Fr., 09.03.2018

Bundesweit einzigartiges Modellprojekt Bielefelder Ärzte: Richtschnur zum Antibiotika-Einsatz

Egal, ob Mandel-, Blasen- oder Mittelohrentzündung: Es muss nicht immer ein Antibiotikum sein.

Egal, ob Mandel-, Blasen- oder Mittelohrentzündung: Es muss nicht immer ein Antibiotikum sein. Foto: dpa

Von Sabine Schulze

Bielefeld(WB). Als Dr. Annette Petry ihre ärztliche Laufbahn begann, war klar: Bei Mandelentzündung, gab es ein Antibiotikum. Dieser Automatismus ist vorbei. Die Bielefelder Ärzte überdenken ihre Verschreibungspraxis und formulieren für sich Richtlinien. »Das ist ein Modellprojekt, das es so bundesweit nirgends gibt«, sagt Privatdozent Dr. Dr. Reinhard Bornemann.

Den Anfang haben 2016 die Kinderärzte gemacht, im Herbst 2017 folgten die Gynäkologen. Und gestern haben beim Hausärztetag die Allgemeinmediziner über ihre Empfehlungen für eine Therapie mit Antibiotika gesprochen. »Falsch eingesetzt schaden Antibiotika mehr als sie nutzen«, sagt Petry, die zu den Organisatoren des Hausärztetages gehört. Und es bilden sich Resistenzen aus: Die Antibiotika wirken nicht mehr.

»Kultur der Zurückhaltung«

Herumgesprochen hat sich längst auch bei den Patienten, dass bei einem Virusinfekt Antibiotika nicht helfen. »Aber sie sind auch sonst nicht zwingend nötig«, sagt Petry. Eine leichte Blasenentzündung etwa sei auch mit viel Trinken, pflanzlichen Medikamenten und Kamillenbädern zu behandeln. »In der Hälfte der Fälle reicht das.« Selbstverständlich müsse man im Einzelfall entscheiden und zum Beispiel die Risiken eines Patienten abklopfen, aber generell habe der Körper auch gute Selbstheilungskräfte.

Natürlich gibt es Leitlinien zum Einsatz von Antibiotika, aber die sind lang, kompliziert und im Alltag kaum handhabbar, sagt Bornemann. Er ist Internist, Oberarzt und Dozent für Gesundheitswissenschaften an der Uni Bielefeld, sieht die Medizin also als praktisch tätiger Arzt und als Epidemiologe. Die Empfehlungen zur Antibiotika-Verschreibung, die sich die Bielefelder Ärzte selbst geben, sollen eine gute Richtschnur sein, sagt er: »schlank« und praxisnah – und auf einen vorsichtigen Einsatz bedacht. »Unser Ziel ist, regional eine bestimmte Kultur der Zurückhaltung zu etablieren.«

Resistente Bakterien

Die niedergelassenen Ärzte haben am meisten Einfluss: 85 Prozent der Antibiotika werden von ihnen verordnet. Keine Frage, sie sind ein Segen. »Aber sie haben auch Nebenwirkungen. Und wir erzeugen mit zu großzügiger und unnötiger Gabe Resistenzen«, warnt Bornemann. Schon jetzt, sagt Petry, ist der Anteil der resistenten Bakterien, die Blasenentzündungen verursachen, doppelt so hoch wie vor Jahren. Immer häufiger reichen die »simplen» Antibiotika nicht mehr und muss zu den Reservemedikamenten gegriffen werden. »In Krankenhäusern, bei immungeschwächten Patienten, haben wir schon viele multiresistente Keime. Wir müssen aufpassen, dass diese Entwicklung nicht in die Fläche geht«, sagt Bornemann.

Dazu wollen die Bielefelder Ärzte beitragen. »Unser Projekt ›Antib‹ – für antibiotische Therapie in Bielefeld – soll kein Einzelprojekt sein, sondern alle ambulant tätigen Ärzte einbeziehen, als nächstes also die Hautärzte, Urologen und HNO’s«, betont Bornemann. Natürlich wird er das Projekt wissenschaftlich begleiten.

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