Mi., 14.02.2018

G9, Digitalisierung und neues Projekt: Steinhagener Gymnasiums-Leiter Stefan Binder im Interview »Wir müssen das ›Wir‹ stärken«

Seit 2003 ist er Lehrer am Gymnasium, hat die Schule also mit aufgebaut, nun leitet er sie: Stefan Binder.

Seit 2003 ist er Lehrer am Gymnasium, hat die Schule also mit aufgebaut, nun leitet er sie: Stefan Binder. Foto: Annemarie Bluhm-Weinhold

Steinhagen (WB). Von Visionen will Stefan Binder nicht sprechen, aber natürlich hat der neue Schulleiter des Steinhagener Gymnasiums Ideen – die Stärkung des »Wir«-Gefühls etwa ist ihm ein Anliegen, das ein weiterer, der sozialer Pfeiler im Schulprofil werden soll. Darüber, aber auch über Herausforderungen wie den Wandel von G8 zu G9, hat er mit WESTFALEN-BLATT-Redakteurin Annemarie Bluhm-Weinhold gesprochen.

Wie waren die ersten Tage als Leiter des Steinhagener Gymnasiums?

Stefan Binder: Gemischt. Einerseits habe ich nun die Verantwortung, Entscheidungen treffen zu müssen, und frage mich: Machst du das richtig? Wie hätte mein Vorgänger entschieden? Andererseits ist da eine Vorfreude, selbst entscheiden und gestalten zu dürfen.

Wie sieht der Alltag derzeit aus? Bleibt überhaupt Zeit für den Unterricht?

Binder: Ja, den Unterricht führe ich fort. Das ist mir wichtig, denn das ist Basisarbeit, um in Kontakt mit den Schülern zu sein. Ich bleibe auch Co-Klassenlehrer einer fünften Klasse bis zum Ende der Jahrgangsstufe 6. Auch die Musik soll nicht zu kurz kommen. Die Bigband führe ich weiter und die Bläserklassenausbildung. Die Fülle der Aufgaben ist aber immens. Gerade jetzt sind es auch viele Gesprächstermine.

Wie ist die neue Konstellation mit Ihrer derzeit kommissarischen Stellvertreterin?

Binder: Das hat ja zunächst vorläufigen Charakter. Die Stelle wird offen ausgeschrieben. Katja Wiertz hat auch Interesse an einer längeren Zusammenarbeit. Ich arbeite sie jetzt ein und bekomme durch sie schon viel Entlastung. Wir kennen uns seit Jahren. Das ist ein großes Plus. Und dass eine Frau mit in der Schulleitung ist, ist gewinnbringend für die Schule, weil ihre Sichtweise und Herangehensweise manchmal eine andere ist.

Wie sind Sie selbst vorbereitet worden auf die Leitungsfunktion? Bei der Abschiedsfeier für Ihren Vorgänger haben Sie jedenfalls sehr humorvoll über die Zusammenarbeit berichtet.

Binder: Ich muss ihm Dank zollen. Denn er hat mich in viele Dinge einbezogen etwa in der Elternarbeit, der Verwaltung und der Schulentwicklung, die nicht unbedingt Stellvertreter-Angelegenheiten sind. So konnte ich in die Leitungsarbeit hineinwachsen. Ich habe ihm viel zu verdanken. Es war eine tolle Zusammenarbeit.

Wie geht es nun weiter? Was sind die großen Themen?

Binder: G9 natürlich. Das wird von außen an uns herangetragen. Neben der notwendigen Arbeit an der curricularen Ausgestaltung von G9 wollen wir den Schwerpunkt unserer Arbeit auf unseren Ganztag legen, um ihn weiter zu verbessern, etwa in den unterrichtlichen und außerunterrichtlichen Angeboten oder den zugrunde gelegten didaktischen Modellen.

Eltern und Schüler werden einbezogen?

Binder: Das ist bei uns gute Tradition, Eltern und Schüler in die konkrete Arbeit aller wichtigen Entwicklungsschwerpunkte miteinzubeziehen. Sie betrachten schulische Dinge häufig aus einer anderen Perspektive als die Lehrkräfte und geben so wertvolle Impulse. Dies ist aktuell im IT-Projekt und der Teilkonferenz »Schulklima« so und soll auch für zukünftige Projekte so bleiben. Aus meiner Sicht entscheidende Faktoren für die Transparenz und Akzeptanz jeglicher schulischer Weiterentwicklung.

Das Medienprojekt geht also wie gehabt weiter?

Binder: Ich habe gerade noch mit den Administratoren Andreas Frerkes und Timo Drewitz zusammengesessen, und wir haben die Pflöcke für die weitere Entwicklung eingeschlagen. So steht die Evaluation der Tabletklasse an, denn das Projekt soll weitergeführt und ausgeweitet werden. Dafür müssen wir die Finanzierung klären ebenso wie die Frage, welche Schüler freiwillig mitmachen würden oder inwieweit es verpflichtend werden kann. Wir müssen ein pädagogisches Konzept aufstellen. Der Weg ist lang. Aber es ist ein spannendes und erfrischendes Thema. Es ist eine Aufbruchsituation.

Apropos Aufbruch: Sie haben ein weiteres Projekt erwähnt. Was hat es damit auf sich?

Binder: Wir brauchen mehr Gemeinsinn in der Schülerschaft. Das ist eine Zielvorstellung für die nächsten Jahre. Befragungen zum Schulklima ergeben erfreuliche Ergebnisse: Die Schüler fühlen sich wohl hier. Aber wir wollen auch kritische Dinge beleuchten. Und mir ist bewusst geworden, dass wir in den vergangenen Jahren viel Energie auf die Individualisierung von Schule und von Bildungsgängen gelegt haben. Und das mit Erfolg. Aber es muss eine zweite Säule geben: Wir müssen das »Wir« in den Mittelpunkt stellen. Häufig wird der Blick zu sehr auf den Einzelnen gelenkt und zu wenig auf das Gemeinwohl.

Wie konkret ist das alles?

Binder: Eine Arbeitsgruppe hat sich gebildet. Es ist zu überlegen: Wo ist Bedarf? Wie kann man Maßnahmen entwickeln? Wie erreicht man noch mehr Identifikation mit der Schule? Unsere Schüler sind die, die später vielfach die Gesellschaft tragen. So soll geschaut werden, wo die Erweiterung von Partizipation der Schüler möglich ist. Ziel ist, das Bewusstsein zu stärken, dass man ein Teil der Gemeinschaft ist und sie mitgestalten muss. Perspektivisch stelle ich mir vor, diesen Gedanken in ein weiteres Profil der Schule mit einem sozialen Schwerpunkt neben den bereits bestehenden einfließen zu lassen. Dadurch können wir der Bedeutung dieses Themas für unsere Schule auch nach außen hin Ausdruck verleihen.

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