Di., 12.12.2017

Hertha-Koenig-Preise an Autorinnen Nino Haratischwili und Lina Atfah Zwei schreibwütige Frauen

Verleihung des Hertha-Koenig-Literaturpreises: Karen von Oeynhausen-Leffers, Osman Yousufi, Dr. Zaal Andronikashvili, Lina Atfah, Nino Haratischwili und Dr. Ernst Leffers (von links)

Verleihung des Hertha-Koenig-Literaturpreises: Karen von Oeynhausen-Leffers, Osman Yousufi, Dr. Zaal Andronikashvili, Lina Atfah, Nino Haratischwili und Dr. Ernst Leffers (von links) Foto: Thomas Meyer

Von Bärbel Hillebrenner

Rödinghausen (WB). Sie wird als große Geschichtenerzählerin und Dramaturgin hoch gelobt. Der Zusammenhang zwischen dem Leben und dem Schreiben ist ihr Thema. Mit Preisen schon überhäuft, hat die Schriftstellerin Nino Haratischwili (34) nun eine weitere Auszeichnung bekommen: den Hertha-Koenig-Literaturpreis.

Der Preis wurde ihr am Sonntag auf Gut Böckel in Rödinghausen übergeben. Ihr jüngstes Werk ist ein Mammutprojekt: »Das achte Leben« ist 1280 Seiten lang, ein

Familienepos über sechs Generationen in Zeiten der sowjetischen Revolution. Es spielt in Georgien, der Heimat von Nino Haratischwili. Dort beginnt sie schon mit 15 Jahren, sich für Theater, Prosa und Lyrik zu interessieren.

»Da habe ich Blut geleckt, aber ich wusste so wenig«, sagt die Autorin, die heute in Hamburg auch als freie Regisseurin arbeitet. Mit zwölf kommt sie nach Espelkamp, besucht dort zwei Jahre lang die Schule, lernt Deutsch. »Aber ich bin ein Großstadtkind und ich hatte Heimweh nach Tiflis.« Sie geht zurück nach Georgien, um wenige Jahre später für ein Studium der Filmregie nach Hamburg zu ziehen.

Sie schreibt Kurzgeschichten, Prosa, und mit 19 veröffentlicht sie ihr erstes Buch in Deutschland. Dabei bleibt es nicht: Sie schreibt auch Theaterstücke – und bringt sie selbst auf die Bühne. Bis heute.

Nebenbei recherchiert sie vier Jahre lang an ihrem bis jetzt erfolgreichsten Buch »Das achte Leben« und wird die derzeit populärste Schriftstellerin Georgiens. »Sie hat aus ihrer Berufung einen Beruf gemacht. Sie ist Meisterin darin, jedes Klischee zu sprengen. Man kann sie nicht in eine Schublade stecken«, sagt Dr. Zaal Andronikashvili in seiner Laudatio. Er ist Leiter des Zentrums für Literatur und Kulturforschung in Berlin.

Durch Zufall auf Familiendrama gestoßen

Das Familiendrama kommt durch Zufall in die Hände von Dr. Ernst Leffers. Der Initiator des Hertha-Koenig-Literaturpreises und Gründer der gleichnamigen Gesellschaft ist fasziniert: »Wer das Buch liest, kann es nicht mehr aus der Hand legen. Es fesselte mich zwei Nächte lang«, sagt er. Für ihn ist schnell klar, dass die Trägerin des Literaturpreises 2017 gefunden ist. Die Jury ist sofort überzeugt. »Nino Haratischwili beherrscht die Kunst des Erzählens und entlarvt als Dramatikerin Tragödien bis in die Gegenwart hinein«, lobt Hans-Jörg Pfitzner, Vorsitzender der Gesellschaft.

Neben dem mit 4000 Euro von Leffers bereitgestellten Preis darf Haratischwili auch die Trägerin des Nachwuchspreises vorschlagen. Sie entscheidet sich für Lina Atfah (28), eine aus Syrien geflohene Autorin, die ihre leidvolle Flucht, Trauer und Tod zum Thema ihrer Gedichte macht. »Das Schreiben ist für mich ein Ventil, mit den Erinnerungen klar zu kommen. Ich müsste sonst gänzlich verstummen«, sagt Lina Atfah. Sie schreibt noch auf Arabisch, Deutsch lernt sie gerade. Die Sprache in ihren lyrischen Texten sieht sie als mächtigste Waffe gegen ein diktatorisches System.

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