Fr., 02.02.2018

Gütersloh: Versicherung, Ärzte und Behörde verweigern ihre Hilfe Mit Blasenkatheter zum Jobcenter

Den Blasenkatheter ist Klaus Kunter (links) inzwischen los. Ohne Anwalt Tobias Guettouche hätte er ihn noch.

Den Blasenkatheter ist Klaus Kunter (links) inzwischen los. Ohne Anwalt Tobias Guettouche hätte er ihn noch. Foto: Stephan Rechlin

Von Stephan Rechlin

Gütersloh (WB). Nach gut einer Woche kann ein Blasenkatheter verkrusten. Neben einer bakteriellen Infektion droht einem Patienten in diesem Fall, dass sich der aufgefangene Urin bis hinauf zu den Nieren staut – dann ist er in Lebensgefahr. Klaus Kunter (58) ist im Juli 2017 drei Wochen lang mit so einem Katheter in Gütersloh herumgelaufen, weil ihn niemand weiter behandeln wollte.

Kunter war am 4. Juli als Notfall im Städtischen Klinikum aufgenommen worden – er war zuvor bei seinem Arbeitgeber, einem Bauelementehändler aus Lübbecke, zusammengebrochen. Seine private Krankenversicherung kam zu diesem Zeitpunkt nur für solch eine Notfallmedizin auf, die Begleichung darüber hinausgehender Behandlungen lehnte sie ab.

Die Ärzte im Klinikum setzten Kunter den Katheter und sandten ihn anschließend in die urologische Fachpraxis am Elisabeth-Hospital. Die aber lehnte die weitere Behandlung ab, weil sie ja nun kein Notfall mehr war.

Versicherung zahlt nicht

Die Versicherung zahlte nicht, weil sie nur Monatsbeiträge für solche Notfall-Behandlungen erhielt. Wie sich später herausstellte, hatte der Lübbecker Arbeitgegeber schon ein, zwei Monate gar keine Beiträge mehr an die Versicherung abgeführt; sein Gehalt hatte Kunter auch schon zwei Monate lang nicht gesehen. Um den Katheter loszuwerden, kündigte Kunter seinen Arbeitsplatz und wandte sich an das für ihn zuständige Jobcenter des Kreises Gütersloh.

Kunter stand mit baumelnden Blasenkatheter vor dem Sachbearbeiter – und wurde abgewiesen. Er solle erst einmal Haus und Grundstück veräußern und viele weitere Bescheinigungen vorlegen, darunter seine vom Arbeitgeber bestätigte Kündigung, eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung, ein Wertgutachten zu Haus und Grundstück. In seiner Verzweiflung suchte Kunter den auf Sozialrecht spezialisierten Anwalt Tobias Guettouche (Kanzlei Wiemann & Guettouche) auf: »Er stand mit baumelnden Urinbeutel vor mir. Ich wollte es nicht glauben.«

Anwalt greift durch

Anruf beim Jobcenter, Eilantrag beim Sozialgericht, Androhung einer Dienstaufsichtsbeschwerde – Guettouche setzte alle Hebel in Bewegung, um Kunters Hartz-IV-Antrag durchzubekommen, damit wieder reguläre Beiträge an die Krankenkasse fließen und sie wieder für Leistungen nach dem Basistarif aufkommt – das entspricht den Leistungen einer gesetzlichen Krankenkasse. Mit seinen damals 57 Jahren war dem einst selbstständig arbeitenden Klaus Klute die Rückkehr in die gesetzliche Krankenkasse verwehrt.

Der Hausarzt seiner Schwester zog Klute schließlich den Katheter aus dem Leib – auf eigene Rechnung, weil er es nicht mehr mit ansehen konnte. Als das Jobcenter zahlte und auch die Versicherung ihr Geld bekam, wurde Klute an der Prostata operiert. Doch schon die dringend erforderlichen Nachbehandlungen wurden wieder gestoppt, weil das Jobcenter mit Sanktions-, Versagungs- und Widerrufsbescheiden den Zahlungsstrom immer wieder unterbrach. Jeder Einspruch, jeder Widerspruch, den der Anwalt dagegen einlegte, hatte Erfolg. Bis März hat Klute jetzt seine Bewilligung in der Tasche, bis dahin sollte das Haus verkauft sein. Doch auch das geht nicht so schnell wie sich das Jobcenter das vorstellt: »Der mögliche Käufer hat noch keine Baugenehmigung für die von ihm geplanten Veränderungen. Und solange fließt auch kein Geld«, sagt Kunter. Guettouche bereitet inzwischen Strafanzeigen vor: »So etwas darf einfach nicht passieren.«

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