Fr., 18.05.2018

Frank Roebers über »Sabbeln für Kohle« und das »Mondscheinprojekt« – mit Video Klassik für den guten Zweck

Huldigen, wenn die Pianistin es zulässt: Eva Schüttler demonstriert am Flügel, wann das Publikum bei einem Konzert klatschen darf. Frank Roebers gibt mit humorigen Bemerkungen den Einsatz zum Applaus.

Huldigen, wenn die Pianistin es zulässt: Eva Schüttler demonstriert am Flügel, wann das Publikum bei einem Konzert klatschen darf. Frank Roebers gibt mit humorigen Bemerkungen den Einsatz zum Applaus. Foto: Piethan

Schloß Holte-Stukenbrock (WB). Wenn ein Manager sein Wissen weitergibt, dann bitte nicht umsonst. Von den Vorträgen des Vorstandsvorsitzenden der Synaxon AG, Frank Roebers (50), profitieren das Jugendwerk Rietberg und »Hand in Hand for Children«. Mit Frank Roebers hat Monika Schönfeld über »Sabbeln für Kohle« und das »Mondscheinprojekt« gesprochen.

»Sabbeln für Kohle« hat in zehn Jahren 100.000 Euro für soziale Zwecke eingebracht. Wie ist die Idee dazu entstanden? Und wer ist im Publikum?

Frank Roebers: Wir haben bei der Synaxon AG Wikis eingeführt. Jeder im Unternehmen darf ohne Rücksprache die Regeln ändern. Das hat 2006 für Furore gesorgt. Alle dachten, die Mitarbeiter kommen dann nur mit eigennützigen Vorschlägen, wie doppelter Kaffeepause bei vollem Kuchenausgleich. Aber es funktioniert. In zwölf Jahren haben die Mitarbeiter 800.000 Änderungen vorgenommen, oft nur kleine Sachen, um Abläufe zu verbessern. Es hat nicht ein Veto von uns Führungskräften dagegen gegeben. Ich hatte so viele Anfragen, das Prinzip vorzustellen, dass ich irgendwann sagte: Das mache ich nicht mehr umsonst. Dafür will ich Geld, das an soziale Einrichtungen geht. Wir haben immer nach vier Vorträgen die Preise verdoppelt, so dass sich die Zahl auf zwölf Vorträge im Jahr einpendelte. Unternehmen haben »Sabbeln für Kohle« für Kongresse oder für Kundenveranstaltungen gebucht.

"

Die Ideen kommen von den Mitarbeitern selbst.

Frank Roebers

"

Sie sagen, nicht nur der Vorstand, sondern alle Mitarbeiter sollten einen Teil ihrer Zeit aufbringen, um soziale Projekte zu unterstützen. Warum?

Roebers: Die Ideen kommen von den Mitarbeitern selbst. Wir haben zum Beispiel das Jugendwerk Rietberg zweimal zum Weihnachtsmarkt unterstützt oder dem Förderverein Stalag beim Entrümpeln geholfen. Unsere Mitarbeiter finden das für sich selbst befriedigend. Am »Mondscheinprojekt« haben die Leute nicht nur während ihrer Arbeitszeit geholfen, sondern auch Freizeit investiert. 30 Kollegen haben bei der Vorbereitung des »Mondscheinprojekts« geholfen, sieben bis acht arbeiten im festen Stamm regelmäßig mit. Es gibt in unserem Team zum Beispiel einen Wagner-Experten und einen Mann, der ein wandelndes Beethoven-Mozart-Lexikon ist. Er setzt sich kritisch mit dem, was ich mache, auseinander und steuert Zitate bei. Kollegen helfen bei der Moderation, bei der Flyer-Erstellung, beim Ticketing oder hängen Plakate auf. Dazu wird niemand gezwungen. Das Engagement findet sich aber auch in keiner Karriere-Akte.

Sie bezeichnen sich als Musik-Junkie. Muss ein Manager seine Hobbys fürs Image seines Unternehmens einsetzen?

Roebers: Nein, gar nicht. Ich hatte einfach keine Lust mehr, zwölf mal pro Jahr meinen Wiki-Vortrag zu halten und wollte mal etwas Neues probieren. Ich hatte schon vor fünf Jahren die Idee, zusammen mit der Pianistin Eva Schüttler eine Einführung für Klassik für Anfänger zu machen, weil es so etwas noch nicht gibt. Dem Kulturbetrieb stirbt das Publikum einfach aus, und dagegen wollte ich etwas tun. Warum also nicht Hobby mit Beruf verbinden und ein Projekt zusammen mit Kollegen daraus machen? Inspiriert hatte mich ein TED-Talk des englischen Dirigenten Benjamin Zander. Ich hätte das natürlich auch außerhalb der Firma als mein privates Hobby machen können. Da wir aber ein paar richtige Experten zu dem Thema bei uns haben und so ein Projekt auch professionelles Marketing gut vertragen kann, habe ich bei uns nachgefragt und war überwältigt von der Resonanz im Kollegenkreis.

So entstand »Der Mond scheint meist in cis-moll«. Das ist ja mehr als Unterhaltung, das ist Musikanalyse. Wie hat das Publikum in Herford, Rietberg, Bielefeld und Düsseldorf reagiert?

Roebers: Wir sind selbst positiv überrascht. Die meisten Gäste haben über Schulnoten eine Rückmeldung und Kommentare gegeben. Die Zuschauerstimmen sind im Internet unter der Adresse www.klassische-musik-entdecken.de nachzulesen. Ich bekomme immer noch eine Gänsehaut, wenn ich sehe, was das Publikum schreibt. Die meisten sagen, dass sie durch uns einen Zugang zur klassischen Musik bekommen haben und diese Musik nun mit ganz anderen Ohren hören. Das freut uns unglaublich.

"

Das Programm bietet sich sogar für eine Fortsetzung an.

Frank Roebers

"

Was ist das für ein Publikum?

Roebers: Das Programm gibt es in zwei Versionen. Für das öffentliche Publikum und leicht abgewandelt für Kongresse. Dann geht es darum, welche Fragen des Unternehmertums in der klassischen Musik beantwortet werden. Wagner sagt unter anderem in seinem Ring der Nibelungen, dass es nicht möglich sei, dass man reich, mächtig und gleichzeitig ein guter Mensch ist. Er spricht auch Führungsdilemmata an. Was passiert mit mir, wenn ich einen geliebten Menschen für ein vermeintlich höheres Ziel opfere? Für Konzertbesucher gibt es obendrauf noch Angeberwissen. Es bleiben oft ganz merkwürdige Sachen hängen, so zum Beispiel, dass die Eröffnung des Rings 136 Takte in Es-Dur hat. Klassisches Infotainment eben.

Gibt es Pläne, wie lange Sie mit der Pianistin Eva Schüttler touren werden?

Roebers: Das ist ein langfristiges Projekt, das auf ein paar Jahre angelegt ist. Das Programm bietet sich sogar für eine Fortsetzung an. Eva Schüttler spielt in der obersten Liga und wurde von Vertretern des Wagner-Verbands als eine der führenden Wagner-Interpretinnen gelobt. Ein Vertreter des Verbandes hat mir gesagt, das hätte er so noch nicht gehört.

Sie arbeiten mit digitalen Medien, haben aber Bücher im Besprechungsraum und setzen mit dem »Mondscheinprojekt« auf Erlebbares, auf Musik am echten Flügel. Ist das nicht ein Widerspruch?

Roebers: Ich arbeite tatsächlich papierlos. Deshalb habe ich alle meine Bücher in den Besprechungsraum gestellt, ich lese auf dem Kindle. Bücher sind schwer und sperrig zu transportieren. Aber ein Klavier können Sie digital vergessen, das E-Piano ist schrecklich. Der Flügel ist ein lebender Organismus, ein guter Pianist kann darauf Sachen machen, die auf einem E-Piano einfach nicht gehen. Er kann damit ganz anders auf sein Publikum reagieren. Eva Schüttler spielt jedes Mal jedes Stück anders. Das kriegen Sie digital nicht hin. Nicht alles auf der Welt muss digital sein. Ansonsten ist Digitalisierung aber eine gute Sache.

Kommentare

Diese Diskussion ist geschlossen. Kommentieren ist nicht mehr möglich.

Google-Anzeigen

© WESTFALEN-BLATT
Vereinigte Zeitungsverlage GmbH

Alle Inhalte dieses Internetangebotes, insbesondere Texte, Fotografien und Grafiken, sind urheberrechtlich geschützt. Verwendung nur gemäß der Nutzungsbedingungen.

Anzeige


https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/5747305?categorypath=%2F2%2F2158585%2F2158590%2F2198384%2F2198389%2F2516080%2F