Mi., 16.05.2018

Bundesstraße ab Freitag voll gesperrt – »Steinmühle« unerreichbar – »Und wer bezahlt uns den Schaden?« B83-Sperrung: Rentnerpaar muss Antik-Café schließen

Margarete Büngener (73) verpackt in ihrem Antik-Cafe »Steinmühle« an der B 83 bei Polle Möbel, Spielzeug, Porzellan und Vasen, weil ab Freitag das Gasthaus komplett für die Außenwelt unerreichbar ist; im Hintergrund die brüchigen Weserfelsen.

Margarete Büngener (73) verpackt in ihrem Antik-Cafe »Steinmühle« an der B 83 bei Polle Möbel, Spielzeug, Porzellan und Vasen, weil ab Freitag das Gasthaus komplett für die Außenwelt unerreichbar ist; im Hintergrund die brüchigen Weserfelsen. Foto: Michael Robrecht

Von Michael Robrecht

Höxter/Polle (WB). Der Tag der Wahrheit rückt näher. Ab Freitagmorgen wird die viel befahrene Wesertalstraße B 83 bei Polle mindestens bis Silvester komplett gesperrt. Lkw, Autos und Wohnmobile werden großräumig umgeleitet. Auch im Kreis Höxter stehen inzwischen Hinweisschilder.

Hintergrund für die Vollsperrung der »Lebensader des Weserberglandes« sind akut drohende Felsabbrüche bei »Steinmühle« und der »EU-Irrsinn« um den Schutz des Schmetterlings »Spanische Flagge«.

Immer noch schockiert von der kurzfristigen Sperrmaßnahme ist das Rentnerehepaar Margarete (73) und Heino (75) Büngener, das seit 29 Jahren das bekannte Café mit Antik-Handel im Gasthaus-Ensemble »Steinmühle« betreibt. »Die Sperrung ist ein echter Hammer und könnte uns in den Ruin stürzen. Wer zahlt uns die finanzielle Ausfälle? Ohne den Durchgangsverkehr auf der Bundesstraße kommen keine Gäste mehr, damit muss man als älterer Mensch erst einmal klarkommen«, sagen die Rentner.

Der Schreck sitzt tief bei den Antikhändlern. Man habe ihnen übel mitgespielt, sie von der Außenwelt einfach abgeschnitten.

Angst vor Einbrechern

Die Ereignisse rund um das Gasthaus »Steinmühle« suchen in Deutschland ihresgleichen und sind deshalb inzwischen auch ein bundesweites Medienthema. Bis Freitagmorgen haben die Büngeners Zeit, die wertvollsten Antiquitäten wie Vasen, Silberbesteck und Porzellan eilig zu verpacken und an anderer Stelle einzulagern. Bis zum Jahresende hätten Einbrecher sonst viel Zeit, einzusteigen und gute Stücke mitzunehmen, beschreibt Margarete Büngener konkrete Befürchtungen.

Große Kartons stehen überall im Fachwerkhaus direkt an der B83 oberhalb der Weser zum Abtransport bereit. Nichte Bianca Kloss hilft fleißig mit. Nebenbei müssen die Wirtsleute auch noch diversen TV-Sendern und Zeitungsredakteuren Interviews geben. »Das sind schwere Wochen für uns alte Leute. Wie aus dem Nichts sind zwei Kreisbeamte zwei Tage vor der ersten Meldung in der Lokalzeitung über die B83-Sperrung bei uns aufgetaucht und haben uns beamtisch-korrekt eröffnet, dass hier mit dem Café erst einmal Schluss ist«, berichtet Margarete Büngener.

Sperrung bs Ende 2017

Dass die Vollsperrung statt – wie erst geplant – sieben Jahre nun nur bis Ende 2018 dauern solle, helfe ihnen finanziell leider auch nicht weiter. »Die Einnahmen sind Teil unserer Altersversorgung«, wird die Seniorin plötzlich sehr traurig. »Man entzieht uns mal eben so die Existenzgrundlage. Wer kommt für die Schäden auf?« Seit Tagen schlafen die beiden von der spontanen B 83-Sperrung Hauptbetroffenen nicht mehr richtig, so regt sie das alles auf.

Als nicht nachvollziehbar bezeichnet Margarete Büngener, dass sie ohne längere Vorplanungsmöglichkeiten zur Café-Schließung verpflichtet worden seien. Samtgemeindebürgermeisterin Tanya Warnecke habe sich immerhin inzwischen um sie gekümmert, die Landrätin aus Holzminden habe sich aber leider gar nicht gerührt, »obwohl ich um einen Rückruf im Kreishaus gebeten habe«.

Im Stich lassen nenne man so ein Verhalten, stellen die Büngeners fest. Jede Kleinigkeit über die Sperrung müsse man mühsam zusammenrecherchieren – »von wegen vernünftige Informationspolitik«.

Ausnahme beantragt

»Stöbern erwünscht« steht im Antik-Café, wo hunderte alte Schränke, Bilder, Puppen oder Uhren das Sammlerherz höher schlagen lassen. Chinesen, Amerikaner, Finnen, Tagestouristen, Radfahrer, besonders viele Sammler aus Höxter und Holzminden – das seien ihre Kunden. Sogar der Schriftsteller Efraim Kishon habe vor Jahren im Laden gestanden, erzählt das Rentnerehepaar, das in Bodenwerder-Linse wohnt. Ihr Wohnort wird jetzt zum weiteren Problem.

Mit einem Rechtsanwalt mussten sie in dieser Woche regeln, dass sie eine Ausnahmegenehmigung bekommen, um wenigstens zeitweise das Sperrgebiet betreten und ihr leeres Anwesen kontrollieren zu dürfen: »Aber nur über zehn Kilometer Umweg von Polle aus«, wie Margarete Büngener schildert. Dass der Spuk zum Jahresende wirklich vorbei ist, daran glauben die Büngeners nicht. »Bei einer öffentlichen Baustelle? Wahrscheinlich wird das Ostern 2019! Hoffentlich erleben wir das noch.« Die Händler wollen 2019 auf jeden Fall ihren Antikladen wieder eröffnen. »Vielleicht laufen die Bauarbeiten ja schneller.«

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