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Fr., 13.01.2017

»Zeugnisse von der Heimatfront« dokumentiert heimisches Leben im Ersten Weltkrieg Als Kinder ihre Zöpfe opferten

Schon die Jüngsten sind für die Soldaten im Einsatz. Haller Kinder wickeln Verbandsmaterial für die Front auf. Der Erste Weltkrieg zog die gesamte Bevölkerung auch in den westfälischen Städten in Mitleidenschaft.

Schon die Jüngsten sind für die Soldaten im Einsatz. Haller Kinder wickeln Verbandsmaterial für die Front auf. Der Erste Weltkrieg zog die gesamte Bevölkerung auch in den westfälischen Städten in Mitleidenschaft.

Von Burkhard Hoeltzenbein

Halle (WB). Die abmontierten Glocken der Haller Kirche fährt ein Pferdegespann in die Eisenschmelze, um daraus Kanonen und Granaten zu gießen. Chronisten aus ganz Westfalen haben im Buch »Zeugnisse von der Heimatfront« Bilder und Überlieferungen über das Leben der Zivilbevölkerung im Ersten Weltkrieg zusammengestellt – auch aus Halle und Häger.

Auf Spurensuche für die »Zeugnisse von der Heimatfront« sind Martin Wiegand, Eva Bloss-Vögler, Christiane Dammeier und Katja Kosubek gegangen.

Entstanden ist der 360 Seiten dicke Einblick ins Kriegsdasein in der Heimat aus dem Katalog zu der Wanderausstellung »An der Heimatfront – Westfalen und Lippe im Ersten Weltkrieg «, die im Jahr 2014 zum 100. Jahrestag des Kriegsausbruchs in acht westfälischen Städten zu sehen war. Für die Haller Beiträge zum Buch hat Martin Wiegand den Großteil des Materials besorgt. Er sichtete Berge von Zeitungsseiten von 1914 bis 1918, organisierte private Fotos, las Tagebücher und Chroniken.

Dabei stieß der Hobbyhistoriker auf die kleinen Geschichten am Rande, die viel über das Leben der Kinder und Erwachsenen unter Kriegsbedingungen aussagen. Laub- und Kastanien-Sammelaktionen dienen als Futternachschub der Pferde für die Last- und Kanonengespanne an der Front. Selbst Kinder raffen ihre Spargroschen zusammen, um Kriegsanleihen zu kaufen.

Ein Bild zeigt eine Schar von Kleinen beim Falten von Verbandsmaterial für die Front. Mädchen und junge Frauen lassen sich die Zöpfe abschneiden, weil die deutschen U-Boot-Werften nicht mehr genügend Kamelhaar für die Ventildichtungen geliefert bekommen.

»Es gab sogar ein Kuchenbackverbot«

Metall aller Art vom Kupferkessel bis zum ausrangierten Hufeisen wandert in die Sammelbehälter. »Es gab sogar ein Kuchenbackverbot, weil das Mehl für das Brot der Soldaten gebraucht wurde«, hat Wiegand herausgefunden. Selbst die Schläuche ihrer Fahrräder opfert die Bevölkerung, um die Kriegsmaschinerie am Laufen zu halten. Das kriegswichtige Gummi wird wegen der britischen Seeblockade knapp.

Es sind diese Details einer großenteils längst verstorbenen Kriegsgeneration, die das Buch für Menschen aller Altersklassen so spannend machen. Während die Propaganda von Beginn an die angebliche Kriegsbegeisterung schürt, sprechen Tagebucheintragungen und Feldpostbriefe, Aufsätze und Erinnerungen eine andere Sprache. »Die Sichtweise von der Euphorie im Spätsommer 1914 lässt sich historisch nicht aufrechterhalten«, sagt Katja Kosubek, die das virtuelle Geschichtsmuseum Halle betreut.

Durch Zufall verschont

Die Historikerin hat aus Wiegands Recherche lesenswerte Beiträge zur damaligen Garnisonsstadt Halle geformt. Wie in hunderten anderen Orten wurde auch hier Kompanie um Kompanie ausgehoben, ausgerüstet und gedrillt, um als Nachschub für das von der Obersten Heeresleitung zynisch als »Blutpumpe« bezeichnete Massenmorden und -sterben an die Front geschickt zu werden.

Von diesem Grauen bleibt der Wertheraner Chronist und Dorflehrer Heinrich-Julius Pohlmann eher durch Zufall verschont. Der junge Pauker an der damaligen Hägeraner Dorfschule gehört gleich zu den ersten Jahrgängen, die für Kaiser und Vaterland in den Krieg ziehen sollten. Auf dem Weg nach Galizien an die Ostfront erkrankt Pohlmann und wird, kaum angekommen, postwendend wieder nach Hause geschickt. 15 Monate nach Ausbruch des Weltenbrandes beginnt der Chronist mit seinen Aufzeichnungen.

An der Grippe sterben in Europa insgesamt 20 Millionen Menschen

Das in deutscher Kurrentschrift verfasste Werk hütet Christiane Dammeier wie einen Schatz. Der Ortsheimatpfleger Horst Berkemeier hat das Buch über die Jahrzehnte gerettet, nachdem die Schule 1968 geschlossen worden war. Aus diesem hat Bibliothekarin Eva Bloss-Vögler berührende Zeugnisse, Episoden und Geschichten über den Weltenbrand herausgearbeitet und mit Originaldokumenten belegt.

Wie die Todesanzeige der zweijährigen Martha, die 1918 an der Spanischen Grippe stirbt. Die Epidemie am Ende des Krieges, die Frontheimkehrer über den ganzen geschundenen Kontinent einschleppen und verbreiten, ist ein Hinweis darauf, wie geschwächt die Menschen nach vier Jahren Krieg und Entbehrungen an der Heimatfront sind. An der Grippe sterben in Europa insgesamt 20 Millionen Menschen – noch mehr als durch die direkten Einwirkungen des furchtbaren Krieges.

Das Buch »Zeugnisse von der Heimatfront« ist ab sofort im Buchhandel, (Ardey Verlag für Westfalen, ISBN 978-3-87023-392-1) erhältlich.

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