>

Do., 09.03.2017

Caritas und Gewerkschaftsbund kritisieren Fleischindustrie – 500 Betroffene befragt Katholischer Verband prangert Schlachtkonzerne an

Nach Ansicht der Caritas und des DGB werden viele Werkvertragsarbeiter in der Fleischindustrie im Kreisgebiet ausgebeutet.

Nach Ansicht der Caritas und des DGB werden viele Werkvertragsarbeiter in der Fleischindustrie im Kreisgebiet ausgebeutet. Foto: Wolfgang Wotke

Von Carsten Borgmeier

Gütersloh (WB). Caritasverband und Deutscher Gewerkschaftsbund (DGB) bieten der Fleischindustrie im Kreis Gütersloh die Stirn: In ungewöhnlich scharfer Form haben am Mittwoch Berater im Familienzentrum des katholischen Wohlfahrtsverbandes in Herzebrock-Clarholz die Lage von Werkvertragsarbeitern kritisiert.

»Die Arbeits-, Wohn- und Lebensumstände dieser Leute und ihrer Familien sind zum Teil sehr schwierig, menschenunwürdig und prekär«, sagte Volker Brüggenjürgen. Als Vorstand des Gütersloher Kreis-Caritasverbandes und Gastgeber des Treffens begrüßte der 52-Jährige nicht nur mehr als zehn Fachkräfte, die im Jahr 2016 rund 500 vorwiegend aus Osteuropa stammende Arbeitnehmer und Familienmitglieder beraten haben. Auch der Domkapitular Dr. Thomas Witt als Vorsitzender des Caritasverbandes im Erzbistum Paderborn war zu dem Termin erschienen.

Erzbistum Paderborn stellt zunächst 100.000 Euro bereit

Der 51-jährige katholische Geistliche hatte vor mehr als einem Jahr das kostenfreie Beratungsangebot für die ausländischen Arbeitnehmer der Fleischbranche im Kreisgebiet initiiert. Auf das Thema war er eigenen Angaben nach durch den Prälaten Peter Kossen (49) aus Vechta hingewiesen geworden, der erstmals in einer Predigt die zweifelhafte Praxis der Werkverträge in der niedersächsischen Schlachtbranche angeprangert hatte.

Situation deutlich schlechter als erwartet

»Hier geschieht eklatantes, moralisches Unrecht«, zog Dr. Witt gestern eine erste Bilanz zu den oftmals krassen Schilderungen jener Werkvertragsarbeiter, die sich in den vergangenen zwölf Monaten hilfesuchend an die Caritas gewandt hatten. »In dieser Dramatik hätten wir die Situation nicht erwartet«, sagte der Domkapitular, der das Beratungsangebot aus dem Armutsfonds des Erzbistums mit zunächst 100.000 Euro zwei Jahre fördert.

Subunternehmer tritt auch als Vermieter auf

Nach Angaben von Caritas-Vorstand Brüggenjürgen gibt es im Kreisgebiet etwa 4000 Menschen, die in der Schlachtindustrie beschäftigt seien. Zähle man deren Familien hinzu, komme man auf etwa 10.000 Betroffene. Hauptsächlich sei die in Rheda-Wiedenbrück ansässige Firma Tönnies Auftraggeber bei den Subunternehmen, die die Werkvertragsarbeiter aus Osteuropa stellten. Volker Brüggenjürgen: »Die Menschenwürde ist unteilbar. Auch Beschäftigte aus Rumänien, Polen oder Bulgarien müssen in deutschen Betrieben gut behandelt werden.«

Überstunden fallen oft unter den Tisch

Unbezahlte Überstunden, Mietwucher, Desinformation oder fristlose, ungerechtfertigte Kündigungen: Was Berater wie Szabolcs Sepsi (29), Hanna Helmsorig (49), Cornelia Hedrich (45) oder Justyna Oblacewicz (35) in Gesprächen mit Werkvertragsarbeitern erfuhren, davon berichteten die rumänisch- und polnischsprachigen Fachkräfte jetzt im Kreisfamilienzentrum der Caritas: »Wir waren schlicht schockiert«, sagte Szabolcs Sepsi vom Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB). Der 29-jährige Dortmunder koordiniert das Projekt »Faire Mobilität«, das speziell im Bereich der Fleischindustrie beschäftigten helfen soll.

Durch den Mindestlohn hat sich die Situation etwas gebessert

Zwar räumte Sepsi ein, dass sich in der Branche in den vergangenen Jahren beispielsweise durch den Mindestlohn manches gebessert habe, doch liege besonders bei den Subunternehmern noch manches im Argen. So lebten seinen Angaben nach in einem Fall acht bis zehn Leiharbeiter in einer kleinen Drei-Zimmer-Wohnung in Rheda-Wiedenbrück. Jeder dieser Bewohner habe 100 Euro Miete an den Subunternehmer zahlen müssen, der nicht nur als Arbeitgeber, sondern auch als Vermieter auftritt. In einem anderen Fall wohnte nach Angaben von Hanna Helmsorig und Cornelia Hedrich ein alleinstehender Arbeitnehmer aus Rumänien mit zwei Kindern in einer Ein-Zimmer-Wohnung. »Er musste 600 Euro Miete zahlen.«

Weitere Informationen gibt es bei Frank Börgerding im Kreisfamilienzentrum unter Tel. 0 52 45/8 57 98 66.

Kommentare

Wer sein Fleisch/seine Wurst noch nie im Discounter gekauft hat, werfe den 1. Stein...

1 Kommentare

Diese Diskussion ist geschlossen. Kommentieren ist nicht mehr möglich.

Google-Anzeigen

© WESTFALEN-BLATT
Vereinigte Zeitungsverlage GmbH

Alle Inhalte dieses Internetangebotes, insbesondere Texte, Fotografien und Grafiken, sind urheberrechtlich geschützt. Verwendung nur gemäß der Nutzungsbedingungen.

Anzeige


http://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/4691296?categorypath=%2F2%2F2158585%2F2158590%2F2198384%2F2516093%2F2198389%2F2516079%2F