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Do., 07.12.2017

LWL-Archäologen forschen erstmals im Stalag 326 Bierflasche aus Frankreich entdeckt

Immer wieder werden interessante Funde auf dem Gelände des ehemaligen Stalag 326 gemacht. Im April 2011 zeigt hier Oliver Nickel von der Dokumentationsstätte Stalag mehrere hundert Schuhe.

Immer wieder werden interessante Funde auf dem Gelände des ehemaligen Stalag 326 gemacht. Im April 2011 zeigt hier Oliver Nickel von der Dokumentationsstätte Stalag mehrere hundert Schuhe. Foto: Monika Schönfeld

Schloß Holte-Stukenbrock (WB). Wegen Bauarbeiten haben Archäologen in Schloß Holte-Stukenbrock zum ersten Mal das ehemalige Kriegsgefangenenlager Stalag 326 aus dem Zweiten Weltkrieg untersucht.

Dabei stießen sie auf Funde, die von der bewegten Geschichte des Ortes zeugen, wie der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) mitteilt. Als die Ausgräber den Oberboden vorsichtig abgetragen hatten, fanden sie zwei zunächst unscheinbar aussehende Objekte: eine Bierflasche und einen Teelöffel. Anhand der Aufschrift auf der Glasflasche ließ sich der ursprüngliche Inhalt eindeutig identifizieren: Es handelte sich um das in Frankreich damals sehr beliebte Bier der Marke »La Meuse«.

Ungleich behandelt

»Die Bierflasche zeugt von der ungleichen Behandlung der Kriegsgefangenen und zeigt, dass die im Nationalsozialismus vorherrschende Rassenideologie auch im Kriegsgefangenenlager fortgeführt wurde«, erklärt LWL-Archäologe Dr. Sven Spiong. Die archäologische Untersuchung liegt genau in dem Bereich, wo 110 französische Kriegsgefangene ab 1941 untergebracht waren.

Gefunden: Eine Bierflasche aus Frankreich.

In einem speziell eingerichteten Lager gab es einen Theatersaal, eine Kapelle, eine Bücherei und eine eigene Krankenbaracke mit französischen Ärzten. »Anhand der archäologischen Funde zeigt sich jetzt, dass sich die französischen Kriegsgefangenen sogar heimisches Bier beschaffen konnten«, so Spiong, Leiter der Außenstelle Bielefeld der LWL-Archäologie für Westfalen.

Menschenunwürdig

Ganz anders erging es den überwiegend russischen Kriegsgefangenen, die zur selben Zeit im Lager lebten: Sie fristeten ihr Dasein unter menschenunwürdigen Bedingungen. Unter dem Oberkommando der Wehrmacht starb ein Großteil von ihnen an Hunger und Erschöpfung. Die Zahl der Opfer wird auf bis zu 65.000 geschätzt.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs zog das Evangelische Johanneswerk in das ehemalige Kriegsgefangenenlager ein. Bis 1970 beherbergte es Flüchtlinge und Vertriebene. »Der Fund eines Löffels mit der Aufschrift ›Johanneswerk‹ zeigt, dass die Flüchtlinge dort, nachdem sie alles verloren hatten, mit dem Nötigsten versorgt wurden­«, erklärt Spiong. »Der Löffel steht quasi für die enorme Herausforderung bei der Integration der Flüchtlinge aus dem Osten im anfangs so schwachen Nachkriegsdeutschland«, sagt er.

Zeugen des Alltags und des Leids

Heute befindet sich im ehemaligen Lager die Dokumentationsstätte. Für Grabungsleiter Eber­hardt Kettlitz steht fest: »Wo auch immer im ehemaligen Kriegsgefangenenlager heute der Spaten oder die Baggerschaufel in den Boden eingreift, sind Funde zu erwarten, die vom Alltag und Leid der Vergangenheit zeugen.« Daher sind im Zuge weiterer Baumaßnahmen archäologische Untersuchungen geplant.

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