Di., 06.03.2018

Wie innerhalb von 200 Jahren aus dem Laufrad ein Drahtesel wurde Hunger bringt Rad in Fahrt

Auch historisch fest im (Fahrrad-)Sattel: Walter Treichel hielt auf Einladung von Claudia Seidel, Leiterin von Haus Tiefenstraße, eine Rückschau auf 200 Jahre Fahrrad.

Auch historisch fest im (Fahrrad-)Sattel: Walter Treichel hielt auf Einladung von Claudia Seidel, Leiterin von Haus Tiefenstraße, eine Rückschau auf 200 Jahre Fahrrad. Foto: Anna Lisa Tibaudo

Von Anna Lisa Tibaudo

Werther (WB). »Das ist eine tolle Sache mit dem Fahrrad«, betont Fahrradenthusiast Walter Treichel aus Werther. Er kennt sich aus, wie seine Rückschau auf 200 Jahre Fahrradgeschichte im Haus Tiefenstraße jetzt bewiesen hat.

Erfunden hat das Ur-Fahrrad der großherzoglich-badische Carl Friedrich Freiherr Drais von Sauerbronn im Jahr 1817 in Form eines Laufrads. Geschuldet war es der größten Hungerkatastrophe des 19. Jahrhunderts, die 1815 in Folge des Vulkanausbruchs Tambora in Indonesien eine Klimaveränderung auf der nördlichen Halbkugel auslöste.

Jahr ohne Sommer

Das »Jahr ohne Sommer«, wie es die Meteorologen nennen, brachte Eiseskälte und Missernten, worauf nicht nur Menschen, sondern auch Pferde mangels Futter starben oder geschlachtet wurden. Der ehemalige Physiklehrer Treichel (81) wundert sich: »Ich weiß gar nicht, warum dass in diesem Zusammenhang so wenig publik gemacht wird.«

Die Laufmaschine Draisine, wie das Rad genannt wurde, ersetzte die fehlenden Pferde und erfreute sich schnell großer Beliebtheit, um weite Distanzen zu überbrücken. Es bestand aus zwei hintereinander rotierenden gleichgroßen Holzrädern. Der Fahrer saß auf einem gepolsterten Holzbalken und steuerte sein Gefährt ohne Pedalen mit Hilfe eines Deichsellenkers. Eine einfache Bremse gab es auch. Die ganze Konstruktion wog etwa 20 Kilo. Drais soll damit die 50 Kilometer lange Strecke von Karlsruhe nach Kehl in vier Stunden zurückgelegt haben, bei etwa 15 Stundenkilometer.

Beliebtheit ungebremst

Die Beliebtheit schien ungebremst, Wettkämpfe wurden veranstaltet und das zehnjährige Patent versprach Reichtum. Doch die weltweit unlizenzierten Kopien und die Weiterentwicklung der Draisine brachten nur wenig Geldeinnahmen. Außerdem verboten die Städte bereits ein Jahr später nach und nach das Laufrad, weil es immer wieder zu Unfällen mit Fußgängern kam. Hinzu kam, dass die Vulkanasche aus der Atmosphäre nachließ, die Hungersnot abnahm und der Pferdebestand sich erholte. Darüber hinaus hielt der Schienenverkehr seinen Einzug. Das Laufrad geriet aus dem Fokus.

Erst 1861 nimmt die Entwicklung des Fahrrads Fahrt auf. Der Franzose Ernest Michaux (andere Quellen nennen Pierre Lallement) entdeckt den Tretkurbelantrieb und befestigt Pedalen ans Vorderrad. Das Rad wird erstmals aus Metall hergestellt, hat gefederte Sattelträger, Bremsen und Speichenräder mit Vollgummibereifung. 1869 wird in Paris das Hochrad des Elsässers Eugène Meyer vorgestellt. Das Vorderrad ist dreimal so groß wie das Hinterrad und verspricht mehr Tempo für die betuchte Bevölkerung. Leider kommt es wegen des hohen Schwerpunkts häufig zu schweren Stürzen.

Kluge Erfindungen

1878 baut der Engländer Thomas Shergold ein alltagstaugliches Rad, der auch dem einfachen Bürger zugänglich sein soll - das sogenannte Sicherheitsfahrrad. Das Hinterrad wird mit einer Kette angetrieben, weswegen auf das überdimensionale Vorderrad verzichtet werden kann. 1885 entsteht der Prototyp des heutigen Fahrrads, entwickelt von John Kemp Starleys Rover, mit Stahlrahmen und sinnvoller Anordnung der Bedienungselementen. Bald folgten Erfindungen, die heute zum Standard gehören: 1888 der verbesserte Luftreifen (John Boyd Dunlop), 1905 die Kettenschaltung mit Umwerfer (Paul de Vivie), 1933 die erste Schnellschaltung (Tullio Campagnolo).

»Das Fahrrad ist meist gebaute und verkaufte Fortbewegungsmittel der Welt«, weiß Treichel. Allein in Deutschland stehen rund 45 Millionen Autos geschätzten 80 Millionen Fahrrädern gegenüber. Und Not macht den Menschen nicht nur erfinderisch, sondern auch beweglich. Bei Treichel war es in den 70-er Jahren die Ölkrise, ihn aufs Rad umsteigen ließ. Bis zur Pensionierung fuhr er fortan täglich nach Halle zur Arbeit.

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