Sa., 03.03.2018

Lesung in Werther: Autorin kritisiert die intensive Landwirtschaft »Sargnägel« für die Natur

Wo sind die Hummeln geblieben, die früher über die Felder zogen. Sie haben sich größtenteils in naturnahe Gärten in den Städten und Dörfern verzogen. Sie benötigen heimische Sträucher und Blumen zur Versorgung ihrer Brut.

Wo sind die Hummeln geblieben, die früher über die Felder zogen. Sie haben sich größtenteils in naturnahe Gärten in den Städten und Dörfern verzogen. Sie benötigen heimische Sträucher und Blumen zur Versorgung ihrer Brut. Foto: Sven Hoppe/dpa

Von Klaus-Peter Schillig

Werther (WB). Sie legt sich mit einer Klientel an, die in fast jeder deutschen Regierung selbst den Minister stellen darf. Dr. Susanne Dohrn, Journalistin aus Schleswig-Holstein, lässt im ihrem Buch »Das Ende der Natur?« kaum ein gutes Haar an der konventionellen Landwirtschaft. Kommenden Donnerstag kommt sie zu einer Lesung nach Werther.

Umweltberater Werner Schröder hat die streitbare SPD-Ratsfrau aus dem 13.000-Einwohner-Städtchen Tonnersch eingeladen, die in ihrem Heimatort bereits angestoßen hat, dass Straßenränder und Freiflächen wieder mit heimischen Pflanzen erblühen. Dass die in Deutschland vielerorts verschwunden sind, ist ihr bei einer Reise durchs Baltikum erst bewusst geworden.

Baltikum-Reise hat die Sinne geschärft

Seitdem hält sie hierzulande Augen und Ohren offen. »Das hätte mir auch selbst auffallen können«, gesteht sie im Gespräch mit dem WB. Nach 20 Jahren in Berlin war der Blick aber noch nicht geschärft für das Verschwinden der Natur. »Ich habe dann anders gelesen, anders Radio gehört und ferngesehen. Und sie ist in vielen Gesprächen der Ursache auf die Spur gekommen: die intensive Landwirtschaft. »Daraus ist der Wunsch entstanden, ein Buch darüber zu schreiben und es vielen Menschen begreifbar zu machen.«

Dr. Susanne Dohrn mit einem NDR-Kameramann bei Aufnahmen in ihrem Garten. Foto: privat

»Das ist legalisierte Umweltverschmutzung«, sagt Susanne Dohrn, gestützt auf viele Gespräche mit Wissenschaftlern und Forschern, gestützt aber auch durch die Subventionspraxis der EU. 6,4 Milliarden Euro sind demnach allein 2016 in die deutsche Landwirtschaft geflossen, verteilt auf 331.000 Empfänger. Der einzelne Landwirt ist gefangen in dem System, dass laut Susanne Dohrn vor allem auf Wachstum, auf Menge setzt.

Sie schildert die negativen Auswirkungen der intensiven Gülle-Ausbringung, die gerade in dieser Woche von der EU als gefährlich eingestuften Neonicotinoide, auf sonstige Pestizide und »Pflanzenschutzmittel«, die den Ertrag erhöhen, aber die Natur verdrängen, die Bodenlebewesen auslöschen, die Insekten dezimieren und damit auch deren Jäger, die Vögel. »Sargnägel«, wie sie immer wieder schreibt.

»Förderung von Biogas war eine unsägliche Entscheidung«

»Man hat gar keine Lust mehr, mit dem Fahrrad über Land zu fahren. Es ist nur noch grün«, beschreibt sie ihre eigenen Gefühle. Die resultieren aus den »Wänden« von Mais beidseits der Wege. »Die Förderung von Biogasanlagen war eine unsägliche Entscheidung«, wirft sie der Politik vor, die Schaffung von Monokulturen auch noch zu unterstützen.

Was würde sie ändern, wenn sie selbst Landwirtschaftsministerin wäre? »Ich würde den Anteil des ökologischen Landbaus erhöhen, weil es dann eine viel größere Artenvielfalt gäbe.« Der 20-Prozent-Anteil der ÖKO-Bewirtschaftung an der gesamten Landwirtschaft sollte schon 2010 erreicht werden, liegt aber jetzt nur bei 7,5 Prozent.

Im Erscheinungsjahr schon zweite Auflage gedruckt

»Das ist jedenfalls ein Thema, das die Menschen bewegt. Viele machen sich Sorgen um die Natur«, ist Susanne Dohrn, eigentlich promovierte Historikern, überzeugt. Schon im ersten Jahr des Erscheinens wurde 2017 eine zweite Auflage gedruckt, bei der Buchmesse in Frankfurt hatte sie in Umweltministerin Barbara Hendricks eine prominente Fürsprecherin, der NDR hat ihr Buch ebenso ausführlich besprochen wie renommierte Zeitungen bundesweit. Und die Einladungen zu Vorträgen und Lesungen kommen aus allen Ecken, von Umweltverbänden, Lion-Clubs – oder der Stadt Werther. Hier liest sie Donnerstag, 19.30 Uhr, im Schloss.

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