Fr., 13.07.2018

Gesamtschülerinnen aus Verl studieren und drücken gleichzeitig die Schulbank Mit 15 in die Uni

Sind die ersten Gesamtschülerinnen in Verl, die an der Universität Bielefeld neben dem Schulalltag studieren: Melina Humpert (links) aus Verl und Ronja Müller aus Schloß Holte-Stukenbrock (beide 15) sitzen einmal in der Woche im Hörsaal.

Sind die ersten Gesamtschülerinnen in Verl, die an der Universität Bielefeld neben dem Schulalltag studieren: Melina Humpert (links) aus Verl und Ronja Müller aus Schloß Holte-Stukenbrock (beide 15) sitzen einmal in der Woche im Hörsaal. Foto: Kerstin Eigendorf

Von Kerstin Eigendorf

Verl (WB). Melina Humpert und Ronja Müller drücken nicht nur die Schulbank. Sie sitzen auch einmal in der Woche im Hörsaal an der Uni. Wer die 15-Jährigen als überehrgeizige Streber abtut, irrt. Sie sind normale Jugendliche: Feiern, treffen Freunde, Ronja spielt Fußball, Melina reitet und sie tippen eifrig in ihre Handys.

Wenig verwunderlich: Natürlich sind die Gesamtschülerinnen gut in der Schule. Sie sind Teil der Begabtenförderung an der Verler Gesamtschule. »Wir schauen schon ab Klasse fünf genau hin, welcher Schüler welche Befähigung hat«, sagt Lehrerin Janina Stroop. Dabei gehe es aber nicht nur um Fächer wie Mathe oder Deutsch. »Wenn jemand in Sport begabt ist, setzen wir an der Stelle an.« Es gebe zum Beispiel auch eine Schülerin, die toll male. »Sie hat dann das Anschreiben für die neuen Fünfer gestaltet«, ergänzt Schulleiterin Tanja Heinemann.

Schülerstudenten nennt sich das Projekt

Melina Humpert und Ronja Müller sind mit Hilfe ihrer Lehrer in Kontakt mit der Universität Bielefeld gekommen. Schülerstudenten nennt sich das Projekt. Einmal in der Woche besuchen die Neuntklässlerinnen ein Seminar oder eine Vorlesung. »Als unsere Lehrerin uns ansprach, ob wir zur Uni gehen wollen, waren wir total überrascht«, gibt Ronja Müller zu. Damals habe Universität für sie vor allem »viele große Hörsäle und viele Menschen« bedeutet. Als ihre Bewerbung als Schülerstudenten mit Zeugnis, Motivationsschreiben und Empfehlungsschreiben der Schule erfolgreich ist, steigt die Aufregung. Als Melina Humpert dann im größten Hörsaal der Uni Bielefeld Platz nimmt, wundert sie sich. »Ich fiel gar nicht auf. Als mich einige Studenten fragten, welche Fächer ich studiere und ich sagte, dass ich eigentlich Schülerin sei, musste ich schmunzeln«, erzählt die Gesamtschülerin. Sie ist in Sozialwissenschaften eingeschrieben. Die Vorlesung kann sie sich später anrechnen lassen, wenn sie nach der Schule ein Vollzeit-Studium beginnen möchte. »Theorien der Soziologie« heißt ihre Vorlesung. »Sehr theoretisch«, gibt sie zu. Aber sie denke danach über viele Dinge nach wie etwa die Ungleichheit in der Gesellschaft unter eigentlich gleichen Menschen.

Weit handfester geht es im Seminar von Ronja Müller zu in Erziehungswissenschaften. Es dreht sich um die Harry-Potter-Romane und das Bild von Erziehung darin. »Erst musste ich mich an den Stil an der Uni im Gegensatz zur Schule gewöhnen, aber jetzt bin ich drin«, sagt die Neuntklässlerin.

Die Klassenkameraden stempelten sie keineswegs als Streber ab, sondern vielmehr »als Vorbild«, sagt Heinemann. Es gehe darum, dass die Schüler, die mehr Futter brauchen, gefördert werden und sich gleichzeitig konkret beruflich orientieren könnten. »Dieses Studium erfordert großen Mut, sorgt aber auch für viel Selbstsicherheit.« Es sei toll zu sehen, mit wie viel Begeisterung die Beiden ihr Studium absolvierten – und nebenbei auch noch den verpassten Schulstoff nacharbeiteten.

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