Do., 17.05.2018

Forscher: Bunte Tonnen und Fußspuren helfen gegen Abfallberge Kampf dem Müll

Von Dietmar Kemper

Bielefeld/Paderborn/Köln (WB). Überall Müll: In den Dalkeauen in Gütersloh oder der Grünanlage Heeper Fichten in Bielefeld zeigen sich die hässlichen Seiten der Wegwerfgesellschaft. Bunte Mülleimer und Fußspuren zu ihnen können die Menge verringern, meinen der Verband kommunaler Unternehmen (VkU) und die Berliner Humboldt-Universität.

VkU und Humboldt-Uni berufen sich auf die Ergebnisse von Experimenten in Köln. Forscher der Hochschule brachten im Sommer 2017 in zwei Kölner Stadtteilen grüne Fußspuren an, die zu Mülleimern führten. Zudem wurden Plakate geklebt mit dem Text »Beifall für Abfall? Klar. Wenn er reinfällt«. Durch die Fußspuren zum Mülleimer werde »Aufmerksamkeit fokussiert«, betont die Autorin der Studie »Wahrnehmung von Sauberkeit und Ursachen von Littering«, Rebekka Gerlach.

»Wichtig ist, dass etwas ins Auge springt, dass erwünschtes Verhalten leicht gemacht wird«, sagte die Psychologin dem WESTFALEN-BLATT. Wissenschaftler sprechen von Nudges, von Anstupsern, die das Verhalten indirekt lenken. In diesem Fall erleichtern die Fußspuren korrektes Entsorgen, weil sie konkret auf die Existenz eines Abfallbehälters hinweisen. Dasselbe könnten auch bunte Mülltonnen erreichen, ist Gerlach überzeugt. In Köln wurden ein paar Jahre zuvor einige mit zwei reflektierenden orangefarbenen Markierungen hervorgehoben.

So wie auf diesem Foto sieht es in den Heeper Fichten in Bielefeld häufig nach einem Wochenende aus. Foto: Matthias Band

Menge des weggeworfenen Mülls sank

Die bei den Experimenten eingesetzten Instrumente wirkten. Die Menge des weggeworfenen Mülls sank, die Zufriedenheit der Bewohner mit dem Straßenbild stieg, die Sensibilität von Kindern für Sauberkeit nahm zu, betonen Humboldt-Uni und VkU. Als Littering bezeichnen sie das bewusste und achtlose Wegwerfen von Bierdosen, Grillresten, Pizzakartons, Bonbonpapier oder Coffee-to-go-Bechern. Statistisch werden übrigens pro Stunde in Deutschland 320.000 Becher benutzt.

Viele finden sich später auf dem Bürgersteig oder auf dem Rasen wieder – genauso wie Zigarettenstumpen. Die Weltgesundheitsorganisation WHO geht davon aus, dass zwei Drittel der Zigaretten auf dem Boden landen. Laut der Studie der Humboldt-Universität »littern« vor allem Menschen zwischen 18 und 30 Jahre, und zwar hauptsächlich auf öffentlichen Plätzen, Gehwegen und Grünanlagen. Gründe sind Bequemlichkeit und die Behauptung, der Papierkorb sei voll oder nicht zu sehen gewesen.

Vermüllung der Heeper Fichten und Radrennbahn

Solche Ausreden kennt man auch in Bielefeld und Paderborn. Auf die Vermüllung der Grünanlage Heeper Fichten in der Nähe der Radrennbahn haben die Verantwortlichen in Bielefeld inzwischen reagiert. »Dort stellen wir in der Grillsaison zusätzliche Mülleimer und extra Metallbehälter für Grillasche auf«, erläutert Stefan Jücker, technischer Leiter des Bielefelder Umweltbetriebs. Gar kein Verständnis hat er für Zeitgenossen, die Müll mitten in einen Park werfen, anstatt ihn wenigstens neben die Müllbehälter zu legen, und für »Mülltouristen«, die Autoreifen, Matratzen und Baumaterial in der Natur entsorgen. Jücker ist skeptisch, dass sich mit einfachen Instrumenten nachhaltige Effekte erzeugen lassen: »Bunte Mülleimer? Wenn ich wüsste, dass das was bringt, würde ich es morgen sofort machen.«

Mit Interesse verfolgt der stellvertretende Betriebsleiter des Abfallentsorgungs- und Stadtreinigungsbetriebs Paderborn (ASP), Dietmar Regener, ein Projekt in Frankfurt. Dort gibt es jetzt Revierkümmerer, die Menschen, die zum Beispiel grillen, darum bitten, den Müll hinterher auch wegzuräumen. »Das halte ich für eine sinnvolle Angelegenheit«, sagte Regener dem WESTFALEN-BLATT. Und was bunte, sofort ins Auge fallende Mülleimer angehe, seien Stadtplaner eher skeptisch und warnten vor einer Beeinträchtigung des Gesamteindrucks.

Müllproblem nimmt im Sommer deutlich zu

Das Müllproblem wird vor allem im Frühjahr und Sommer deutlich. Wenn die Sonne scheint, sieht es in Parks montags aus wie auf einem Schlachtfeld. Stefan Luig vom Verband kommunaler Unternehmen (VkU) in Berlin drückt es so aus: »Wenn die Leute vermehrt das grüne und das graue Wohnzimmer nutzen, also Parks und öffentliche Plätze, bringen sie viele Dinge mit und lassen einiges zurück – leider aber nicht in den Mülleimern.« Farbige Behälter trügen dazu bei, dass Abfall den Weg einfacher in Papierkörbe und Mülleimer finde.

Der VkU vertritt 1460 Unternehmen aus den Bereichen Energie, Wasser und Abwasser, Abfallwirtschaft und Telekommunikation und verfolgt die Strategie »Sammeln, Sinne schärfen, Sanktionieren«. Unternehmen informieren in Kindergärten, Schulen und Betrieben über Abfallvermeidung, und bei der Aufräumaktion »Let’s clean up Europe« sammelten tausende Freiwillige 2017 in Deutschland 1270 Tonnen Abfall ein. Nach Angaben des WDR liegen allein an Straßenrändern jedes Jahr etwa 16.000 Tonnen Müll.

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