Mi., 28.02.2018

Film von Knut Weltlich über den Zug von Werther nach Bielefeld feiert Premiere Mit der Kleinbahn auf historischer Spur

Von Burkhard Hoeltzenbein

Werther (WB). Genau 45 Minuten dauert der wunderbar montierte Film über jene Bielefelder Kleinbahn, die einst in den Wertheraner Bahnhof dampfte. Genau so lang, wie in den 1900er bis 1950er Jahre die Fahrt der Passagiere aus der Kleinstadt auf den 13,9 Kilometer langen Gleisen über Dornberg ins große Bielefeld nach Schildesche dauerte.

Der aufwendig gemachte Film erzählt ein starkes Stück Heimatgeschichte in bewegten, teils computeranimierten Bildern. Einen roten Teppich wie bei der Biennale hat Filmproduzent Knut Weltlich im Haus Werther zur Weltpremiere des Streifens nicht ausgerollt. Doch die 128 Original-Kleinbahn-Fahrkarten, die er am Samstag wie anno dunnemals mit der historischen Knipserzange entwertet, sind auch ohne großes Brimborium schnell vergriffen.

So mancher Mitreisende, der die Fahrt der einstigen Kleinbahn von Werther nach Dornberg miterleben möchte, muss an der »Bahnsteigkante« zurückbleiben. »Wir sind ausverkauft«, bedauert Weltlich. Nicht einmal eine spontan anberaumte Zusatzvorstellung am Sonntag konnte den Andrang bewältigen. Viermal war der Saal des Hauses Werther voll.

Mit Schaffnermütze und Trillerpfeife

Bevor die ersten Bilder laufen, erzählt der mit Schaffnermütze, Trillerpfeife sowie einer originalen Kelle ausstaffierte und spürbar stolze Initiator, Produzent, Finanzier und Regisseur vom Entstehen des Eisenbahnfilms. Wie er zusammen mit dem während der Dreharbeiten verstorbenen Stadtführer Wilhelm Redecker mit Schaufel, Licht und Kamerastativ bewaffnet die einstige, inzwischen nur noch an wenigen Etappen auffindbare Bahntrasse absuchte.

Nach dem Kommando »Film ab« schwelgt mancher der meist älteren Zuhörer in Kindheits- und Jugenderinnerungen an die Bielefelder Kleinbahn. Die verband auf 1000 Millimetern Spurweite seit 1901 das Örtchen Werther mit der großen weiten Welt. Zeitzeugen wie Heinz Vollmer erzählen, wie sie einst zur Schule, Ausbildung oder als Ausflugsvergnügen die ruckelnde Dampfbahn nutzten, um nach Bielefeld und von dort aus mit der Reichsbahn, später Bundesbahn, weiter zu kommen. »Die Fahrt dauerte lang genug, um eine Partie Schach oder Skat zu spielen«, erinnert sich Vollmer.

Die fürsorgliche Bahnhofswirtin

Eifriges Nicken der Zuschauer bekräftigt die Anekdoten, die Filmsprecher Daniel Hoffmann zu den aus 30 Stunden Rohmaterial geschnittenen bewegten und statischen Bildern erzählt. Von dem Lehrling, der sich morgens den Weg zum Bahnhof sparte und lieber unterwegs aufsprang. Von der fürsorglichen Bahnhofswirtin Margarethe Kuhlmann, die – geradezu geschäftsschädigend – die Betrunkenen ermahnte, lieber nach Hause zu gehen und so manchen Ehefrieden rettete.

Aber auch von den Zwangsarbeiterinnen im Krieg, die jeden Morgen an der zusätzlich eingerichteten, im Volksmund »Schitomir« genannten Haltestelle ausstiegen, um bei Dürkopp Schlösser für Maschinengewehre zu bauen. Kriegserinnerungen an Bombenangriffe auf die Bahnlinie mit insgesamt 60 Toten werden im Saal spürbar. Allein 42 Menschen starben beim Angriff auf den Halt Herforder Straße. Tiefflieger schossen auf der Grenze zwischen Werther und Bielefeld dabei sogar den Hof Vollmer in Brand.

Böckstiegels Vater arbeitete als Packer

Der Film hangelt sich von der Ausfahrt in Werther an den Stationen entlang. Die Computeranimationen, die Khan Luu über das Material zur Trasse gelegt hat, erwecken die Dampfbahn mit ihren beiden Personen- und dem Güterwaggon zum Leben. An die inzwischen abgerissene Bahnbrücke über den Schwarzbach können sich viele erinnern. »Ahs« und »Ohs« sind bei der Station »Tannenkrug« zu hören. Dass Peter August Böckstiegel, dessen Vater als Packer bei der Kleinbahn beschäftigt war, seine »Kunsttransporte« damals mit der Bimmelbahn erledigte, wäre angesichts der Versicherungssummen heute nicht mehr denkbar.

In den Umschnitten lässt Knut Weltlich die Bahn auf der Trasse anhand von Google Maps durch die Lande schnaufen. Erzählt von Gütern und Menschen, die die 1956 stillgelegte Schmalspurbahn ein gutes halbes Jahrhundert lang am Teuto transportierte. Die wenigen originalen Filmschnipsel von der Lok, Modell »Dicke Dornberg« hat er kunstvoll in den Streifen eingeflochten. In kurzen Sequenzen rollt der Zug in den Wertheraner Bahnhof ein.

Wegen der großen Nachfrage hat Knut Weltlich auch im benachbarten Halle noch zwei Termine für die Filmvorführung festgemacht: am 21. März, 17 und 19 Uhr, im Bürgerzentrum Remise, Kiskerstraße 2.

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