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Mi., 06.12.2017

Kein Auftritt der Starpsychologin: Wilfried W.’s Kanzlei gegen »Horror-Paar«-Diskussion in Höxter »Horror-Haus«: Vortrag abgesagt

Überall in Höxter – wie hier im Schaukasten an der Stadthalle – wird noch für den Vortrag von Lydia Benecke geworben. 200 Tickets sind im Vorfeld abgesetzt worden. Autorin Benecke hat zur Vorbereitung sogar das »Horror-Haus« besucht.

Überall in Höxter – wie hier im Schaukasten an der Stadthalle – wird noch für den Vortrag von Lydia Benecke geworben. 200 Tickets sind im Vorfeld abgesetzt worden. Autorin Benecke hat zur Vorbereitung sogar das »Horror-Haus« besucht. Foto: Michael Robrecht

Von Michael Robrecht

Höxter (WB). Die bundesweit bekannte Kriminalpsychologin Lydia Benecke hat ihren Auftritt am 9. Dezember in Höxter absagen müssen. Ein Anwaltsbüro drohte massiv mit einer Schmerzensgeldklage, wenn sie ihren Vortrag über die Geschehnisse rund um das »Horror-Haus« von Bosseborn in der geplanten Form halte.

»Die Psychologie tödlicher Paare« hatte die aus vielen TV-Sendungen bekannte 37-jährige Autorin ihren Abend in der Stadthalle überschrieben. Für 24 Euro Eintritt pro Person wollte sie grausame Verbrechen, wie im Saatweg 6 in Bosseborn , fachlich einordnen. Mehr als 200 Tickets für den Benecke-Auftritt waren im Vorverkauf abgesetzt worden, so das Stadthallenmanagement. Seit Monaten wird der Vortrag auf Plakaten, im Internet und in Medien beworben – Grund für eine Intervention sah die Anwaltskanzlei des angeklagten »Horror-Paares« Wilfried W. und Angelika W. bis Montag, 4. Dezember, aber nicht.

Jetzt die überraschende Wende: Am Montag um 18 Uhr ging bei Veranstaltungsmanagerin Sabine Maria Grauel (Geschäftsführerin Agentur »Momentschalter« Hannover) ein geharnischter Brief der Kanzlei Binder und Partner aus Bielefeld ein und sorgte für Ärger.

Das Horror-Haus in Bosseborn. Foto: M. Robrecht

Gang zum Amtsgericht angedroht

Der Vorwurf von Rechtsanwalt Detlev Otto Binder: Lydia Benecke werde sich bei ihrem Vortrag am Samstag, 9. Dezember, um 20 Uhr in Höxter allein mit der Analyse der Persönlichkeit seines Mandanten Wilfried W. aus kriminalpsychologischer Sicht unter besonderer Berücksichtigung seiner Beziehung zu Angelika W. beschäftigen. Das gehe so nicht und die Veranstaltung müsse abgesagt werden. Binder drohte den Gang zum Amtsgericht an, um durch eine einstweilige Verfügung den Benecker-Vortrag in Höxter zu verhindern. Die Kanzlei kündigte wegen der zu befürchtenden Verletzung des allgemeinen Persönlichkeitsrechtes des Mandanten Schmerzensgeldansprüche an.

Hintergrund für die Intervention, die Veranstalterin Grauel in dieser Form noch nie erlebt hat, ist ein Zeitungs-Interview von Psychologin Lydia Benecke, in der sie in einigen Sätzen einen unmittelbaren Zusammenhang zwischen der Person Wilfried W. und ihrem Höxter-Vortrag herstellt.

Schauveranstaltung laut Anwalt Binder ehrverletzend

Anwalt Binder greift das an und setzte den Veranstaltern des Vortrages ein Ultimatum bis Dienstagmittag. Als keine Absage erfolgte, wurde der Gang zum Gericht von der Kanzlei angekündigt. Anwalt Binder wies darauf hin, dass seine Mandanten noch nicht verurteilt seien. Der Prozess befinde sich in der Beweisaufnahme, die durch extreme Stimmungsmache empfindlich gestört werden könne.

Für die beiden Angeklagten, die als »Horror-Paar von Bosseborn« seit mehr als einem Jahr weltweit Schlagzeilen machen und deren Prozess bis weit ins Jahr 2018 vor dem Landgericht Paderborn laufen wird, gelte bis zur Verurteilung die Unschuldsvermutung. Ein weiterer Vorwurf: Wilfried W. werde offenbar von der Autorin als Psychopath dargestellt und mit einem Sadisten gleichgestellt. Die geplante Schauveranstaltung in Höxter mit ihrer herabwürdigen Thematik sei für den Mandanten ehrverletzend und verletze in höchstem Maße seine Intimsphäre. Offenbar ziele die Veranstaltung darauf ab, die Sensationsgier eines kleinen Teils der Bevölkerung zu befriedigen, schreibt Anwalt Detlev Binder.

Termin soll nach Urteilsverkündung neu angesetzt werden

Vortragsveranstalterin Sabine Grauel, die bei »kds Events« die Stadthalle gemietet hatte, sagte nach Rücksprache mit Lydia Benecke den Abend ab. Sie sprach von »Verschieben« und stellt sich einen neuen Termin nach einer Urteilsverkündung vor. Psychologin, Management und Agentur haben miteinander gerungen, ob man eine juristische Auseinandersetzung wagen solle. Da der Anwalt in wenigen Sätzen Beneckes in einem Interview das berühmte Haar in der Suppe gefunden habe, wäre die Durchführung des Vortrags möglicherweise unkalkulierbar teuer geworden. »Vor Gericht und auf See ist man in Gottes Hand«, wollten Benecke und Grauel kein Risiko eingehen. Man frage sich aber, ob hier die Meinungs- und Pressefreiheit nicht vollends auf der Strecke bleibe.

Der Höxter-Vortrag sei vor Monaten geplant worden, als alle dachten, im Dezember sei man auf der sicheren Seite, weil das Urteil längst gefallen sei. Nun dauere der Prozess doch länger.

Hinweis der Veranstalter: Die Eintrittskarten für den Vortrag am 9. Dezember in der Stadthalle können an allen Vorverkaufsstellen zurückgegeben werden.

Kommentare

Es ist schon interessant, zu lesen, daß der Rechtsanwalt Binder, ohne dass anscheinend er selbst - er spricht ja nur von offenbar - oder sonst irgend jemand den Inhalt des Vortrages der Frau Benecke kennt und ohne dass man weiß, welche Wortwahl sie in Bezug auf Wilfried W. gewählt hätte, hinsichtlich seines Mandanten die Worte "Psychopath" und "Sadist" gebraucht.

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