Do., 17.05.2018

Chansonnier und Autor Dominique Horwitz zu Gast in Gütersloh »Auch in der Provinz ist Glück nicht von Dauer«

Dominique Horwitz hat den Besuchern der Bertelsmann-Reihe »Das blaue Sofa« zwei unterhaltsame Stunden geboten. Die Skylobby im Theater war prall gefüllt.

Dominique Horwitz hat den Besuchern der Bertelsmann-Reihe »Das blaue Sofa« zwei unterhaltsame Stunden geboten. Die Skylobby im Theater war prall gefüllt. Foto: Jan Voth

Von Ulrich Twelker

Gütersloh (WB). »Nun schreibt er auch noch« wäre zu kurz gegriffen: Dominique Horwitz, prominent auch durch zweistellige Tatort- und Polizeiruf-Präsenz, legt mit dem Theaterwelt- und Familien-Drama »Chanson d’Amour« bereits seinen zweiten Roman vor.

Er macht neugierig. Und so ist die Skylobby im Theater bereits eine halbe Stunde vor Beginn der Bertelsmann-Reihe »Das blaue Sofa« prall gefüllt. Autorin und Literatur-Redakteurin Barbara Wahlster obliegt die Moderation. Sie ist neugierig auf diesen Monsieur Horwitz: in Paris geboren, Jahrzehnte in Hamburg verlebt.

Was bringt den 61-Jährigen dazu, nicht nur seit 14 Jahren in Weimar zu wohnen, sondern dieses deutsche Kulturzentrum zum Schauplatz seiner Bücher zu machen?

Horwitz ist Schauspieler. Routinier mit Tiefgang. Aber kaum Selbstdarsteller. Die Fragen Wahlsters beantwortet er mal eloquent und witzig, mal zögernd-nachdenklich. Er findet originelle Aspekte, kommt auf den Punkt.

Als gefeiertem Jacques-Brel-Chanson-Vermittler, Darsteller verschiedenster Charaktere, Hörbuchsprecher, Regisseur – was lockt den derart Kreativen, Bücher zu schreiben? Einsamkeit ist es nicht, auch Rollenlernen findet allein statt. Aber Sänger und Schauspieler vermitteln Werke anderer, sehen sie als Kunst. Eigene Texte, auch nicht gelungene Bücher, sind stets Kunst, einmalig. Ob man dafür aber einen Verleger finden muss? fragt sich Horwitz verschmitzt-bescheiden, des eigenen Erfolgs sicher. Erstaunt, dass er auf dem Blauen Sofa etappenweise antworten soll, akzeptiert er bereitwillig das Interview-Lese-Ping-Pong.

Sein Primär-Protagonist Kaminski ist aus Horwitz’ Debüt, der Krimikomödie »Tod in Weimar« bekannt. Als Kultur-Kutscher – Wessi übernimmt Gestüt der Großeltern nahe Weimar – hat er es schwer, lebt mit und von der Vergangenheit. Er liebt die Historie, liebt seine Frau Laura, die das »WSM«-Lokal betreibt.

Klar, Kaminski hat viel von Horwitz, der bewusst im Kulturzentrum Weimar lebt, obwohl »auch in der Provinz das Glück nicht von Dauer ist – insofern ist Weimar auch in Gütersloh!«

Er gibt zu, dass die Adoptivtochter der Romanfigur, die Punkgöre Chantal, viel von seiner älteren Tochter (34) hat: »Die war nur nicht so frech. Pubertierende Mädchen braucht man nicht«, weiß er, schildert in »Chanson d’Amour« genüsslich, wie das jeune fille terrible sich auf dem Fest gibt: Bestellt Intendant Johannes Sander Espresso und Bourbon, kontert die 16-Jährige: »Alles in einer Tasse?«

Was macht Spaß daran, den schmierigen Lokalredakteur Wolf von Nesselröden zu beschreiben, der Weimars Theaterboss Sander ob dessen »Freischütz«-Inszenierung brutal als »Möchtegern-Zadek« verreißen lässt, während sich Wolfs Frau in den Intendanten verliebt? Kritik am Theaterbetrieb? Horwitz beteuert seine Hochachtung vor den Kollegen, konstatiert: »Das ist mein Weltbild: Hat man das Glück, schlechte Menschen zu treffen, weiß man, dass man lange suchen muss, um gute Seiten zu finden. Manchen Menschen möchte man von morgens bis abends was in die Fresse hauen!«. Ganz nach dem Vorbild seines Vaters, »einem schmächtigen jüdischen Amateurboxer, der sich 33 Jahre seines Lebens täglich geschlagen hat«, seit ihm als 14-Jährigem in der Tram antisemitisch begegnet wurde.

»Chanson d’Amour« jedenfalls ist absolut lesenswert. Und dieser Sofa-Abend? Wertvolle zwei Stunden mit reichlich Denkstoff.

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