Fr., 29.12.2017

Nachholbedarf aber in der Wirtschaftspolitik: Steinhagens Bürgermeister Klaus Besser im Interview »Ärztehaus ist zukunftsweisend«

2018 sind eine Menge Jubiläen zu feiern – und auch in die auf dem Stein vorm Rathaus verewigte Partnerstadt Fivizzano reist Bürgermeister Klaus Besser wieder: Die Partnerschaft besteht 30 Jahre. Zu dem Anlass soll es eine Bürgerfahrt geben.

2018 sind eine Menge Jubiläen zu feiern – und auch in die auf dem Stein vorm Rathaus verewigte Partnerstadt Fivizzano reist Bürgermeister Klaus Besser wieder: Die Partnerschaft besteht 30 Jahre. Zu dem Anlass soll es eine Bürgerfahrt geben. Foto: Annemarie Bluhm-Weinhold

Steinhagen (WB). Ein Jahr der langen Diskussionen – um das Ärztehaus am Marktplatz und um die Cronsbachhalle. Bei der medizinischen Versorgung steht Steinhagen zum Jahresende wieder gut da. Für die Wirtschaftspolitik gab es indes schlechte Noten. Am Image hat die Gemeinde zu arbeiten. Das sagte Bürgermeister Klaus Besser. Im Gespräch mit Redakteurin Annemarie Bluhm-Weinhold zieht er Bilanz und steckt die Eckpunkte für 2018 ab.

Was waren aus Ihrer Sicht die wichtigsten Ereignisse in diesem Jahr in Steinhagen?

Klaus Besser: Das war die Einweihung des neuen Marktplatzes – ebenso wie die der Anbauten an den Grundschulen Steinhagen und Laukshof. Der Marktplatz ist insofern von besonderer Bedeutung, als damit das Bild Steinhagens in den nächsten 40 bis 50 Jahren in einem zentralen Bereich gestaltet worden ist. Er ist ein wesentlicher Punkt der zweiten Ortskernsanierung, die jetzt voll in der Phase der Umsetzung ist. Bürgerpark und Kirchplatz sind fertig, die Erneuerung des Grünzugs Mozartstraße ist eine der Maßnahmen im nächsten Jahr. Und wir sehen, dass unser Ziel, mit öffentlichen Investitionen auch private Baumaßnahmen anzuregen, greift. Viele Millionen Euro werden in Hochbauprojekte eingesetzt – in das Wohnprojekt Thron-Heye an der Bahnhofstraße und in den Perus-Neubau am Kirchplatz. Dazu kommt noch das Ärztehaus am Marktplatz.

Apropos Ärztehaus: Planung und Diskussion haben das ganze Jahr gedauert. Hätte das nicht schneller gehen müssen?

Besser: In immerhin sieben Sitzungen hat sich der Haupt- und Finanzausschuss mit der Planung beschäftigt – ein notwendiger politischer Prozess. Demokratie lebt von der Diskussion, aber auch von der Entscheidung. Die Diskussion war der Bedeutung des Standorts und des Themas angemessen. Wir vollenden an dieser Stelle etwas, das bei der ersten Ortskernsanierung angedacht worden ist. Das ist schon ein Meilenstein in der Entwicklung. Es ist eine gute Entscheidung, ein medizinisches Zentrum zu etablieren.

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Steinhagen ist in einer Situation, um die uns andere Städte beneiden.

Klaus Besser zur ärztlichen Versorgung

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Ist die Gemeinde knapp noch einmal einem medizinischen Notstand entronnen?

Besser: Die Lage wäre deutlich schwieriger, wenn das mit dem Ärztehaus nicht gelungen wäre. Steinhagen ist in einer Situation, um die uns andere Städte beneiden. Prekär ist die Lage etwa in Rheda-Wiedenbrück und selbst in Gütersloh, auch in Halle und Borgholzhausen. Ich hätte mir auch Einzelhandel an dieser Stelle vorstellen können. Aber Handel ist Wandel. Der inhabergeführte Einzelhandel ist tot, und die großen Ketten kommen nicht nach Steinhagen. Die medizinische Versorgung zu stärken, ist eine zukunftsweisende Entscheidung nicht nur mit Bezug auf den demografischen Wandel, sondern auch weil Menschen von außerhalb in den Ortskern kommen. Die werden nicht nur die Ärzte besuchen, sondern auch einkaufen.

Wie wichtig ist die medizinische Versorgung als Standortfaktor?

Besser: Sie ist mehr als ein weicher Standortfaktor. So schauen gleichermaßen Betriebe, die Fachkräfte suchen, wie auch Familien, die sich ansiedeln wollen, auf die medizinische Versorgung der Kommune. Einer Firma nützt der beste Facharbeiter nichts, wenn er im Krankheitsfall sechs Wochen auf einen Facharzttermin warten muss und ausfällt. Und die Familie hat nichts von einem Wohnort, an dem es keinen Kinderarzt gibt.

Ein zweiter langer politischer Prozess war die Entscheidung zum Bau der Cronsbachhalle…

Besser: Ich freue mich über die letztlich einstimmige Entscheidung. Auch das war eine Diskussion über vier Fachausschuss­sitzungen. Vorgeschaltet war der Prozess im Verein mit den Voten bei der Jahreshauptversammlung und der außerordentlichen Mitgliederversammlung sowie die breite Öffentlichkeitsarbeit dort.

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Das ist Public-Private-Partnership im besten Sinne und sehr günstig für die Kommune.

Klaus Besser zur Cronsbachhalle

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Das bürgerschaftliche Engagement der Spvg. ist überall gelobt worden. Wie günstig ist es für eine Gemeinde, wenn ein Verein als Bauherr auftritt?

Besser: Das ist eine Win-Win-Situation. Großer Vorteil für den Verein ist, dass er adäquate Sport- und Trainingsmöglichkeiten bekommt. Vorteil für die Kommune ist, dass sie mit überschaubarem, in diesem Fall sogar gedeckeltem Zuschussbedarf eine Dreifachsporthalle bekommt, die sie für den Schulsport nutzen kann. Das ist Public-Private-Partnership im besten Sinne und sehr günstig für die Kommune: Das große ehrenamtliche Engagement ist unentgeltlich, der Verein kann leichter Sponsorengelder einwerben und ist nicht an das strenge öffentliche Vergaberecht gebunden.

Was werden 2018 die Eckpunkte sein?

Besser: Die Einweihung der neuen Mensa an der Grundschule Amshausen zum Beispiel. Amshausen hat damit wieder einen schönen großen Veranstaltungsraum. Der Männerchor hat schon angefragt und darf dort natürlich Konzerte veranstalten. Die Autobahn wird eröffnet, was die Verkehrsströme deutlich verändern wird. Steinhagen wird ein Radwegekonzept bekommen. Und es wird gleich im Januar den Workshop mit Öffentlichkeitsbeteiligung zur Entwicklung der Flächen Detert geben. Auch die Erschließung des Wohngebiets Amshausen mit dem Bau der elften Kita steht an. Wenn alles gut läuft, können die ersten Familien Weihnachten 2018 schon im eigenen Haus in Amshausen feiern.

Sprechen wir über die Gewerbegebietsentwicklung: Was erwarten Sie von der Planung bei Detert?

Besser: Es ist zunächst eine Machbarkeitsstudie. Wir sind noch nicht im Bebauungsplan. Davor ist auch noch die Änderung des Regionalplans durch die Bezirksregierung geschaltet, die 2019 eingeleitet werden und bis 2022 dauern soll. Derzeit geht es erst einmal um die Ideenfindung. Es ist zu prüfen, welche Bedingungen Unternehmen haben möchten, welche Vorstellungen Umweltverbände und die Fraktionen haben.

Ist es nicht ärgerlich, gerade auch angesichts der erneuten Kreditaufnahmen, dass an dieser Stelle noch lange keine Gewerbesteuer fließt?

Besser: Wenn der Bürgerentscheid anders gewesen und für Wahl & Co. ausgegangen wäre, wäre man jetzt im Planungsverfahren ähnlich wie in Halle bei der Erweiterung des Ravenna-Parks.

Läuft man, je länger das Verfahren dauert, nicht auch Gefahr, dass sich ähnlich wie in Gütersloh, wo auf dem ehemaligen Flughafengelände das Naturschutzgebiet sogar ausgeweitet wird, auch hier seltene Arten auf nicht mehr genutzten Flächen ansiedeln?

Besser: Eine Umweltverträglichkeitsstudie hat es gegeben, die kein K.O.-Kriterium ausweist. Bei jeder Flächenentwicklung muss auf die Natur Rücksicht genommen werden. Auch dazu dient die Machbarkeitsstudie, um Grünzüge wie das Pulverbachtal, die Hofeichen oder Rückzugsbereiche für Fledermäuse festzulegen. Mit den Brachflächen am Gütersloher Flughafen ist Detert nicht vergleichbar. Die Belastung der Flächen wird auch durch die Autobahn noch zunehmen.

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Verheerend war sie nicht, aber sie hätte positiver ausfallen können.

Klaus Besser zur IHK-Standortanalyse

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Was muss Steinhagen nach der verheerenden Bewertung bei der IHK-Analyse tun, um das Image als Wirtschaftsstandort wieder zu verbessern?

Besser: Verheerend war sie nicht, aber sie hätte positiver ausfallen können. Erst einmal war es gut, dass es nach vielen Jahren ein so wichtiges Feedback mal wieder gegeben hat. Ob es repräsentativ ist, sei dahin gestellt. Man muss am Image arbeiten, das durch Wahl & Co. angekratzt ist. Wir sind mit IHK und Unternehmerverband im Gespräch, wir werden in der ersten Jahreshälfte zu einem Unternehmergespräch einladen, und wir beteiligen Unternehmen ebenso wie die IHK und den Unternehmerverband an den Workshops zur Machbarkeitsstudie bei Detert. Mit der »ProWi« sind wir im Gespräch darüber, was die Kommune dazu beitragen kann, um drückende Probleme, nämlich Facharbeitermangel und Ausbildungsreife von Schülern, zu lösen.

Wenn 2018 die Autobahn eröffnet wird, nehmen Sie teil? Beim ersten Spatenstich 2009 haben Sie das ja abgelehnt.

Besser: Ich weiß es noch nicht. Wenn ich komme, werde ich kritische Worte finden. Nach einer Jubelfeier ist mir nicht zumute. Ich sehe die Autobahn nach wie vor kritisch. Sie hat Vorteile, aber sie zerschneidet Steinhagen und führt zu mehr Verkehrsbelastung. Es wäre gut, auf eine Jubelfeier zu verzichten und das Geld in Maßnahmen zur Verkehrssicherheit zu stecken wie etwa die dringend notwendige Ampel Bielefelder Straße/Liebigstraße/Borsigstraße.

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