöbelt worden.

"Frau Breuers, durch die Sitzgelegenheiten werden ja nicht neue Drogensüchtige oder Obdachlose gebacken..."

Sind Sie sich da so sicher? Eine laue Sommernacht hat schon Manchem den Kopf verdreht.

Sitzgelegenheiten

Frau Breuers, durch die Sitzgelegenheiten werden ja nicht neue Drogensüchtige oder Obdachlose gebacken; die, die es leider sind, können sich halt hinsetzen. Und da Drogen- (und viele anderen) Süchtige und Obdachlose in unserer Gesellschaft leben, finde ich es richtig, sie nicht unsichtbar zu machen. Sie sind Teil der Gesellschaft. Ich halte nichts davon, den öffentlichen Raum so ungemütlich wie möglich zu machen. Schade, dass dafür Bäume gefällt werden sollen - da würde ich eine andere Lösung suchen. Innerstädtisch sind Bäume so wertvoll.

Noch meh Bänke, noch mehr Obdachlose

Das ist ja prima, dass dort eine 45 m lange Betonbank hingebaut wird. Dann müssen die Betroffenen nicht mehr im Stehen den musikalischen Klängen lauschen, die sie eigentlich vertreiben sollen, sondern können fernab des Gedudels auf dem neuen Bänkchen weiter pöbeln und ihren Dreck fallen lassen. - Gehen die Vordenker dieser Stadt nicht spazieren? Jeder normal denkende Mensch weiß, dass öffentliche Bänke, völlig egal, wo sie stehen, zwischen März und Oktober nicht benutzbar sind, weil sie von Langzeitarbeitslosen, Alkoholikern und Obdachlosen in Beschlag genommen sind. Anstatt sich für die Brennpunkte Bielefelds etwas Sinnvolles einfallen zu lassen, wird das Problem durch das neue 45 m lange Verweilangebot nur noch verschärft. In drei Jahren heißt es dann: Die mehrere hundert Tausend Euro schwere Fehlinvestition an der Tüte wird baldmöglichst wieder entfernt; Im Juni oder Juli dürfte alles umgesetzt sein.

4 Kommentare

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