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Mo., 03.04.2017

Wenn Pflege zum Thema wird: Podiumsdiskussion mit NRW-Gesundheitsministerin »Plötzlich ist alles anders«

Das Organisationsteam freut sich mit den Diskussionsteilnehmern auf einen interessanten Abend (hintere Reihe, von links): Pflegewissenschaftlerin Prof. Dr. Änne-Dörte Latteck von der Fachhochschule Bielefeld, Moderator Markus Werner (WDR), Silvia Plohr als Geschäftsführerin und Heidrun Diekmann als Vorsitzende des Herforder Kreislandfrauenverbandes, Jill Kamphöner und Jörg Leukel (beide GerontoPro) sowie (vordere Reihe, von links:) NRW-Landtagsabgeordnete Angela Lück (SPD), Birgit Höke (Pflegende Angehörige), Pflegeberaterin Michaela Koch und die NRW-Gesundheitsministerin Barbara Steffens.

Das Organisationsteam freut sich mit den Diskussionsteilnehmern auf einen interessanten Abend (hintere Reihe, von links): Pflegewissenschaftlerin Prof. Dr. Änne-Dörte Latteck von der Fachhochschule Bielefeld, Moderator Markus Werner (WDR), Silvia Plohr als Geschäftsführerin und Heidrun Diekmann als Vorsitzende des Herforder Kreislandfrauenverbandes, Jill Kamphöner und Jörg Leukel (beide GerontoPro) sowie (vordere Reihe, von links:) NRW-Landtagsabgeordnete Angela Lück (SPD), Birgit Höke (Pflegende Angehörige), Pflegeberaterin Michaela Koch und die NRW-Gesundheitsministerin Barbara Steffens. Foto: Gabriela Peschke

Von Gabriela Peschke

Löhne (WB). Das Tabuthema Pflege hat im Mittelpunkt des Kreislandfrauentags gestanden. Über Pflegealltag, Konsequenzen und neue Impulse für die Zukunft diskutierten am Freitagabend prominente Teilnehmer, darunter NRW-Gesundheitsministerin Barbara Steffens, vor etwa 250 interessierten Gästen.

»Über Pflege macht man sich so lange keine Gedanken, bis es einen betrifft. Doch dann ist plötzlich alles anders.« Mit diesen Worten führte Heidrun Diekmann, Vorsitzende des Kreislandfrauenverbands Herford, in die Podiumsdiskussion ein. Der Verband hatte anlässlich des Landfrauentags des Westfälisch-Lippischen Landfrauenverbands in die Werretalhalle eingeladen.

Erfahrungsaustausch aus unterschiedlichen Perspektiven

»Pflege ist in den allermeisten Fällen Frauensache«, erläuterte Diekmann. »Es soll ein Erfahrungsaustausch unterschiedlicher Perspektiven werden: aus Politik und Forschung, aber auch aus der Mitte der Gesellschaft, von jenen, die tatsächlich pflegen«, sagte die Vorsitzende im Vorfeld.

Die nordrhein-westfälische Ministerin für Gesundheit, Emanzipation, Pflege und Alter, Barbara Steffens, diskutierte unter Leitung von Markus Werner (WDR) mit Professor Dr. Änne-Dörte Latteck, Pflegewissenschaftlerin von der Fachhochschule Bielefeld, mit Jill Kamphöner und Jörg Leukel von der Initiative GerontoPro e.V. aus Enger sowie mit der Pflegeberaterin Manuela Koch (HKA Löhne).

Zuvor stimmte der Jugendchor »TeenStones« aus Enger unter der Leitung von Martina Böske die Gäste ein. Mit ihrem Song „»Für Frauen ist das kein Problem« thematisierten die Sängerinnen die zahlreichen »Alltagskompetenzen« von Frauen.

Thema Pflege beeinflusst auch Wahlverhalten

»Ist aber die Pflege ein Tabuthema?«, fragte Heidrun Diekmann und zitierte Überforderung, schlechte Bezahlung und den sogenannten Pflegenotstand. »Aber 43 Prozent der Deutschen haben einer aktuellen Umfrage zufolge angegeben, dass dieses Thema so wichtig sei, dass es ihr Wahlverhalten beeinflusst«, fügte sie hinzu.«

»NRW hat die Plätze für eine Pflegeausbildung seit 2012 um gut 85 Prozent auf derzeit etwa 18 000 gesteigert«, stellte Barbara Steffens heraus. Doch das Problem bestehe darin, dass die Gesellschaft nicht mehr über die Infrastruktur für ein würdiges Leben im Alter verfüge. »Wir fördern daher in NRW die Quartiersentwicklung: Überschaubare Lebensräume mit sozialen Bezügen müssen reaktiviert werden.«

Ministerin übt Kritik

Schwierig seien aber die unterschiedlichen Entscheidungs-Hoheiten zwischen Bund und Ländern. »Deutschland hat bei den Rahmenbedingungen der Pflege im Vergleich zu anderen Ländern keine Standards«, kritisierte sie und führte Entlohnung und Personalschlüssel sowie den Übergang vom Krankenhaus in die Tagespflege als Beispiel an.

»Wie fühlt sich diese Situation für die anwesenden Gäste an?«, fragte Markus Werner ins Plenum. Und erhielt anhand der ausgegebenen Abstimmkarten ein klares Votum für Unsicherheit.

Dieser Unsicherheit versuchte Podiumsteilnehmerin Manuela Koch zu begegnen. Als Pflegeberaterin warb sie für vorbereitende Kurse und Prävention: »Wir zeigen den Betroffenen, wie man Personen in den Rollstuhl setzt, ohne selbst einen Bandscheibenvorfall zu bekommen.«

Aber auch das Know-how in der Abwicklung von »Pflegebürokratie« sei Bestandteil der Krankenpflegekurse, die Interessierte kostenlos in Anspruch nehmen könnten.

Erfahrungen und bestürzende Aussichten

Änne-Dörte Latteck berichtete von Erfahrungen in der dualen Ausbildung von akademischen Pflegekräften, die in NRW seit 2010 gefördert wird: »Pflege ist nicht nur Handwerk.« Wer multimorbide Krankheitsbilder managen müsse, profitiere von zusätzlichem theoretischen Wissen.

Bestürzend lebensnah skizzierten Jill Kamphöner und Jörg Leukel den Notstand der Pflegekräfte vor Ort. Mit Film- und Bildreportagen versucht ihr künstlerisch ambitionierter Verein GerontoPro der Gesellschaft zu spiegeln, wie groß der Druck ist: Fotos zeigten eine ausgesetzte Oma am Straßenrand, eingespielte Filmsequenzen thematisierten eine »Waschstraße« für Pflegebedürftige als Rationalisierungsmodell.

Klar wurde: Das »Systemproblem« Pflege greift weit in die Gesellschaft hinein. Alle sind betroffen – und alle sind irgendwann beteiligt.

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