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Sa., 25.11.2017

Bärbel Schäfer gibt der Shoa-Überlebenden Eva Szepesi eine Stimme Gegen das kollektive Schweigen

Stadtbibliothekarin Eva Bloss-Vögler (von links), Journalistin und Autorin Bärbel Schäfer sowie Bettina Gehle von der Buchhandlung Lesezeichen freuen sich über die große Resonanz bei der Lesung zum Buch »Meine Nachmittage mit Eva«.

Stadtbibliothekarin Eva Bloss-Vögler (von links), Journalistin und Autorin Bärbel Schäfer sowie Bettina Gehle von der Buchhandlung Lesezeichen freuen sich über die große Resonanz bei der Lesung zum Buch »Meine Nachmittage mit Eva«. Foto: Burkhard Hoeltzenbein

Von Burkhard Hoeltzenbein

Werther (WB). Am Kaffeetisch hat die Journalistin Bärbel Schäfer das Überleben der aus Ungarn stammenden und in Frankfurt lebenden Jüdin Eva Szepesi gesammelt. Die Fernsehmoderatorin zeichnet das Leben der heute 85-jährigen Frau nach, die am 27. Januar aus der Hölle von Auschwitz befreit wurde.

Das Buch der in Frankfurt lebenden Autorin, die am Donnerstagabend im Haus Werther auf Einladung der Stadtbibliothek und der Buchhandlung Lesezeichen Auszüge aus »Meine Nachmittage mit Eva« vorlas, ist weit mehr als ein Tatsachensachenbericht über ein einzelnes Schicksal eines der Millionen Opfer von Hitlers Rassenwahnsinn. Es macht deutlich, dass jetzt die letzte Chance besteht, die wenigen noch lebenden Überlebenden der Shoa zu fragen und aus erster Hand zu erfahren, was ihnen damals angetan wurde.

Zugleich zeigt Schäfer auf, dass die Täter jahrzehntelang schwiegen und meist ihre dunklen Geheimnisse aus »der Zeit« mit ins Grab nahmen. Nicht nur die Mörder in den Konzentrationslagern und den Erschießungskommandos. Sondern bis auf wenige Ausnahmen eine ganze Bevölkerung, die sich nach Ende des Krieges um ihr eigenes Überleben kümmerte und den Holocaust ausblendete.

Backpfeife von der Oma wegen Nazi-Kreuz

»Dieses Buch ist keine Anklage«, betont Bärbel Schäfer, Ehefrau von Michel Friedman, die selbst zum Judentum konvertierte. Anhand ihrer Erfahrungen in der eigenen Familie verdeutlicht sie, wie durchdrungen das Land der Täter vom Bemühen war und ist, den millionenfachen Mord zu vergessen, zu tabuisieren, totzuschweigen. Die Ohrfeige, die sich Schäfer als junge Frau einfängt, als sie ihre Oma nach dem von den Nazis verliehene Mutterkreuz in der Schmuckschatulle fragt, ist Ausdruck dieses Verdrängens.

So präsent die prominente Vorleserin auftritt, so stark sind ihre Formulierungen. Schäfer benutzt Worte wie »Gehirnradiergummi« oder »schwerer Schweigeteppich«, um das kollektive Verdrängungsphänomen im Nachkriegsdeutschland zu beschreiben.

Erschütternde Sätze über den Horror in Auschwitz

Doch die wirklich erschütternden Sätze, die bei 70 Zuhörerinnen und fünf Zuhörern an diesem Abend im Gedächtnis haften bleiben, sind ihre Zitate von Eva. »Jammern bedeutete Tod«, erinnert sich im Buch die Shoa-Überlebende, wie sie im Vernichtungslager Auschwitz beim berüchtigten Zählappell in Holzschuhen und in Lagerlumpen gehüllt in der Eiseskälte stand. »Babys erfroren in den Armen ihrer Mütter.« Noch so ein Satz, der den Horror erahnen lässt. Und: »Ich habe in Auschwitz alles verloren.«

Ein starker Moment ist, als Schäfer von der befreundeten Lehrerin erzählt, die für das Unterrichtsthema bei einem Rabbiner nach Holocaustüberlebenden fragt, von denen es ja nur noch wenige gebe. Antwort des Rabbis: »Fragen Sie doch die Täter. Von denen haben doch Millionen überlebt.«

Eva Szepesi hat ihre Erinnerungen selbst in einem 2011 erschienenen Buch festgehalten. Schäfer gelingt es, mit dem Hinweis auf Pegida, Mölln, Hoyerswerda oder die brennenden Flüchtlingsheime der jüngeren Zeit den Bogen in die Jetztzeit zu spannen. »Wehret den Anfängen«, lautet ihre Lektion an alle Leser aus Evas Geschichte.

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