Mi., 03.01.2018

Rüterfriedhof erinnert an bedeutende Südlengeraner Bauern- und Kaufmannsfamilie Eine Ruhestätte am Waldesrand

Unter »Rüters Fichten«: Am Reesberg in Kirchlengern befindet sich die Ruhestätte der einst das Gemeindeleben dominierenden Bauern- und Kaufmannsfamilie Rüter. Das Areal ist rund 2000 Quadratmeter groß.

Unter »Rüters Fichten«: Am Reesberg in Kirchlengern befindet sich die Ruhestätte der einst das Gemeindeleben dominierenden Bauern- und Kaufmannsfamilie Rüter. Das Areal ist rund 2000 Quadratmeter groß. Foto: Karl-Hendrik Tittel

Von Karl-Hendrik Tittel

Kirchlengern (WB). Wer durch das Ravensberger Hügelland streift, stößt hier und da auf sogenannte Erbbegräbnisse, die außerhalb von Friedhöfen oder Siedlungen angelegt wurden. In Südlengern sind gleich drei dieser privaten Ruhestätten zu finden – die wohl bekannteste ist die der Familie Rüter im Waldstück »Rüters Fichten« am Reesberg.

Auf dem 2000 Quadratmeter großen Areal fanden mehrere Mitglieder der vor einigen Generationen das Gemeindeleben dominierenden Bauern- und Kaufmannsfamilie Rüter ihre letzte Ruhe. Die Rüters betrieben einst in Südlengern eine ausgedehnte Landwirtschaft mit Jagd und übten zudem im großen Umfang Handel mit Korn, Flachs, Garn und Leinwand aus. Auch ein Geschäft mit eigener Bäckerei, amtlichem Salzverkauf und Brandweinausschank gehörte dazu. Die Familiengeschichte spiegelt in anschaulicher Weise die wirtschaftliche Not der Menschen des 19. Jahrhunderts in dieser Region wider, die in erster Linie durch die Einführung der Spinn- und Webmaschinen verursacht wurde.

Familie siedelte 1885 nach Nordamerika

Grabstätten der Familien von Borries und von Laer

Ebenfalls am Südlengeraner Reesberg liegen die Begräbnisplätze der Familien von Borries und von Laer. Die Familie von Borries kann sogar ein zweites Erbbegräbnis in der der Nähe der Ulenburg bei Löhne vorweisen. Am Reesberg liegt allerdings die Stätte derer von Borries, wo vor 170 Jahren der erste Landrat des Kreises Herford begraben wurde. Neben einer umlaufenen Laubholzreihe steht dort ein mächtiger, sehr alter Wachholder, umringt von einigen sehr alten und großen Rhododendren. Zwischen dieser typischen Friedhofsbepflanzung sind einige schlichte Eisenkreuze auszumachen, ein Anblick, der den Betrachter besonders in einer weißen Winterlandschaft besinnlich stimmt. Nur wenige Schritte entfernt liegt das Erbbegräbnis der Familie von Laer, das seit 1860 besteht. Auch diese Stätte liegt am Waldrand, und noch im Jahre 2000 wurde dort ein Mitglied der Familie beigesetzt.

So resultierte 1846 aus einer Missernte eine große Hungersnot, unter der Mensch und Vieh in Südlengern gleichermaßen zu leiden hatten. Der Familie Rüter war es aber gelungen, reichlich Getreide aufzukaufen, sodass der Backbetrieb bis zum Mai 1847 aufrechterhalten werden konnte. Den Hungernden zuliebe verkauften die Rüters das Brot zu bisherigen Preisen. Lang waren damals die täglichen Warteschlangen vor der Bäckerei, die nicht nur aus Einheimischen bestanden. Selbst als die Mehlvorräte schließlich zur Neige gingen, ließ die Familie zweimal wöchentlich 60 Kinder aus Südlengern zum Rüterhaus an der Elsebrücke kommen, wo ihnen ein Mittagessen gegeben wurde.

Da die wirtschaftliche Existenz auf Dauer nicht gesichert schien, siedelte die Familie Rüter 1885 nach Nordamerika über, eine Farm in Oregon wurde ihr Zuhause in der neuen Welt. Zu diesem Zeitpunkt hatte sich die Familie bereits das Recht auf die Anlage eines Erbbegräbnisses im Heimatort gesichert, wo am 3. Oktober 1963 mit Elisabeth Rüter letztmalig ein Familienmitglied beigesetzt wurde.

Exotische Bepflanzung als Kontrast

Im Gegensatz zu anderen Familiengräbern in der Region, beispielsweise bei Gut Böckel in Bieren, befinden sich der kleine Friedhof und die umgebende Waldfläche im Besitz der Gemeinde. Am 30. August 1913 legitimierte Adolf Rüter die Schenkung, mit der gleichzeitig ein acht Hektar großes Waldstück (»Rüters Fichten«) verbunden war, mit einer Urkunde. Dafür musste sich die damalige Gemeinde Südlengern verpflichten, das Grab in einem guten Zustand zu erhalten.

Typisch für ein Erbbegräbnis, stellt das Rütergrab mit seiner zumeist exotischen Bepflanzung einen Kontrast zu der umgebenden Waldlandschaft dar. Als der Orkan Kyrill vor gut zehn Jahren über Mitteleuropa fegte, hinterließ er auch an dieser Stelle eine Schneise der Verwüstung – mit starken Schäden an Umzäunung, Mauer und Bepflanzung. Unmittelbar nach dem Sturm ließ die Gemeinde Kirchlengern umgestürzte und nicht mehr standfeste Bäume entfernen. Deutlich länger dauerte es, die Schäden an der Kapelle und Mauer zu beheben, da die Finanzierung der Renovierung nicht gesichert war. Das änderte sich, als das Land Mittel aus einem nach Kyrill eingerichteten EU-Solidaritätsfond an die Gemeinde weiterleitete. So konnten das Dach des Gebäudes und die Umzäunung auf der Mauer wiederhergestellt, die Umfassungsmauer repariert und neu gestrichen und auch das Tor repariert, gestrichen und neu eingemauert sowie Grünpflegearbeiten durchgeführt werden, wie die Gemeinde auf Anfrage mitteilte.

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