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Mi., 12.11.2014

Ehrenbürger und Riechstoffpionier: Erster Roman über Wilhelm Haarmann erschienen Vanille macht Höxteraner zum Multimillionär

Wilhelm Haarmann (1847 bis 1931) gehörte zu Deutschlands bedeutendsten Unternehmern.

Wilhelm Haarmann (1847 bis 1931) gehörte zu Deutschlands bedeutendsten Unternehmern. Foto: WB

Von Michael Robrecht

Höxter/Holzminden (WB). Der Autor Björn Bernhard Kuhse hat dem berühmten Duftstofffabrikanten Wilhelm Haarmann ein literarisches Denkmal gesetzt. »Der Herr der Düfte« heißt ein Roman, der sich mit dem Aufstieg des einst in Höxter wohnenden und aus Holzminden stammenden »Vanillekönigs« beschäftigt und der jetzt passend zum Weihnachtsgeschäft erschienen ist.

Wilhelm Haarmann: Chemiker und Mäzen

Forscher, Firmengründer, Pionier der Riechstoffe, Mäzen und Ehrenbürger der Stadt Höxter: Wilhelm Haarmann (1847 bis 1931) gehörte zu Deutschlands bedeutendsten Unternehmern. Er ist bundesweit, aber auch in Höxter und Holzminden etwas in Vergessenheit geraten – dabei ist das Leben des Chemikers, einer der Urväter des heutigen Weltunternehmens Symrise, schillernd. Den börsenotierten Duftstoffriesen Symrise AG kennt jeder: Dass das Holzmindener Unternehmen (1,5 Milliarden Euro Umsatz, 5900 Mitarbeiter weltweit, davon 2400 in Holzminden) 2003 aus der Dragoco Gerberding & Co AG und der Haarmann & Reimer GmbH hervorgegangen ist, ist ein Stück Indus-triegeschichte – und die ist, wie der Roman, spannend. Gründervater von H & R, der ersten Riechstofffabrik der Welt, war Wilhelm Haarmann, dem mit Ferdinand Tiemann 1874 die erste Synthese von Vanillin gelang – eine damals bahnbrechende Erfindung. Die Fabrik in Holzminden expandierte. Privat entwickelte sich der Direktor zum Großbürger. Haarmanns Villenbau in Höxter fiel auf, auch weil er damit die damals SPD-orientierten Holzmindener ärgern wollte, die seinen Vorhaben nicht immer wohl gesonnen waren. Bis ins hohe Alter fuhr der Vanille-König jeden Morgen mit einer Kutsche von Höxter zur Fabrik in Holzminden. Auch die 20 Stiftungen Haarmanns hallen nach. In Höxter waren dies: Petristift, Neubau König-Wilhelm-Gymnasium, Krankenhaus, Marienstift sowie Vereinshaus Höxter. Er bekam als Ehrenbürger 1931 ein Ehrengrab auf dem Friedhof Am Wall in Höxter.

Björn Bernhard Kuhse aus Halle/Westfalen hat jahrelang den Lebensweg des Riechstofferfinders Haarmann erforscht. Er beschäftigt sich in seinem Wissenschaftsroman mit dem bemerkenswerten Aufstieg des Unternehmers in die Höhen der neuen deutschen Industriekapitäne nach der Reichsgründung 1871 – die deutsche Version des Märchens vom Tellerwäscher zum Millionär. Der Chemiker aus Holzminden, zeitweise einer der reichsten und erfolgreichsten Männer Deutschlands und für ein paar Jahre auf Augenhöhe mit schillernden Industriellen wie Krupp, Thyssen oder Borsig, hat das Vanillin entdeckt und ein erfolgreiches Verfahren entwickelt, diesen Stoff industriell herzustellen. Dies war die Geburtsstunde der Duft- und Geschmackstoffindustrie in Holzminden (einst H & R und Dragoco, heute Weltkonzern Symrise). Kuhse folgt der Lebensgeschichte Haarmanns von seinen ersten Erinnerungen im Haus seiner Großmutter über chemischen Experimente als Student und Doktorand bis zu seinem Aufstieg zum erfolgreichen Unternehmer in Holzminden, der die ganze Welt bereiste, um bestmögliche Rohstoffe für seine Produktion einzukaufen. Gleichzeitig erfährt der Leser vieles über das sagenumwobene Gewürz Vanille.

Kuhse, der das Buch auch auf der Frankfurter Buchmesse vorgestellt hat, beschreibt eine fulminante Aufstiegsgeschichte aus den Boomjahren der Kaiserzeit vor mehr als 100 Jahren, als deutscher Erfindergeist Weltruhm erlangte. »Mit der Formel des Vanillins gelingt Haarmann der Durchbruch, er gründet 1874 an der Weser die erste Riechstofffabrik weltweit. Haarmann produziert weitere Duftstoffe und wird dadurch zum Multimillionär. Ein spannender Stoff«, schwärmt Björn Kuhse. Haarmann habe sein Unternehmen durch alle Wirren der Zeit, durch Kriege und Wirtschaftskrisen erfolgreich geführt. Viele interessante Menschen kreuzten seinen Weg, was im Roman beschrieben wird. Kraft und viel innere Ruhe für seine Arbeit fand Haarmann immer im Kloster Corvey.

Autor Kuhse hat das bewegte Leben eines Forschers, Unternehmers und Weltbürgers beschrieben, und man fragt sich, warum es über die interessante Figur Haarmann über Jahrzehnte fast nichts in Buch- oder Filmform gegeben hat – außer der 2012 auch von Björn Bernhard Kuhse herausgegebenen Firmengeschichte Haarmanns mit Vita. »Das Leben dieses Mannes ist filmreif«, zieht der Leser Bilanz, nachdem er die 200 Seiten des Romans verarbeitet hat.

Wilhelm Haarmann, der sich 1891 in Höxter eine selbst für die damalige Zeit riesige Villa unter dem Ziegenberg (heute gehört das Haus den Architekten Sauer) mit einem Berg-Park gönnte, pendelte im Alter zwischen Weserbergland, Frankreich und Amerika, immer auf der Suche nach den betörenden Düften der Welt. Am Lebensende verwirklichte Höxters Ehrenbürger (er hat viele Einrichtungen in der Stadt gestiftet und nach ihm ist auch eine Straße benannt) noch den Traum einer Schiffsreise nach Afrika, die ihm wegen eines Sturzes an Bord zum tödlichen Verhängnis wurde. »Haarmann hat durch Duft und Geschmack des Vanillins die Küchen Europas und der Welt dominiert«, beschreibt Björn Kuhse.

Es gibt ein Sachbuch über Haarmann und die Duftstoffindustrie (2012): »Wilhelm Haarmann auf den Spuren der Vanille«, Verlag Jörg Mitzkat, ISBN 978-3-940751-57-7, 98 Seiten, 14,80 Euro.  Neu ist der Roman »Der Herr der Düfte«, Björn B. Kuhse, 200 Seiten, 12,80 Euro, Verlag Jörg Mitzkat, ISBN 978-3-940751-91-1.

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