Sa., 24.02.2018

Brigitte Labs-Ehlert konzipiert und leitet »Via Nova« im ostwestfälischen Welterbe Ein Kunstfest für Corvey

Herzog Viktor von Ratibor, Dr. Brigitte Labs-Ehlert und Dr. Ursula Sinnreich im Johanneschor des Westwerks vor dem Wandfresko, das Odysseus im Kampf mit Skylla zeigt.

Herzog Viktor von Ratibor, Dr. Brigitte Labs-Ehlert und Dr. Ursula Sinnreich im Johanneschor des Westwerks vor dem Wandfresko, das Odysseus im Kampf mit Skylla zeigt. Foto: Sabine Robrecht

Von Sabine Robrecht

Höxter (WB). Künstler von heute geben ein Echo auf frühe Texte: Dieses Spannungsfeld möchte Dr. Brigitte Labs-Ehlert in einer großartigen geistigen Schatzkammer, dem Welterbe Corvey bei Höxter, mit einem neuen alljährlichen Kunstfest publikumswirksam zur Entfaltung bringen.

Das Fest ist neu – im Namen »Via Nova« klingt das schon an. Das Konzept kommt Kulturfreunden bekannt vor: Dr. Brigitte Labs-Ehlert, Ideengeberin und ehemalige Intendantin des Kultur- und Musikfestes »Wege durch das Land«, will die Mauern des Welterbes mit Lesungen, Konzerten, Exkursionen und auch Symposien zum Klingen bringen. Sie möchte die Geschichte dieses hochkarätigen mittelalterlichen Zentrums der Christenheit sinnlich – und immer auch mit Gegenwartsbezug – erfahrbar machen. So wie es die Anhänger von »Wege durch das Land« zu schätzen gewusst haben.

Nachdem sie wegen Vergabefehlern in Zusammenhang mit Fördergeldern in die Schlagzeilen geraten war und die Leitung des Literaturbüros OWL 2016 aufgegeben hat, konzipiert die Literaturwissenschaftlerin, Autorin und Herausgeberin nun in der von ihr gewohnt hochkarätigen Art das Welterbe-Fest.

Martina Gedeck kommt nach Corvey

Martina Gedeck. Foto: dpa

Für die Ouvertüre vom 31. August bis 2. September, die potenzielle Förderer vom Fünf-Jahres-Programm der »Via Nova« überzeugen soll, hat Labs-Ehlert dank ihrer Kontakte Prominente gewonnen. So holt sie zum nunmehr zweiten Mal die renommierte Schauspielerin Martina Gedeck nach Corvey. Als weitere Künstler werden das Albion String Quartet, das Trio Mediaeval, die Martinů Voices, der Schauspieler Christopher Nell, das Tetzlaff-Trio, Vox Clamantis und Studenten der Theaterfakultät der Akademie der Musischen Künste Prag beteiligt sein.

Beginn ist am Freitag, 31. August, mit einem Symposion zur Präsentation des Erbes der Weltkulturstätte Corvey. Die Abendveranstaltung widmet sich der Gründung Corveys und der Faszination des Reliquienkultes in historischen Berichten und poetischen Schilderungen des 20. Jahrhunderts. Martina Gedeck nimmt die Besucher zu einer Gedankenreise mit nach Prag, in den Veitsdom, zu dem von Corvey aus eine Vitus-Reliquie transloziert wurde.

Mit Fördermitteln von 90.000 Euro unterstützt die Kunststiftung NRW diese dreitägige Initialzündung im Spätsommer. Der Hausherr, Viktor Herzog von Ratibor und Fürst von Corvey, übernimmt mit dem Kulturkreis Höxter-Corvey die Finanzierung der Eigenmittel.

Ein Platz in der Mitte der Welt

Herzog Viktor von Ratibor, Dr. Brigitte Labs-Ehlert und Dr. Ursula Sinnreich im Johanneschor des Westwerks vor dem Wandfresko, das Odysseus im Kampf mit Skylla zeigt. Foto: Sabine Robrecht

Corvey liege geografisch am Rande NRW’s, aber vom Rang gebühre ihm ein Platz in der Mitte der Welt, begründete Dr. Ursula Sinnreich, Generalsekretärin der Stiftung, das große finanzielle Anschubengagement. Am Konzept überzeuge sie ein inhaltliches Alleinstellungsmerkmal. Konzerte und Lesungen seien an Welterbestätten üblich. In der ehemaligen Reichsabtei werde aber immer ein Bezug zu ihrer Geschichte und zur Gegenwart hergestellt.

Einer der Kerne unseres kulturellen Selbstverständnisses liege in Corvey, in dessen klösterlichem Skriptorium Texte geschrieben und in die Welt gebracht wurden. Die Singularität dieser Kunstschätze, der philosophisch-religiösen Impulskraft und der Welterbe-Architektur sichtbar zu machen und eine Brücke zur Gegenwart zu bauen – darin liege das Potenzial des Kunstfestes, dessen Titel an Corveys ursprünglichen Namen »Nova Corbeia« (Neues Corbie) anknüpft.

Das Fest soll in den nächsten fünf Jahren, in deren Mitte Corveys 1200-jähriges Bestehen 2022 liegt, das Kloster als Bühne erblühen lassen. Der »Apostel des Nordens«, Bischof Ansgar, der die Christianisierung nach Dänemark und Schweden von Corvey vorangetrieben hat, wird ebenso ins Blickfeld gerückt wie der althochdeutsche Heliand, der im 9. Jahrhundert im Corveyer Skriptorium kopiert wurde und die erste deutsche Bibelübersetzung war.

Voraussetzung für all die Planungen sind die Finanzen

Der Heliand soll 2019 das einwöchige Kunstfest dominieren – gefolgt von Tacitus-Handschriften 2020. Zu entdecken gebe es aber noch mehr, so die Intendantin: »Der Siegeszug der karolingischen Minuskel begann im Mutterkloster Corbie und wurde in Corvey fortgesetzt, daraus haben sich die Kleinbuchstaben unserer heutigen Schrift entwickelt, das war damals eine Revolution wie heute die Digitalisierung.«

Wie es sein kann, dass christliche Mönche den Kampf des Odysseus mit der Skylla im Johannes­chor des Westwerks als Wandfresko verewigt haben – diesem Geheimnis soll das Fest 2021 nachspüren. Und im Jubiläumsjahr Corveys dreht sich alles um den »Trost der Philosophie« des Boethius.

Voraussetzung für all die Planungen sind jedoch die Finanzen. Die sind noch nicht gesichert. Die Kunststiftung NRW schiebt das Projekt mit der Ouvertüre zunächst nur an. Die Beteiligten hoffen auf Landesmittel.

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