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Sa., 07.10.2017

Sportwissenschaftlerin spricht von durchgetaktetem Alltag – Elternabend in Verl »Spielen wird unterbewertet«

Expertin Britta Bartoldus sagt, dass nur wenige Kinder die empfohlenen 60 Minuten Bewegung am Tag tatsächlich erreichen.

Expertin Britta Bartoldus sagt, dass nur wenige Kinder die empfohlenen 60 Minuten Bewegung am Tag tatsächlich erreichen. Foto: Kerstin Eigendorf

Verl (WB). Wie wichtig Spielen für Kinder ist, wird immer wieder unterschätzt. »Die spielen ja nur«, heißt es oft. Doch da steckt viel mehr dahinter, weiß Sportwissenschaftlerin Britta Bartoldus. Mit Kerstin Eigendorf sprach sie über Bewegungsmangel, Langeweile und über ihren Elternabend am 17. Oktober in der St.-Franziskus-Kita in Verl (Lindenstraße 91 um 19.30 Uhr). Dort wird es um das Thema Spielen gehen.

Hat Astrid Lindgren immer noch Recht mit dem Satz »Kinder sollten mehr spielen, als viele es heutzutage tun«?

Britta Bartoldus: Ja! Die Freizeit der Kinder ist häufig stark durchgeplant und den Kindern fehlt die Zeit zum freien Spielen.

 

Was lernt ein Kind beim Spielen?

Bartoldus: Spielen ist Grundbedingung für Lern- und Bildungsprozesse. Kinder üben aus Eigeninitiative heraus Verhaltensweisen, die ihre geistige, soziale, emotionale, motorische und kreative Entwicklung fördern.

Britta Bartoldus ist Sportwissenschaftlerin und Expertin für Psychomotorik. Sie veröffentlicht im Raabe-Verlag Praxisideen. Sie hat selbst zwei Kinder.

Von welchem Spielen reden wir in Zeiten von Computer- und Handyspielen?

Bartoldus: Neben den Computer- und Handyspielen gibt es eine Vielzahl von Spielen. Aber das freie Spiel ist das Entscheidende für die kindliche Entwicklung. Im Gegensatz dazu sind Computer- und Handyspiele oft reine Beschäftigungsmaßnahmen.

Aber ist nicht gerade das freie Spiel die größte Herausforderung für viele Eltern und Erzieher? Dieses »auszuhalten« und die Kinder einfach »machen lassen« ohne Eingreifen?

Bartoldus: Es stellt eine große Herausforderung dar, weil die Erwartungen von Pädagogen und Eltern sich auf die bestmögliche Förderung der Kinder bezieht. Beim freien Spiel lernt das Kind aber auch, wenn es nicht in besonderen Angeboten gefördert wird.

Erzieher werden oft belächelt, weil sie »nur« mit Kindern spielen. Warum?

Bartoldus: Gute Frage. Ich vermute, dass das freie Spiel wenig Bedeutung bei den Erwachsenen hat und sie nur angeleitete Angebote als Lernimpulse betrachten.

Wird Spielen unterbewertet?

Bartoldus: Ja, Spielen wird unterbewertet, besonders das freie Spiel.

Was erfahren Kinder im freien Spiel, was ihnen niemand beibringen kann?

Bartoldus: Spielen macht Spaß und ruft angenehme Gefühle hervor. So wird das Spiel als etwas Positives erlebt und ermöglicht die Eigenaktivität der Kinder.

»Beibringen« und »Anleiten« sind dennoch gerne gewählte Begriffe in der Erziehung. Notwendig oder überzogen?

Bartoldus: Ich empfinde freies Spielen und Experimentieren als die schönste Form des Lernens und Spielens. Frei nach Maria Montessori: »Hilf mir es selbst zu tun«, wird den Kindern nur so viel Hilfe wie nötig gegeben und das eigenständige Lernen steht im Vordergrund.

Ständig ist zu hören, dass Kinder gefördert werden müssen. Bleibt da überhaupt noch Zeit zum Spielen?

Bartoldus: Gegenfrage: Können Kinder nicht durch das Spielen kindgemäß und spielerisch gefördert werden?

Früher hieß es: Tür auf, raus. Spielen mit den Nachbarskindern. Fehlt das heute häufig?

Bartoldus: Ja, denn das unbeobachtete freie Spiel ermöglicht den Kindern Erfahrungen. Kinder spielen weniger auf der Straße als früher. Die Gründe dafür sind sehr unterschiedlich: mehr Verkehr, Angst der Eltern und weniger freie Zeit sind hervorzuheben.

Bewegen sich Kinder heute generell zu wenig?

Bartoldus: Ganz eindeutig ja! Nur 15 Prozent der Kinder zwischen vier und 17 Jahren erreichen die täglich geforderten 60 Minuten Bewegung.

Müssen sich Kinder nicht auch mal langweilen?

Bartoldus: Ja, Kinder müssen lernen, auch mal nichts zu tun. Besonders zur Prävention von Stress müssen sie lernen, »nichts tun« auszuhalten. Unser Alltag ist geprägt von Schnelllebigkeit. Langeweile und Spielen schließen sich nicht aus. Das freie Spiel ist ja dazu ausgelegt, dass Kinder sich selbst etwas überlegen und nicht ständig animiert werden müssen. Es geht nicht um eine Vielzahl von Spielzeug, sondern um das selbst erdachte Spiel. Bei kleinen Kindern ist die Plastikschüssel oft das beliebteste Spielzeug, und alles andere bleibt liegen.

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