Do., 01.03.2018

»Zeit«-Feuilletonchefin Iris Radisch spricht und liest über Altersradikalität und Gelassenheit »Der Sinn des Lebens ist das Leben«

Über letzte Worte großer Literaten sprechen, Iris Radisch (links), Feuilleton-Chefin der »Zeit«, und Moderatorin Christiane Gerner im Rahmen der Vortragsreihe der Hospizgruppe.

Über letzte Worte großer Literaten sprechen, Iris Radisch (links), Feuilleton-Chefin der »Zeit«, und Moderatorin Christiane Gerner im Rahmen der Vortragsreihe der Hospizgruppe. Foto: Petra Kramp

Von Petra Kramp

Borgholzhausen (WB). »Ich glaube, ältere Menschen sprechen illusionsloser. Und radikaler. Sie sind ein bisschen so was wie nackt«, begründet Iris Radisch ihre Affinität zu Menschen im hohen Alter. »Und sie sind ehrlicher.«

Iris Radisch, Feuilleton-Chefin der »Zeit«, liest auf Einladung der Hospizgruppe Borgholzhausen aus ihrem faszinierenden Buch »Die letzten Dinge – Lebensendgespräche« vor etwa 60 interessierten Zuhörern. Die Moderation übernimmt die Haller Journalistin Christiane Gerner.

Denn das Prinzip Aufschub greife nicht mehr. Radisch geht in ihren Reflexionen der Frage nach, ob und wie der Mensch, dem Tode näherkommend, im Rückblick sein Leben beurteilt. Und beleuchtet, ob sich die Proportionen von wichtig und unwichtig verschieben.

Seit dem Jahr 1990 interviewte sie Schriftsteller, Künstler und Intellektuelle. »Diese benutzen in der Regel keine vorgefertigten Floskeln und wiederholen das, was die Eltern schon sagten. Ich habe bewusst nicht mit Theologen gesprochen, denn das war nicht mein Ansatz. Ich wollte keine christlichen Gewissheiten hören«, erklärt sie ihren Ansatz.

Was Marcel Reich-Ranicki am Ende seines Lebens resümierte

Von den 18 Lebensendgesprächen, die in manchen Fällen zugleich Abschiedsgespräche sind, pickt sie sich vier heraus und liest mit begeisternder und unverhohlener Freude am Fabulieren. Radisch trägt mit abwechselnder Stimmlage vor, um sich als Fragestellerin vom jeweiligen Interviewpartner abzugrenzen.

Dabei übernimmt sie sogar den Duktus von Marcel Reich-Ranicki, den sie 2010, fast 90-jährig, befragte. Mit dem Literaturkritiker komplettierte sie als Nachfolgerin von Sigrid Löffler seinerzeit wieder das Literarische Quartett. Sie imitiert sein berühmt-berüchtigtes Temperament, seine Mimik und Gestik. »Er saß in seinem verstellbaren Sessel, umgeben von seinem kleinen elektrischen Orchester: Telefon, Fernseher, Fernbedienung.«

Reich-Ranickis Resümee: »Ich bin nicht glücklich, war es nie in meinem Leben. Das ist etwas, was ich nicht kann.« »Haben sie ihm das geglaubt?«, fragt eine Zuhörerin zweifelnd. »Ja, absolut. Seine tiefe Lebensverzweiflung war bei ihm existenziell. Seine Rastlosigkeit Ausdruck seiner Verzweiflung.« Radisch schätzt seine »wunderbare Klarsicht«.

Wie wird man Meister der Altersradikalität und heiterer Gelassenheit?

Und begeistert sich an dem Gespräch mit der damals 80-jährigen Wiener Lyrikerin Friederike Mayröcker.  »Ich fühle mich nicht alt. Ich hab das Gefühl, ich fange erst an«, sagte diese damals und bahnte der Journalistin  eine Schneise in ihrem »Zettelgehäuse. Einer Wohnung, die über und über mit »fliegenden Blättern« versehen war. Lose Notizen als Inspiration für ihre Werke.

»Ich habe das Gefühl, ich atme die ganze Welt ein«, zitiert Radisch die Mayröcker entzückt. Radisch liebt Sätze wie diese. Die Österreicherin hat ihren Lebensgefährten Emil Jandl überlebt. Gerne würde sie 200 Jahre alt werden ,hat Mayröcker ihrer Interviewpartnerin verraten. »Ein Leben möchte ich nur lesen, ein Leben schreiben und ein drittes Leben nur reisen.« Die 93 hat sie schon erreicht.  

Auf die Frage von Christiane Gerner »Wie wird man eigentlich Meister von Altersradikalität und heiterer Gelassenheit?«, verweist Radisch auf Ruth Klüger. Die heute 86-jährige österreichisch-US-amerikanische Literaturwissenschaftlerin und Autorin verbrachte mit ihrer Mutter aufgrund ihrer jüdischen Wurzeln vier Jahre in mehreren Konzentrationslagern.

Ihre Erinnerungen daran hat sie in dem Buch »Weiter leben. Eine Jugend« verarbeitet. Zum Thema Altwerden bekannte sie: »Vor der Herz-OP war es schon eine Beeinträchtigung. Danach kamen aber die besten Jahre meines Lebens. Ich bin jetzt 83 und nicht allein.«

Klüger freute sich über die vielen Besuche ihrer hochbetagten Freundinnen: »Der Sinn des Lebens ist das Leben.«

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