>

Sa., 28.10.2017

Herforder liegt seit zwei Jahren im Koma – Ehefrau will ihn im Gericht zeigen Brutaler Angriff auf Taxifahrer: Prozess beginnt

Die Ehefrau steht an der Stelle vor dem Bahnhof, wo ihr Mann vor zwei Jahren Opfer eines Gewaltverbrechens geworden ist. Seitdem ist der Taxifahrer ein schwerer Pflegefall. Am Donnerstag steht der mutmaßliche Täter vor dem Landgericht. Die 33-Jährige tritt im Prozess als Nebenklägerin auf.

Die Ehefrau steht an der Stelle vor dem Bahnhof, wo ihr Mann vor zwei Jahren Opfer eines Gewaltverbrechens geworden ist. Seitdem ist der Taxifahrer ein schwerer Pflegefall. Am Donnerstag steht der mutmaßliche Täter vor dem Landgericht. Die 33-Jährige tritt im Prozess als Nebenklägerin auf. Foto: Moritz Winde

Von Moritz Winde

Herford (WB). Er kann nicht mehr essen, nicht mehr reden, nicht mehr lachen: Vor zwei Jahren wurde ein Taxifahrer am Bahnhof so brutal geschlagen, dass er jetzt ein schwerer Pflegefall ist. Am Donnerstag beginnt der Prozess gegen den mutmaßlichen Täter. Die Frau des Opfers überlegt, ihren Mann mit ins Gericht zu nehmen. »Alle sollen sehen, was uns angetan wurde!«

Kinder fragen: »Wird Papa wieder gesund?«

 Seit dem 7. November 2015 ist nichts mehr so, wie es war. Über die einst so glückliche Familie brach in dieser Nacht das Leid herein. »Unsere drei Kinder fragen ständig, wann Papa wieder gesund wird. Was soll ich ihnen bloß sagen?«, fragt die 33-Jährige.

Dass der Mann, den sie vor acht Jahren geheiratet hat, jemals wieder auf eigenen Beinen stehen, selbstständig eine Tasse Kaffee trinken oder »Ich liebe dich« sagen kann, ist so gut wie ausgeschlossen. Zu schwer sind seine inneren Verletzungen.

Die Gewalt gegen den Kopf des heute 35-Jährigen muss extrem gewesen sein. Der

Das Foto zeigt die Familie vor der Tat. Damals war sie noch glücklich. Die drei Kinder sind drei, elf und 13 Jahre alt. Foto:

Taxifahrer erlitt einen zweifachen Schädelbruch, massive Hirnblutungen und ein Trauma dritten Grades. »Sein Gehirn war so sehr angeschwollen, dass die Ärzte ihm die Schädeldecke abnehmen mussten. Die Not-OP dauerte neun Stunden. Danach wurde er noch viermal operiert. Er war an unzähligen Schläuchen angeschlossen, aus seinen Augen schien jegliches Leben gewichen zu sein. Diese schrecklichen Bilder bekomme ich nicht aus dem Kopf. Sie verfolgen mich – vor allem nachts«, sagt sie.

24-jähriger Bad Oeynhausener angeklagt

Eigentlich sollte dem mutmaßlichen Täter – einem 24-jährigen Bad Oeynhausener – im März der Prozess vor dem Amtsgericht gemacht werden. Doch die Richterin leitete den Fall an das Landgericht weiter, weil ihrer Ansicht nach das Strafmaß nicht ausreichen könnte. Sollte der Angeklagte verurteilt werden, droht ihm eine Freiheitsstrafe von bis zu zehn Jahren.

Die Staatsanwaltschaft wirft dem 24-Jährigen – einem Ex-Kick-Boxer – schwere Körperverletzung vor. Er soll den Taxifahrer nach einem Disco-Besuch am Bahnhof ins Koma geschlagen haben, nur weil der sich geweigert haben soll, ihn und seinen Kumpel mitzunehmen. Am Tatort sollen die Ermittler einen Schlagring gefunden haben. Besonders tragisch: Es sollte ohnehin eine der letzten Nachtschichten des Taxifahrers sein. »Er wollte sich nicht mehr mit den Betrunkenen herumärgern«, sagt seine Frau. Sie fordert, dass der Täter hart bestraft wird. »Auch wenn es keine gerechte Strafe dafür gibt. Unser Leben ist zerstört.«

Ehefrau fühlt sich von Justiz im Stich gelassen

Ohnehin fühlt sich die Familie von der Justiz im Stich gelassen. »Warum läuft der Täter noch frei herum? Warum dauert es zwei Jahre, bis der Prozess beginnt? Warum lautet die Anklage nicht auf versuchten Totschlag?«

Seit einigen Wochen wird ihr Ehemann zu Hause gepflegt – rund um die Uhr. Das Mietshaus wurde nach hartem Kampf mit der Berufsgenossenschaft barrierefrei umgebaut. Der 35-Jährige wird über eine Magensonde ernährt, bekommt regelmäßig Physiotherapie, Logopädie und Ergotherapie. »Viermal am Tag kommt die Diakonie. Außerdem haben wir eine Familienhelferin. Alleine würde ich das nicht schaffen«, sagt die Sozialarbeiterin, die ihren Job aufgeben musste.

Gibt es Hoffnung, dass sich etwas am Gesundheitszustand zum Positiven ändert? »Ich bin auf jeden Fall nicht bereit, ihn aufzugeben. Wir brauchen ihn doch«, sagt die 33-Jährige. Manchmal setzt sie sich mit dem dreijährigen Sohn ans Pflegebett und liest Kinderbücher vor. Dann huscht für einen kurzen Moment ein Lächeln über das Gesicht ihres Mannes.

Die Verhandlung vor der 10. Großen Strafkammer des Landgerichts Bielefeld beginnt um 9 Uhr.

Kommentare

Diese Diskussion ist geschlossen. Kommentieren ist nicht mehr möglich.

Google-Anzeigen

© WESTFALEN-BLATT
Vereinigte Zeitungsverlage GmbH

Alle Inhalte dieses Internetangebotes, insbesondere Texte, Fotografien und Grafiken, sind urheberrechtlich geschützt. Verwendung nur gemäß der Nutzungsbedingungen.

Mehr zum Thema

Anzeige


http://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/5250121?categorypath=%2F2%2F2158585%2F2158590%2F2198384%2F2516093%2F2198393%2F2514620%2F