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Fr., 11.11.2016

Gedenkveranstaltung auf dem jüdischen Friedhof »Wie konnte das alles so weit kommen?«

Gymnasiasten eines Geschichtskurses des Weser-Gymnasiums gestalten die Gedenkveranstaltung mit.

Gymnasiasten eines Geschichtskurses des Weser-Gymnasiums gestalten die Gedenkveranstaltung mit. Foto: Jürgen Gebhard

Vlotho (WB/jg). Die beiden äußeren Stelen auf dem jüdischen Friedhof tragen 41 Namen. Es sind die Namen derjenigen jüdischen Mitbürger, die den Holocaust nicht überlebt haben. Auf der mittleren Stele ist zu lesen: »Friede sei mit euch« und »Sie waren Bürger unserer Stadt«. In der Gedenkfeier zur Reichspogromnacht haben gestern Gymnasiasten eines Geschichtskurses diese 41 Namen verlesen.

Einen Tag nach den Übergriffen im übrigen nationalsozialistischen Deutschland ist am 10. November 1938 auch in Vlotho die Synagoge zerstört worden. Menschen jüdischen Glaubens sind hier bedroht und angepöbelt worden, ihre Wohnungen und ihre Geschäfte wurden geplündert. Der Landrat hatte eine Gruppe zusammengestellt, damit der inszenierte »Volkszorn« auch in dieser kleinen Stadt vonstatten gehen konnte.

An diese Geschehnisse haben die Mendel-Grundmann-Gesellschaft und die Stadt Vlotho gestern in ihrer alljährlichen Gedenkveranstaltung auf dem jüdischen Friedhof erinnert. Neben der Schulklasse waren auch mehrere Vlothoer Bürger gekommen.

Bürgermeister Rocco Wilken nannte die ermordeten und vertriebenen jüdischen Mitbürger »Teil unseres kulturellen Erbes«. Die Jüngeren seien im Wohlstand und ohne Krieg als »Generation sorglos« aufgewachsen. Für sie sei es wichtig, persönliche Betroffenheit und ein »Gefühl für die Geschichte« zu erlangen. »Jetzt, wo es nur noch sehr wenige Zeitzeugen gibt, sind solche Gedenkveranstaltungen besonders wichtig«, sagte er.

Als Vorsitzender der Mendel-Grundmann-Gesellschaft mahnte Pfarrer Ralf Steiner: »Wer die Zukunft gestalten will, muss die Vergangenheit analysieren und so Lösungen für die Zukunft finden.« Nachbarn, in die Gesellschaft voll integrierte Mitbürger, ehemals begeisterte Weltkriegssoldaten und Patrioten seien verfolgt und in den Gaskammern ermordet worden.

»Wie konnte das alles so weit kommen?«, fragte er und bemühte sich mit Blick auf die Präsidenten-Wahl in den USA um eine Antwort. Ihm mache es Angst, dass eine knappe Mehrheit dort auf einen Mann mit »dicken nationalistischen Sprüchen« reingefallen sei. An die Schüler des Geschichtskurses gewandt sagte er: »Weil ihr euch mit der Vergangenheit unserer Stadt auseinandersetzt, macht ihr mir Hoffnung. Ihr wisst, wie gefährlich solche groben Sprüche sind.«

 

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