Sa., 30.12.2017

Die Kalandsglocke in der Herforder Münsterkirche wurde um 1200 gegossen Mit altem Geläut ins neue Jahr

Matthias Beer zeigt die 250 Kilogramm schwere Kalandsglocke im Turm der Münsterkirche – die älteste Glocke im Kreis Herford wurde um 1200 gegossen.

Matthias Beer zeigt die 250 Kilogramm schwere Kalandsglocke im Turm der Münsterkirche – die älteste Glocke im Kreis Herford wurde um 1200 gegossen. Foto: Moritz Winde

Von Peter Schelberg

Herford (WB). Wenn Silvester um Mitternacht Raketen, Feuerwerk und Böller gezündet werden, dann kündigt zwischen infernalischem Pfeifen, Heulen und Knallen auch die älteste Glocke im Kreis Herford das neue Jahr an: Die Kalandsglocke im Turm des Herforder Münsters stammt aus der Zeit um 1200 und ertönt zusammen mit den übrigen zehn Glocken zum vollen Münstergeläut.

Glockenname geht auf alte Priesterbruderschaft zurück

Allein zu hören ist die 250 Kilogramm schwere Kalandsglocke, deren Name auf die

Dieses Kruzifix ziert eine der elf Glocken. Foto: Winde

frühere Priesterbruderschaft zurückzuführen ist, nur noch freitags um 8.30 Uhr: »Dann haben wir Pastoren Dienstbesprechung«, erläutert Pfarrer Johannes Beer: »Die Glocke ruft zum priesterlichen Gebet, mit dem unser Treffen beginnt – und so fühlen wir uns dieser Vereinigung verbunden.«

Den Klang der Kalandsglocke beschreibt Beer als »völlig eigenartig: Es gibt keinen klaren Schlagton, weil sie eine Bienenkorbform hat, die – anders als die späteren Glocken – noch nicht den Aufbau von Terz, Quinte und so weiter hat. Sie hat einen ganz eigenen, fast modern anmutenden Klang. Es ist in unserem Gesamtgeläut sozusagen die mittlere Glocke.«

Besondere Bienenkorbform – einmalig in Westfalen

Die dem Alter geschuldete extravagante Bienenkorbform sei eine Besonderheit, sagt

Blick in den unteren der beiden Glockenstühle. Foto: Moritz Winde

Pfarrer Beer: »Es ist eine ganz solitäre Glocke – da gibt es nichts Vergleichbares in Westfalen.«

Wo sie einst gegossen wurde, darüber gebe es keine Erkenntnisse. Äußerlich ist die betagte Bronzeglocke völlig schmucklos – ohne Inschrift und ohne Relief. Der Kirchensachverständige der Evangelischen Kirche von Westfalen, Dr. Claus Peter, spricht in einem Aufsatz von einer späten »Übergangsform«.

»Gloriosa« und »Benedicta«

Unter anderem werde die Kalandsglocke zu den Gottesdiensten der seit 1369 nachweisbaren und bis 1816 bestehenden Kalandsbrüderschaft an der Münsterkirche erklungen sein: »Nach Aufhebung des Stiftes 1802 diente sie bis 1997 lediglich noch dem Uhrschlag.«

Für Glocken sei Letzteres eine Zumutung, sagt Pfarrer Beer: »Weil sie dann starr hängen

2001 wurde das Geläut im Münster mit vier von Dieter Ernstmeier gestifteten Glocken komplettiert. Foto: Winde

und mit einem Hammer bearbeitet werden. Wenn sie hingegen frei schwingen, können sie den Schlag besser aufnehmen.« Schäden an der Aufhängung führten dazu, dass die beiden kleinen Glocken – die Kalands- und die Pusinnenglocke – in einem neuen Zweierglockenstuhl aufgehängt wurden.

Etwas Besonderes sind auch »Gloriosa« und »Benedicta«: Die um 1300 aus einem Guss und von einem Gießer gefertigten Glocken liegen nur einen Halbton auseinander. Beim dreiminütigen Vorläuten vor dem siebenminütigen Hauptläuten kündigt »Benedicta« stets die Sakramentsgottesdienste an, vor Predigtgottesdiensten läutet dagegen die Predigtglocke. Bei hohen Festen ist jeweils eine der beiden vor der »Gloriosa« zu hören.

Hier wird’s eng: Der Aufgang zum Glockenturm in der Münsterkirche. Foto: Moritz Winde

Kommentare

Diese Diskussion ist geschlossen. Kommentieren ist nicht mehr möglich.

Google-Anzeigen

© WESTFALEN-BLATT
Vereinigte Zeitungsverlage GmbH

Alle Inhalte dieses Internetangebotes, insbesondere Texte, Fotografien und Grafiken, sind urheberrechtlich geschützt. Verwendung nur gemäß der Nutzungsbedingungen.

Anzeige


http://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/5388207?categorypath=%2F2%2F2158585%2F2158590%2F2198384%2F2198393%2F2514620%2F