Di., 31.07.2018

Jugendliche aus Bünde helfen Senioren in Belarus Kleistern und Pinseln als Völkerverständigung

Janne (17, oben) und Nele (17) streichen den Giebel der »Chaos-Queen«. Die pensionierte Lehrerin schämte sich sehr für den Zustand ihres Hauses.

Janne (17, oben) und Nele (17) streichen den Giebel der »Chaos-Queen«. Die pensionierte Lehrerin schämte sich sehr für den Zustand ihres Hauses. Foto: Thomas Klüter

Von Thomas Klüter

Bünde/Lepel (WB). Zum 22. Mal hat Jugendreferentin Ulrike Jaeger ihr Lager zum Workcamp in einer Turnhalle im weißrussischen Lepel aufgeschlagen. In Absprache mit dem örtlichen Sozialamt renovieren 22 Jugendlichen aus Bünde und Belarus Häuser von bedürftigen Menschen.

Etwas zerknautscht von der Nacht im Schlafsack stapfen die 13- bis 18-Jährigen rüber zum Zähneputzen an die verzinkte Rinne außen an einer Bretterbude. Dann noch kurz zum Frühstück zu Valentina in die Schulküche, bevor der Arbeitstag beginnt. Der startet immer mit einer kurzen Morgenbesprechung auf der Wiese vor der Turnhalle. Heute hält Nele die Morgenandacht, hat den Liedtext »Das Leben beißt, das Leben küsst« von Bosse dafür ausgewählt und teilt ihre Gedanken dazu mit der Gruppe. Dascha Adsericho Daria übersetzt ins Russische.

Workcamper arbeiten an sechs Baustellen

Danach gibt es eine kurze Lagebesprechung. Auf der einen Baustelle wird noch Silikon gebraucht. Bei der pensionierten Lehrerin Kleofasowna, die alle nur »Chaos-Queen« nennen, muss der Giebel einen zweiten Anstrich bekommen und zur Holzhütte der geistig eingeschränkten Swetlana werden heute die Wellplatten für das neue Vordach geliefert.

An insgesamt sechs Baustellen arbeiten die Workcamper in kleinen Gruppen parallel. Ihre handwerklichen Fähigkeiten sind selbst beigebracht, vielleicht durch Erfahrungen beim Helfen zu Hause etwas gefestigt. »Bei den meisten Arbeiten, die wir hier erledigen, hilft einem aber der normale Menschenverstand«, sagt Sönke Tiesmeier, der bereits zum vierten Mal am Workcamp teilnimmt. Also steigen die Jugendlichen zu Nikolay in den Bus, der sie gegen acht Uhr auf die verschiedenen Baustellen verteilt. Zum Mittagessen wird er sie alle wieder einsammeln, dann zurück zu ihren Einsatzorten bringen und etwa um 18 Uhr holt er die Jugendlichen zum Abendessen ab.

Nur Bedürftigen wird geholfen

Manchmal bleiben die Jugendlichen auch länger, verzichten auf das Abendbrot, weil ein Dach noch abgedichtet werden muss, bevor der Regen kommt oder sie noch eine Wand zu Ende tapezieren wollen. Die Projekte fördern die Eigenverantwortung der Jugendlichen, das Organisationstalent und die eigenen Fähigkeiten. »Die Teilnehmer haben Mut, sich auszuprobieren«, sagt Ulrike Jaeger. Auch wenn vielleicht nicht alle Renovierungsarbeiten den deutschen Vorschriften entsprächen, »hinterlassen wir die Häuser und Wohnungen immer besser, als wir sie vorfinden«, so Jaeger.

Das weiß auch Ella Padkebionkina. Die Leiterin des Sozialamts im Kreis Lepel vermittelt die Bedürftigen an das Projekt von Ulrike Jaeger. »Die Menschen hier haben schon viel über das Workcamp gehört und fragen nach, ob sie auch Hilfe bekommen können«, so Padkebionkina. Die Kriterien sind eindeutig: Bedürftig müssen die Menschen sein, alleinstehend und ohne Kinder oder Verwandte, die ihnen helfen könnten. »Davon gibt es leider viel zu viele im Kreis Lepel«, sagt Ella Padkebionkina.

Deutsch-Russische Freundschaften bilden sich

Der Lebensstandard, den die Workcamper in den Häusern vorfinden, ist manchmal bedrückend. Kaum isolierte Wände, dreckige Toiletten, Vorratskammern mit verdorbenem Eingemachten und Menschen, denen es unangenehm ist, um Hilfe zu bitten. Umso mehr freuen sie sich über die unerwartete Unterstützung der Jugendlichen. Die legen eine Menge Eifer und Emotionen in ihre Arbeit. Und sie freuen sich über die strahlenden Augen der Hilfebedürftigen.

Die Kraft der Gemeinschaft hilft den 13- bis 18-Jährigen all das zu schaffen. Neue Freundschaften bilden sich in einem Mix aus Russisch und Deutsch. Einige der Jugendlichen aus Bünde haben Vorfahren aus der ehemaligen Sowjetunion und sprechen Russisch, die meisten Teilnehmer aus Belarus lernen etwas Deutsch in der Schule. Nach getaner Arbeit wird gespasst, gespielt oder gequatscht. Auch über die Erfahrungen vom Tag. Aber viel mehr über all das, was Jugendliche interessiert, egal ob aus Belarus oder aus Deutschland.

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