Mi., 07.02.2018

Weil der Kreis Herford kein Hospiz hat, müssen Todkranke im Klinikum bleiben Warten auf einen Platz zum Sterben

Krankenschwester Sophia von Lengerke im Gespräch mit der todkranken Martha S., die seit zwei Wochen auf der Palliativstation liegt.

Krankenschwester Sophia von Lengerke im Gespräch mit der todkranken Martha S., die seit zwei Wochen auf der Palliativstation liegt. Foto: Moritz Winde

Von Moritz Winde

Herford (WB). Jedes Jahr sterben mehr als 100 Menschen auf der Palliativstation des Klinikums. Dabei wünschen sich viele, ihren letzten Atemzug in einem Hospiz zu tun. Das Problem: Herford hat eine solche Einrichtung der Sterbebegleitung nicht – neben dem kleinen Höxter als einziger Kreis in OWL.

»Wer sollte sich um mich kümmern?«

Martha S. (Name geändert) wird bald sterben. Es können Tage, Wochen, Monate sein. Klar ist aber: Lange hat sie nicht mehr. Die 76-Jährige leidet an Gebärmutterkrebs. Der bösartige Tumor hat bereits ihre Organe befallen. Auch ihre Knochen sind voll von Metastasen.

Seit zwei Wochen liegt sie auf der Palliativstation des Klinikums. Sie kann kaum noch gehen, das Sprechen fällt ihr zunehmend schwerer, so schlapp ist sie. »Es ist schwierig zu akzeptieren, dass man nichts mehr kann. Früher war ich doch so aktiv.« Gegen die Schmerzen bekommt die Frau aus Hiddenhausen hoch dosiertes Morphium.

Martha S. weiß, dass keine lebensverlängernden Maßnahmen mehr bei ihr durchgeführt werden. »Ich harre der Dinge, die da kommen. Ich hatte ein schönes Leben«, sagt sie. Vor Tagen schon hat sie den Antrag auf einen Platz im Hospiz Veritas in Lübbecke ausgefüllt. Optimal sei dies wegen der recht weiten Anreise für Angehörige zwar nicht.

Doch Martha S. sagt, sie möchte nicht im Krankenhaus sterben. »Auch wenn hier alle gut zu mir sind.« Eigentlich würde sie gerne zu Hause sterben – so wie die meisten Menschen. Doch ihr Zuhause wird sie nie wiedersehen. »Ich lebe allein. Wer sollte sich um mich kümmern?« Also Endstation Hospiz.

Todkranke oft nicht mehr transportfähig

Ob Martha S. in Lübbecke aufgenommen wird, ist fraglich. Dr. Stephan Bildat, Chefarzt der Palliativstation im Klinikum, sagt: »In den Hospizen der Nachbarstädte gibt es lange Wartelisten. Es ist keine Seltenheit, dass unsere Patienten mehrere Wochen sehnsüchtig auf einen Platz warten. Wenn es dann klappt, ist es oft leider schon zu spät, weil sie dann nicht mehr transportfähig oder bereits gestorben sind. Das ist makaber.«

Dr. Stephan Bildat ist Chefarzt der Palliativstation am Klinikum. Foto: Moritz Winde

Auf der Suche nach einem Hospizplatz müsse man die Beteiligten immer wieder vertrösten. Das sei belastend – für die Todkranken und deren Familie, aber auch fürs Pflegepersonal und das Ärzteteam. »Weil kein Hospizplatz frei ist, müssen viele über Wochen hier bleiben. Deshalb sind unsere Aufnahmekapazitäten schnell erschöpft«, sagt der Mediziner. Auf der Palliativstation gibt es zehn Betten.

Hospizbau würde knapp drei Millionen Euro kosten

Nicht nur Dr. Bildat fordert ein stationäres Hospiz für den Kreis Herford. Die Hospizbewegung, die Schwerstkranke, Sterbende und ihre Angehörigen im häuslichen Umfeld und in Pflegeeinrichtungen begleitet, versucht seit zehn Jahren, dieses Projekt voranzutreiben.

Bislang aber sei von Seiten der Politik nichts passiert, kritisiert Vorstand Bernd Bahle. »Normalerweise sollte bei der Betreuung von Menschen in der letzten Lebensphase ein Dreiklang bestehen – und zwar aus Krankenhaus, Palliativstation und Hospiz. Im Kreis Herford fehlt die dritte Stufe.«

Bahle und Vereins-Koordinatorin Susanne Dieckmann haben ausgerechnet, dass der Hospizbau mit zehn bis zwölf Plätzen – so viele bräuchte der Kreis mit seinen 250.000 Einwohnern – knapp drei Millionen Euro kosten würde. Die laufenden Kosten würden etwa 200.000 Euro pro Jahr betragen. Die Hospizbewegung, sagt Dieckmann, hoffe, dass der Landrat diese wichtige Aufgabe endlich persönlich in die Hand nehme.

Landrat macht Thema zur Chefsache

Jürgen Müller erklärte auf Nachfrage, dass man erheblichen Nachholbedarf bei diesem Thema habe. »Herford braucht dringend ein Hospiz. Wir führen derzeit viel versprechende Gespräche.« Konkretes – dazu zählt auch ein geeigneter Standort und die Finanzierung – will der Landrat in einigen Wochen bekannt geben.

Für Martha S. und viele andere todkranke Menschen kommt dieses Engagement allerdings viel zu spät.

Die Palliativstation im Klinikum wurde vor drei Jahren gegründet. Dort hängt ein Schild mit folgendem Text: »Gestorben wird immer – darüber gesprochen zu wenig.« Foto: Moritz Winde

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