Fr., 02.03.2018

Ausstellung zeigt Schicksal verschleppter Polen 350 Zwangsarbeiter in Sundern

Helga Kohne und Friedel Böhse vom Kuratorium Erinnern, Forschen, Gedenken eröffnen die Ausstellung »Verschleppt und vergessen« über das Schicksal der Zwangsarbeiter im Raum Herford. Der Ukrainer Efim Gorgol war einer von ihnen.

Helga Kohne und Friedel Böhse vom Kuratorium Erinnern, Forschen, Gedenken eröffnen die Ausstellung »Verschleppt und vergessen« über das Schicksal der Zwangsarbeiter im Raum Herford. Der Ukrainer Efim Gorgol war einer von ihnen. Foto: Daniela Dembert

Von Daniela Dembert

Hiddenhausen (WB). 350 Namen stehen 1945 in Büchern des Amtes Herford-Hiddenhausen, die alle den gleichen Herkunftsort haben: Pabianice in Polen. Bei den aufgeführten Personen handelt es sich um Zwangsarbeiter, die für die Lohmann-Werke in Sundern aus ihrer Heimat verschleppt worden waren.

Die Ausstellung »Verschleppt und vergessen«, die bis Freitag, 13. April, im Rathaus zu sehen ist, thematisiert auf 23 Leinwänden Zwangsarbeit im Kreis Herford während des Zweiten Weltkriegs. Eine Einführung gaben bei der Eröffnung Helga Kohne, Mitglied des Kuratoriums Erinnern, Forschen und Gedenken, die große Teile der Ausstellung langjährig erarbeitet hat, sowie der Kuratoriumsvorsitzende Friedel Böhse.

Chaotische Verhältnisse

Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs hatten die Fahrradzubehör produzierenden Bielefelder Lohmann-Werke umgestellt auf die Herstellung von Panzer-, U-Boot- und Flugzeugelementen sowie Übungsmunition. In Pabianice hatte das Unternehmen eine Handwerks- und Industrieschule übernommen und Schüler und Lehrer zur Arbeit gezwungen. Mit der Niederlage an der Ostfront wurde das Zweitwerk komplett demontiert, in 90 Güterwaggons nach Herford transportiert und in Hiddenhausen wieder aufgebaut.

»Wenn wir davon sprechen, dass Arbeiter hierher geholt wurden, müssen Sie sich chaotische Verhältnisse vorstellen«, sagte Kohne. »Menschen wurden aus den Betrieben, von ihren Höfen, sogar direkt aus der Kirche geholt und zum Bahnhof geschafft. Gehöfte wurden niedergebrannt, um Leute aus ihren Verstecken zu treiben«.

Das Schicksal des Efim Gorgol

Industrie, Handwerk, Landwirtschaft: Überall wurden junge Menschen, häufig unter unwürdigen Bedingungen, eingesetzt. Die Ausstellung beruft sich auf Gerichtsakten, Firmenbücher, Amtsschreiben und Zeugenaussagen und dokumentiert anhand von Firmen und Einzelpersonen das Schicksal Tausender, die unfreiwillig nach Deutschland kamen.

Einen Namen hat Helga Kohne aus der Anonymität der Masse gezogen: Efim Gorgol. Der Ukrainer stammte aus ärmlichen Verhältnissen. Der 21-Jährige kam 1942 mit einem Sammeltransport und wurde dem Bauern Gustav Wefelmeier in Lippinghausen zugewiesen. »Gut eine Woche nach seiner Ankunft stahl Efim Gorgol aus Hunger eine Wurst und rannte aus Angst vor Strafe davon«, so Helga Kohne. Als er von der Polizei in Herford wegen Herumtreiberei und Bettelei verhaftet wurde, gab er einen falschen Namen an, in der Hoffnung, an eine andere Arbeitsstelle vermittelt zu werden. Im Arbeitsamt flog die Lüge jedoch auf. Der Zwangsarbeiter aus Lippinghausen wurde ins Arbeitserziehungslager Hunswinkel gebracht, wo er in sieben Wochen zu einem gefügigen Arbeiter umerzogen werden sollte. »Prügel, Terror, Schwerstarbeit und Hunger waren dort Erziehungsgrundsätze«, berichtete Kohne. Gorgol ist dort gestorben. In einem Gestapo-Schreiben an den Oberbürgermeister in Herford hieß es, er sei bei einem Fluchtversuch getötet worden. »Das ist aber so kurz vor seiner Entlassung aus dem Lager nicht besonders glaubwürdig«, gab die Referentin zu bedenken. Wahrscheinlicher sei, dass Gorgol Opfer der Willkür eines Wachmannes geworden sei.

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