So., 31.12.2017

Vlothoer Bürgermeister Rocco Wilken zieht zum Jahreswechsel eine Bilanz seiner Arbeit »Sind als Stadt auf einem guten Weg«

Vlotho (WB). Rocco Wilken ist seit Oktober 2015 Bürgermeister der Stadt Vlotho. Im Interview mit Redaktionsleiter Jürgen Gebhard spricht er über Weihnachten als Familienfest, über seine persönlichen Ziele und Erfolge, die Digitalisierung städtischer Dienstleistungen und über die Zeit nach Herbert Obernolte.

Haben Sie zwischen den Jahren Zeit für Ihre Familie?

Rocco Wilken: Ich habe jetzt Urlaub, um einmal ganz für meine Familie da zu sein. Die meiste Zeit verbringen wir zuhause und freuen uns, unsere Verwandten zu sehen. Bei vielen arbeitenden Menschen kommt die Familie oft zu kurz. Wir sind häufig durch Verpflichtungen eingespannt und der Terminkalender hält uns gut im Takt. Das Füreinander gerät in unserer Arbeitswelt leider oft ins Hintertreffen. Das, was wir uns in diesen Tagen schenken, ist die Zeit miteinander.

Was bedeutet für Sie Weihnachten?

Wilken: Weihnachten ist für mich Familie, zuhause, Zeit für einander, ganz wie früher in meiner Kindheit. Mit Weihnachten verbinde ich Lichterglanz, Düfte und eine ganz besondere Atmosphäre. Die Weihnachtszeit beginnt für mich am 1. Advent. Das ist ein Zwölftel eines Jahres, in dem wir alle sehr bewusst unsere Kultur und unsere Werte leben. Wir besinnen uns als Gesellschaft bewusster auf uns, sind fürsorglich, leben Nächstenliebe und denken an andere.

Gibt es Traditionen, die Sie Weihnachten und Silvester pflegen?

Wilken: Weihnachten gehe ich immer mit meinen drei Kindern – die sind jetzt 8, 12 und 13 Jahre alt – in die Exteraner Kirche zum Krippenspiel. Meine Frau bereitet in der Zeit das Essen vor. Erst wird gegessen und danach fangen wir an, um die Geschenke zu würfeln. Jeder, der eine Sechs oder eine Eins hat, darf sich sein Geschenk nehmen und es auspacken. Silvester feiern wir traditionell im Kreis mit guten Freunden. Jeder bringt etwas zu essen mit, wir sitzen zusammen, die Kinder spielen und wir gießen Blei.

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Durch einen neuen Bürgermeister ändert sich ja nicht alles grundlegend.

Rocco Wilken

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Im Oktober 2015 sind Sie zum Bürgermeister gewählt worden: War der Sprung vom Zollbeamten in den Chefsessel der Verwaltung ein einfacher?

Wilken: Der Sprung ist mir gut gelungen. Ich habe vor allem die neuen Herausforderungen bezüglich der Vereinbarkeit von Familie und Beruf, inhaltlich und zeitlich, gut auf die Reihe bekommen. Es ist natürlich eine Herausforderung, ein Amt zu leiten, jedoch die Verwaltung läuft hoch professionell. Ich habe hier im Rathaus von Anfang an eine ganz hervorragende Unterstützung bekommen. Alle sind sehr offen und immer bei der Sache. Die Mitarbeiter haben eine hohe Identifikation mit unserer Stadt. Das hilft maßgeblich, die vielen konstruktiven Lösungen zu finden, die wir brauchen.

Sind Sie aus Ihrer Sicht bisher erfolgreich?

Wilken: Genau dieselbe Frage hat mir auch meine Tochter gestellt. Der habe ich geantwortet, dass ich es für mich nicht in Anspruch nehme, diese Frage zu beantworten. Erfolg ist an verschiedenen Dingen messbar und jeder misst natürlich anders. Durch einen neuen Bürgermeister ändert sich ja nicht alles grundlegend. Wichtig ist, dass das Zusammenspiel aller Beteiligten aus Politik, Bürgerschaft, Wirtschaft und Verwaltung koordiniert wird und reibungslos läuft.

Wir haben in der Verwaltung laufende Projekte weitergeführt, fortentwickelt, zum Teil beendet und erfolgreich umgesetzt. Zudem sind neue Projekte angestoßen. Ich denke da beispielhaft an die Regionale 2022, Stromnetzübernahme, das Car­Sharing, das Sportstättenkonzept und die Ordnungspartnerschaft. Wir treten in Vlotho nicht auf der Stelle. Wir gehen mit zügigem Schritt vorwärts. Ich selber würde schon sagen, dass wir als Stadt auf einem guten Weg sind.

Als ein Ziel hatten Sie im Wahlkampf formuliert: »Vlotho, die smarte Stadt«. Dabei ging es um den Ausbau der Digitalisierung oder um städtische Dienstleistungen, die im Internet erledigt werden können.

Wilken: Zum 1. Mai soll unsere Vlotho-App an den Start gehen – unter anderem mit Veranstaltungshinweisen, Infos aus dem Rathaus, touristischen Angeboten, Abfallkalender und Behördenwegweiser. Die Bürger können über die App mit uns in Kontakt treten, können uns zum Beispiel das Foto der defekten Straßenlaterne senden. Später sollen durch die Einführung geeigneter E-Gouvernment-Prozesse auch Anträge online gestellt, bearbeitet, abschließend entschieden und bewilligt werden können.

Wichtig im Zusammenhang mit der Digitalisierung ist der im Kreis Herford bevorstehende Ausbau der Leitungsnetze-Infrastruktur, die bis zum Jahr 2020 das schnelle Internet mit mindestens 50 Mbit/s in jedes Vlothoer Haus, das bis dato über nicht mehr als 30 Mbit/s verfügt, bringen soll.

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Wir werden neue Führungskräfte mit neuen Impulsen und Sichtweisen bekommen.

Rocco Wilken

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Ein anderes Ziel hieß »seniorenfreundliche Stadt«.

Wilken: Es wird Anfang des Jahres einen ersten runden Tisch mit professionellen und ehrenamtlichen Anbietern für Seniorenangebote geben. Wir wollen erst einmal feststellen, was wir in Vlotho haben. Wir wollen als senioren- und demenzfreundliche Kommune Angebote für Senioren und ihre Angehörigen bündeln und mögliche Synergien nutzen.

Dazu gehört auch die Verbesserung der ärztlichen Versorgung…

Wilken: Das ist ein Problem für die gesamte ländliche Region, nicht nur für Vlotho. Wir versuchen, weiterhin Fachärzte und einen Allgemeinmediziner fürs Gesundheitszentrum zu bekommen. Für junge Mediziner ist es heute wenig attraktiv, als Landarzt 10 oder 12 Stunden täglich zu arbeiten. Da muss die Work-Life-Balance schon stimmen. Neue Möglichkeiten könnten sich mit der Digitalisierung durch die Telemedizin ergeben.

Sie hatten vor der Wahl auch angekündigt, sich in den Ortsteilen für Jugendtreffpunkte einzusetzen.

Wilken: Unsere gesamtpolitische Aufgabe ist es, die Sportvereine, die Kirchengemeinden und Feuerwehr zu stärken – das sind diejenigen Institutionen, die bei uns hervorragende Jugendarbeit leisten. Dazu gehört auch, dass wir unsere Sportstätten durch das Sportstättenkonzept stärken. Wir setzen uns dafür ein, dass das Jugendzentrum und die Jugendarbeit weiterhin so gut funktionieren können.

In welchen Bereichen hätten Sie bisher gerne mehr erreicht?

Wilken: Alle Projekte, die angestoßen wurden, laufen oder sind aus meiner Sicht erfolgreich abgeschlossen worden. Wir wollen das Ehrenamt noch mehr stärken, Informationen für Ehrenamtler zusammenführen und allen zur Verfügung stellen, sodass die Kooperation der Vereine untereinander verbessert werden kann. Ein erster wichtiger Schritt zur Stärkung des ehrenamtlichen Engagements ist die Ehrenamtskarte. Wir sind bei der Ehrenamtsförderung noch nicht am Ziel. Hier ist noch einiges zu tun.

Der Vlothoer Bahnhof harrt seit Jahren seiner Sanierung und Neunutzung. Foto: Jürgen Gebhard

Leerstände, Bahnhof, Burg: Seit Jahren begleiten uns diese Themen. Warum ist Stadtentwicklung so zäh in Vlotho?

Wilken: Stadtentwicklung hat viel mit Bauleitplanung, Bebauungsplänen und Fördermitteln zu tun. Das alles nimmt stets sehr viel Zeit in Anspruch. Wenn wir über Leerstände reden, dann reden wir immer über die Innenstadt. Es gibt hier keine spürbaren Investitionen durch Private.

Der einzige größere Investor in der Innenstadt ist die Stadt Vlotho – ich nenne nur Sommerfelder Platz, Ärztezentrum und das Integrierte Stadtentwicklungskonzept ISEK. Es muss uns gelingen, die Aufmerksamkeit von Investoren wieder auf unsere Stadt zu lenken. Unsere Anbindung ist bestens, unsere weichen Standortfaktoren sind hervorragend. Wir brauchen einfach Menschen, die Ideen haben und in unsere Innenstadt investieren. Stadt-Marketing und unsere Stadtentwicklung sind hier aktiv am Ball.

Und was ist mit dem Bahnhof?

Wilken: Wir gehen davon aus, dass der Investor in Kürze das endgültige Konzept präsentiert, nachdem alle baurechtlichen Fragen, die durch die Nutzungsänderung entstehen, gemeinsam mit dem Kreis als Baugenehmigungsbehörde beantwortet worden sind. Hier geht es um Baurecht, Fluchtwege, Denkmalschutz und Brandschutz. Wir hoffen, dass die Steine aus dem Weg geräumt werden können.

Bei der Burg hat der Pächter gerade die Segel gestrichen…

Wilken: Wir hoffen, noch vor Ostern einen neuen Pächter zu haben. Es gibt bereits einen potenziellen Bewerber. Ich bin da recht zuversichtlich.

Wird die Ende 2018 anstehende Pensionierung von Herbert Obernolte – er ist allgemeiner Vertreter des Bürgermeisters, Kämmerer, Leiter der Vlothoer Wirtschaftsbetriebe und Geschäftsführer der Stadtwerke GmbH – die Verwaltung vor große Herausforderungen stellen?

Wilken: Die Stadtverwaltung wird hier personell neu organisiert werden. Das mache ich nicht im Alleingang. Politik und Verwaltung werden das gemeinsam entscheiden. Herbert Obernolte hat vier Leitungsposten, die neu zu verteilen sind. Es ist zu erwarten, dass diese Aufgaben an mehr als eine Person vergeben werden. Namen stehen noch nicht fest. Wir werden nie einen so erfahrenen, in der Verwaltung groß gewordenen Menschen finden. Wir werden neue Führungskräfte mit neuen Impulsen und neuen Sichtweisen bekommen. In jedem Ende ist auch eine neue Chance.

Wird es einen Beigeordneten geben?

Wilken: Wir lassen uns alle Möglichkeiten offen. Ein Beigeordneter in einer kleinen Stadt wie Vlotho ist eigentlich nicht sinnvoll.

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