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Mi., 15.11.2017

Kriminalpsychologin Lydia Benecke spricht in Höxter über Geschehnisse im »Horror-Haus« »Fall Bosseborn ist keine Ausnahme«

Die Kriminalpsychologin Lydia Benecke kommt am Samstag, 9. Dezember, in die Residenz-Stadthalle in Höxter.

Die Kriminalpsychologin Lydia Benecke kommt am Samstag, 9. Dezember, in die Residenz-Stadthalle in Höxter.

Höxter (WB). Sie schafft es, unbegreifliche Verbrechen psychologisch fassbar zu machen: Am Samstag, 9. Dezember, spricht die Kriminalpsychologin Lydia Benecke (35) in Höxter über »Die Psychologie tödlicher Paare« und rückt dabei das Folterpaar von Bosseborn in den Mittelpunkt . Was diese Menschen dazu bewegt, Verbrechen zum Teil ihrer Beziehung werden zu lassen, darüber hat Benecke mit Isabell Waschkies gesprochen.

Frau Benecke, muss man nach Ihrem Vortrag davon ausgehen, nachts nicht mehr schlafen zu können?

Lydia Benecke: Meine Vorträge zielen nicht auf Schockeffekte ab, sondern auf psychologische Erklärungsmodelle. Grausame Verbrechen erscheinen den Menschen als unbegreiflich, was sie bei näherer Betrachtung nicht sind. Hinter jedem Verbrechen steckt eine ganz eigene Logik, die wissenschaftlich fassbar ist. Ich denke nicht, dass diese eine zusätzliche Beängstigung auslöst. Greifbare Phänomene sind besser zu verarbeiten als scheinbar unbegreifliche Schreckensgeschichten.

 

Wenn sich Wilfried und Angelika W. aus Bosseborn niemals getroffen hätten, hätten sie die Taten unabhängig voneinander begangen?

Benecke: Es ist bekannt, dass Wilfried W. bereits früher eine ähnliche Tat gemeinsam mit einer anderen Partnerin begangen hat. Daher ist es naheliegend, dass er der Initiator der Handlungen war. In ähnlichen Fällen sind die Männer häufig die Anstoßgeber. Sie würden auch mit anderen Partnerinnen oder alleine vergleichbare Taten umsetzen. Die Frauen würden wahrscheinlich nicht ohne den ähnlich tickenden Partner entsprechende Verbrechen begehen. Doch ab einem gewissen Punkt profitieren sie so stark von der Dynamik der Partnerschaft, dass sie sich auch unabhängig vom Anderen grausam verhalten.

 

»Kein Verbrechen ist jemals wirklich einzigartig«

Wie außergewöhnlich sind die Geschehnisse des Folter-Paars Angelika und Wilfried W.?

Benecke: Meiner Erfahrung nach ist kein Verbrechen jemals wirklich einzigartig. In ihrer Grunddynamik ähnlich geartete Straftaten finden sich in unterschiedlichen Zeiten und Regionen der Welt. Das belegt, dass Faktoren, die die Entwicklung bestimmter schwerer Verbrechen begünstigen, zeit- und kulturunabhängig sind. Der Fall Bosseborn ist keine Ausnahme.

 

Was bewegt Menschen dazu, Verbrechen zum Teil ihrer Beziehung werden zu lassen?

Benecke: Einerseits ziehen Persönlichkeitseigenschaften zu ihnen passende Charaktere an. So kommt es, dass manche Menschen sich wundern, dass sie scheinbar zufällig immer wieder ähnlich gestrickte Partner finden. Hierbei spielen unbewusste, psychologische Mechanismen eine wichtige Rolle. Bei Partnern, die gemeinsam Verbrechen begehen, treffen zwei besondere Persönlichkeitstypen aufeinander: Sie sind beide bereits unabhängig voneinander anders in ihrem Fühlen, Denken und Handeln als der Durchschnittsbürger. Durch die Partnerschaft können sich die jeweiligen negativen Besonderheiten auf unheilvolle Weise ergänzen und im nächsten Schritt sogar verstärken.

 

Welche Effekte haben solche Verbrechen auf eine Beziehung?

Benecke: Häufig waren die Frauen früher Opfer emotionaler, körperlicher und sexueller Misshandlungen. Sie machen die Erfahrung, dass es sich für sie besser anfühlt, selbst auf der Täterseite als auf der Opferseite zu stehen. Eigene aggressive Impulse können mit der Duldung des Partners an den gemeinsamen Opfern ausagiert werden. Dies erklärt, warum in solchen Fällen häufig überlebende Opfer berichten, dass die Täterinnen auch unabhängig vom männlichen Täter grausame Verhaltensweisen zeigten. Gleichzeitig profitieren sie davon, dass ihr meist dominanter Partner seine sexuellen und aggressiven Bedürfnisse an anderen auslässt. Die männlichen Täter finden aus ihrer Perspektive in ihrer Mittäterin gewissermaßen eine Erweiterung ihrer selbst. Es erscheint den Partnern dann oft wie eine Form von Seelenverwandtschaft.

 

»Straftäter überschreiten Verhaltensgrenzen«

Sie erzählen von ähnlichen Fällen, die international Aufsehen erregen. Welche sind das?

Benecke: In meinem Buch »Sadisten« beschreibe ich zwei Fälle, in denen männliche Täter ihre Lebenspartnerinnen dazu bewegten, an der Entführung, Folterung und in einem der Fälle sogar an Tötungsdelikten gegenüber Frauen aktiv teilzuhaben. In beiden Fällen waren die Persönlichkeiten beider Partner und ihre Wechselwirkung entscheidend für die Entwicklung der gemeinsamen Straftaten. Es ist kein Zufall, dass sich bestimmte Menschen intuitiv in Partnerschaften zusammenfinden.

 

Was fasziniert Menschen an solchen Grausamkeiten?

Benecke: Straftäter überschreiten Verhaltensgrenzen, die einem Durchschnittsmenschen unvorstellbar erscheinen. Das weckt Interesse. Auch die Annahme, über Verbrecher und ihre Motive informiert zu sein, spielt dabei eine Rolle. Das vermittelt ein Sicherheitsempfinden. Gefahrensignale erzeugen Aufmerksamkeit. Wenn Gefahren schnell wahrgenommen werden, erhöht das aus evolutionärer Sicht die Überlebenschance. Das spielt auch bei dem Phänomen von Gaffern an Unfallorten eine Rolle: Das Gehirn reagiert unwillkürlich interessiert und wendet sich dem Negativen zu.

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