Fr., 13.07.2018

Theater in der Gesamtschule: »Besuch der alten Dame« und »Hameln« aufgeführt Kann man wirklich alles kaufen?

Nicht nur die Bürgermeisterin (Gina Meierebert) ist geschockt: Die »alte Dame« Claire Zachernassian (Saskia Hoffmann) im roten Dirnen-Outfit fordert von den Güllenern, dass sie ihren Ex-Geliebten Alfred (Johannes Strauß, rechts) ermorden.

Nicht nur die Bürgermeisterin (Gina Meierebert) ist geschockt: Die »alte Dame« Claire Zachernassian (Saskia Hoffmann) im roten Dirnen-Outfit fordert von den Güllenern, dass sie ihren Ex-Geliebten Alfred (Johannes Strauß, rechts) ermorden. Foto: Gerhard Hülsegge

Von Gerhard Hülsegge

Spenge (WB). Hut ab! Überaus sehenswert und mit viel schauspielerischem Talent haben die 12er-Literaturkurse der Regenbogen-Gesamtschule in Spenge am Mittwochabend zwei Theaterstücke aufgeführt: Den »Besuch der alten Dame« von Friedrich Dürrenmatt und das selbst verfasste Stück »Hameln«.

Ein Tisch, ein paar Stühle und die mehrfach angespielte Blues-Ballade »I put a spell on you« – das reicht hinsichtlich des Bühnenbildes, um die mehr als 100 Besucher im Foyer der Gesamtschule in den Bann zu ziehen. Denn die Akteure auf der Bühne brillieren mit Mimik, Gestik und einwandfreier Aussprache. Allen voran Saskia Hoffmann in der Rolle der »alten Dame« Claire Zachernassian, die die Bewohner der Kleinstadt Güllen mit der Forderung schockt, sie mögen doch bitte ihren Ex-Geliebten Alfred Ill (Johannes Strauß) ermorden.

Frage der Gerechtigkeit

Dafür verspricht sie der Kommune einen Milliarden-Betrag, 500 Millionen für die Stadtkasse und noch mal 500 Millionen für alle Bürger. Denn sie will sich dafür rächen, dass der Ex-Geliebte sie einst schwanger sitzen ließ, die Vaterschaft leugnete und sie im Bordell endete. Inzwischen reicher geworden als die Krämerstochter, die ihr Ex-Lover vor 45 Jahren heiratete, setzt das »Wildkätzchen« auf die Geldgier der Menschen in ihrem ehemaligen Heimatort.

»Man kann alles kaufen«, ist sich die Protagonistin in Dürrenmatts tragischer Komödie sicher. Auch Gerechtigkeit, wie sie sie versteht. Die Bürgermeisterin (Gina Meierebert), die Polizistin (Anna Meierebert) und selbst der Pfarrer (Jonas Neumann) wittern die Chance ihres Lebens auf gesellschaftlichen wie privaten Wohlstand. Der Versuch, Alfred zum Selbstmord zu bewegen scheitert. Am Ende liegt er – man hat es erahnt – dennoch im Sarg.

»Hameln« Eigeninszenierung

»Das Stück ist vom Inhalt her immer aktuell«, sagt Lehrerin Kirsten Hartwig, die es zusammen mit den Schülern einstudiert hat. Die Proben für die Aufführung zum Schuljahresende liefen seit vergangenem Herbst. Das Publikum zeigt sich begeistert und spendet stürmischen Applaus.

In der Pause dürfen sich die Besucher an Brezeln, Kuchen und Käsespießen laben, die die Abiturienten anbieten, um die Kasse für den Abi-Ball aufzufüllen. Dann wird das zweite Theaterstück präsentiert: »Hameln«. Die Eigeninszenierung arbeitet die Hintergründe des Verschwindens der Kinder aus Hameln und des mystischen Rattenfängers nach der Sage der Brüder Grimm auf. »Wir haben versucht, den Charakteren Motivation zu geben und auch den Rache-Aspekt mit eingeführt«, erklärt Johannes Hegel, Lehrer für Englisch, Philosophie und Literatur. Insgesamt 22 Schüler haben am Ende für einen intellektuellen Genuss gesorgt – spannender als ein Fußballabend.

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