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So., 26.11.2017

Zaria Hassan lebt im Uffelner Pfarrhaus – er soll nach Bulgarien überstellt werden Ein Jahr im Kirchenasyl

Kimba spielt und schmust mit Zaria. So heitert sie den 24-jährigen kurdischen Flüchtling auf, der seine Zeit im Uffelner Kirchenasyl verbringen muss.

Kimba spielt und schmust mit Zaria. So heitert sie den 24-jährigen kurdischen Flüchtling auf, der seine Zeit im Uffelner Kirchenasyl verbringen muss. Foto: Heike Pabst

Von Heike Pabst

Vlotho (WB). Zaria Hassans beste Freundin heißt Kimba. Die Boxerhündin von Renate Wefers ist »seine Seelentrösterin«, sagt die Uffelner Pfarrerin. Das Tier schafft es manchmal, die Verzweiflung des 24-jährigen Kurden in den Hintergrund zu drängen. Er lebt im Kirchenasyl – voraussichtlich ein ganzes Jahr lang.

Das Warten hat gerade erst angefangen. Und doch setzt es Zaria Hassan schon zu. »Ich kann nachts oft nicht schlafen, weine viel, schaue stundenlang auf meinem Handy irgendetwas. Ich denke zu viel nach. Ich rauche immer mehr.«

Zwar könne er gut mit seinen Gastgebern Thomas Bufe und Renate Wefers reden. »Wir gucken auch zusammen fern oder lachen, dann bin ich glücklich.« Doch die Aussicht, noch bis Oktober 2018 im Pfarrhaus ausharren zu müssen, ist für den gebürtigen Nordiraker schwer.

Zu Fuß durch mehrere Länder geflüchtet

Er ist »Muslim auf dem Papier«, wie Zaria es nennt. Ende 2015 ist er in Deutschland angekommen, zu Fuß. In noch etwas holperigem Deutsch erzählt er: »Meine Familie musste vor einem Gasangriff fliehen und meine Mutter ist an den Folgen des Giftgases gestorben.« Nachdem seine Schwester ebenfalls verstarb, floh Zaria.

Sein Weg habe ihn durch die Türkei nach Bulgarien, Serbien und Ungarn bis nach Deutschland geführt. »Ich hatte Freunde in Dortmund und von da aus bin ich nach Vlotho gekommen.« In Bulgarien sei er von der Polizei geschlagen worden. Aus seiner Sicht ist eine Rückkehr ausgeschlossen: »Wenn ich zurück in den Irak gehe, muss ich mit Waffen kämpfen. Entweder bei den kurdischen Peschmerga oder bei der irakischen Armee.«

Ein Job in Aussicht

Ab 2016 absolvierte er in Exter bei Alpla ein Praktikum, die Firma war sehr zufrieden. Zaria ist geschickt darin, Maschinen für den nächsten Produktionsschritt einzurichten. »Ich möchte Mechatroniker werden«, sagt er. Bis August dieses Jahres war Zaria in Exter tätig, dann wurde seine Arbeitserlaubnis nicht verlängert.

Über Bekannte und den Verein »Vlothoer für Flüchtlinge« knüpfte Zaria Hassan Kontakte zur evangelischen Gemeinde in Uffeln sowie zum EKJZ in Valdorf. Er packte beim »Adventszauber« mit an, fand Freunde, feierte einen Familiengottesdienst mit. Menschen wie Hedwig Groß, Christina Söffker und Anke Hollensteiner unterstützen ihn in seiner Integration. Mittlerweile sagt er über sie, sie wären seine Familie.

Gemäß »Dublin«-Vertrag soll er zurück nach Bulgarien

Am 26. April, 18 Monate nach seiner Einreise, wurde Zaria erstmals durch das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) interviewt. Es wurde festgestellt: Laut der Dublin-Vereinbarung müsste Zaria Hassan nach Bulgarien überstellt werden.

Renate Wefers erklärt: »Von diesem Zeitpunkt an hatten die Behörden sechs Monate Zeit dafür, also in unserem Fall bis zum 27. Oktober.« Wenn diese Frist versäumt und die Frist seitens der Behörde überschritten wird, haben Geflüchtete das Recht, in Deutschland einen Asylantrag zu stellen.

Halbnackt in die Nacht gerannt

Am 2. Oktober lag Zaria in der Uffelner Flüchtlingsunterkunft im Bett und hörte nachts um 2 Uhr ein Auto kommen: Die Rückführung sollte durchgeführt werden. »Ich hatte Angst«, berichtet der junge Mann.

Mit nacktem Oberkörper rannte er davon. Am Morgen kehrte er in die Unterkunft zurück. Im Gespräch mit Hedwig Groß ließ er sich überzeugen, sich auf der Polizeiwache in Vlotho freiwillig zu stellen.

Panik-Attacke in Polizeigewahrsam

Auf der Wache kam Ulrich Ammon von den »Vlothoern für Flüchtlinge« hinzu. »Es wurde beschlossen, ihn nach Herford zum Ausländeramt zu bringen«, erinnert sich Ammon. Zaria Hassan wurden Handschellen angelegt.

Ammon folgte dem Transport mit seinem Auto. Doch weil die L778 an diesem Tag gesperrt war, fuhren die Beamten mit Zaria über Bonneberg. »Das war ein anderer Weg als der, den er von den Fahrten zum Deutschkurs kannte«, erzählt Ammon. Plötzlich habe er »ein viereckiges Ding« auf die Straße fliegen sehen: Es war die Sicherheits-Fensterscheibe aus dem Polizei-Bulli.

Im Bulli, so berichten es Zaria Hassan und Ulrich Ammon, habe der Kurde Panik bekommen. »Ich dachte, die bringen mich jetzt zum Flugzeug«, so Zaria. Er schrie, er werde sich umbringen. Mit dem Kopf schlug er gegen die Scheibe, bis sie heraussprang. Ammon: »Die Polizei fuhr gleich rechts ran.« Der Einsatz sei aufgrund der hohen (Selbst-)Gefährdungslage abgebrochen worden.

Abstimmung mit Ämtern, Presbyterium und Landeskirche

Zaria Hassan kam verletzt ins Krankenhaus, ließ ein Taxi kommen und fuhr zurück nach Uffeln, ins Gemeindezentrum. Die Gemeinde trat mit Ausländeramt, Bundesämtern, Sozialämtern und der Landeskirche in Kontakt, informierte sich über die rechtliche Situation.

»Wir führen immer noch viele konstruktive Gespräche«, sagt Pfarrerin Renate Wefers. Sie befragte das Presbyterium, ob es mit einem Kirchenasyl einverstanden sei. Zu diesem Zeitpunkt ging sie davon aus, dass es am 27. Oktober 2017 beendet wäre.

Frist für die Rückführung wird verlängert

Auf behördlicher Seite hat eine Mitteilung zu Zarias »Fluchtversuchen« Folgen: Die Frist, innerhalb derer er nach Bulgarien gebracht werden kann, wird verlängert. Bis zum 27. Oktober 2018. Nun gibt es viele offene Fragen.

»Wir wissen nicht, ob es etwa zu einem Gerichtsverfahren kommt, in dem man aussagen könnte«, sagt Renate Wefers. In Zusammenarbeit mit einer Anwältin wolle man erreichen, dass sein Verhalten neu bewertet und die Frist wieder verkürzt wird.

»Ich widerspreche der Einschätzung, es habe zwei Fluchtversuche gegeben«, so Ammon. »Er hat sich freiwillig gestellt und in einer Ausnahmesituation Panik bekommen.« Ammon hat eine Stellungnahme ans Bamf geschickt. Ein psychologisches Gutachten solle klären, ob Zaria suizidgefährdet ist.

Andere Gemeinden solidarisieren sich

»Es kommt viel Solidarität«, sagt Renate Wefers. Die sieben evangelischen Gemeinden Vlothos stünden hinter den Uffelnern, ebenso die Landeskirche.

Ob und wie Zaria die Unsicherheit verkraftet, bleibt abzuwarten. »Wir hoffen, dass die Anwältin etwas erreichen kann«, so Ulrich Ammon.

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