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Sa., 16.04.2016

Jugendamt vermittelt neugeborenes Mädchen – keine Spur von der leiblichen Mutter Das Klappen-Kind hat endlich Eltern

Anfang Oktober wurde das neugeborene Mädchen in die Babyklappe am Klinikum gelegt. Bis heute hat sich die leibliche Mutter nicht bei den Behörden gemeldet. Das Jugendamt hat für das Kind nun Adoptiveltern gefunden.

Anfang Oktober wurde das neugeborene Mädchen in die Babyklappe am Klinikum gelegt. Bis heute hat sich die leibliche Mutter nicht bei den Behörden gemeldet. Das Jugendamt hat für das Kind nun Adoptiveltern gefunden. Foto: Moritz Winde

Von Moritz Winde

Herford (WB). Anfang April ist es ein halbes Jahr alt geworden. Diesen Ehrentag konnte das Mädchen aber nicht mit seiner leiblichen Mutter feiern.  Die Kleine wurde kurz nach ihrer Geburt in die Babyklappe des Klinikums gelegt. Jetzt hat sie neue Eltern.

Swea Hartl (49) und Rainer Simon (60) sind die Adoptionsvermittler der Stadt Herford, die für den Kreis Herford und Porta Westfalica zuständig sind. Das Duo des Jugendamtes hat in den letzten Wochen alles daran gesetzt, ein passendes Zuhause für das Neugeborene zu finden, für das Mama und Papa keine Verantwortung übernehmen wollten oder konnten.

Ihr Credo beschreibt Swea Hartl so: »Unser Auftraggeber ist das Kind. Wir suchen nicht für die Eltern ein Kind, sondern für das Kind Eltern.« Es sei ein emotionaler Job, der viel Verantwortung bedeute. »Es geht hier schließlich nicht um ein Auto oder eine Küche, sondern um ein Menschenleben.«

Mutter nicht gefunden

Die Adoptionsvermittler des Herforder Jugendamtes: Swea Hartl und Rainer Simon. Foto: Winde

Die Behörden hatten über die Medien versucht, die leibliche Mutter des Klappen-Kindes zu finden. Vergeblich! »Bis heute hat sie sich nicht gemeldet. Wir wissen nichts«, berichtet Swea Hartl. Und trotzdem ist es den Vermittlern gelungen, ein warmes Nest im Kreis Herford für den ausgesetzten Wonneproppen zu finden.

Die Freude der Adoptiveltern sei riesengroß gewesen, als sie »ihr« Baby zum ersten Mal in den Arm genommen hätten, sagt Swea Hartl. Regelmäßig schaut sie in der Familie vorbei. Alles laufe reibungslos. Erst in einem Jahr sei die Adoption ganz offiziell. Bis dahin könne die leibliche Mutter ihr Kind sogar noch zurückfordern.

»Kinder wollen wissen, woher sie kommen«

Die Experten raten den Adoptiveltern, ihren angenommenen Zöglingen frühzeitig reinen Wein einzuschenken – am besten schon auf dem Wickeltisch. »Die Kinder wollen wissen, woher sie kommen. Und sie haben ein Anrecht darauf«, stellt Rainer Simon klar.

Bei Müttern, die ihren Säugling offiziell beim Jugendamt zur Adoption freigeben, sei die Vermittlung einfacher. Das kommt etwa fünfmal im Jahr vor. Rainer Simon: »Viele Mütter haben Wünsche. Manche wollen, dass ihr Kind auf dem Land aufwächst. Andere legen Wert auf gute Bildung.« Man versuche, diese Vorstellungen zu berücksichtigen.

Etwa 30 meist kinderlose Paare sind es im Kreis Herford im Schnitt, die ein Kind adoptieren möchten. Voraus geht eine genaue Prüfung der angehenden Eltern sowie etliche persönliche Gespräche. »Das Paar sollte sich mit seiner eigenen Lebensgeschichte auseinandersetzen. Es darf nicht sein, dass das Adoptivkind zum Lückenbüßer wird«, sagt Rainer Simon.

Letzter Ausweg

Was für die meisten Menschen unmöglich scheint, ist für manche der letzte Ausweg. Die Beweggründe, sich von seinem eigenen Fleisch und Blut zu trennen, seien unterschiedlich, sagt Swea Hartl. Sie zeigt Verständnis und ist froh, dass die unbekannte Mutter das Klappen-Angebot angenommen und ihr Baby nicht in einer Tüte im Gebüsch entsorgt hat.

Dieser Fall aus Gütersloh erschütterte vor kurzem die Region. »Keine Mutter der Welt gibt freiwillig ihr Kind ab. Das sind keine Rabenmütter.« Es könnten sehr junge Frauen sein, die Angst vor der Verantwortung haben. Oder Familien, die schon viele Kinder haben. Oder verheiratete Frauen, die von einem anderen Mann geschwängert wurden. Manchmal spiele auch Krankheit eine Rolle. Eines, sagt Swea Hartl, hätten diese Frauen aber gemeinsam: »Alle stecken in einer schweren Krise.«

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