Di., 12.06.2018

Harry Lowenstein kehrt nach 70 Jahren zurück in seine alte Heimat – herzlicher Empfang im Forum »Nur ich habe aus der Familie überlebt«

Der Vereinsvorsitzende Fritz Ostkämper (rechts, Jacob Pins Gesellschaft) hat lange recherchiert, bis er den Kontakt zu Harry Lowenstein in den USA (Florida) herstellen konnte. Sie sind inzwischen Freunde geworden – und sind hier in der Höxteraner Pins-Ausstellung zu sehen.

Der Vereinsvorsitzende Fritz Ostkämper (rechts, Jacob Pins Gesellschaft) hat lange recherchiert, bis er den Kontakt zu Harry Lowenstein in den USA (Florida) herstellen konnte. Sie sind inzwischen Freunde geworden – und sind hier in der Höxteraner Pins-Ausstellung zu sehen. Foto: Harald Iding

Von Roman Winkelhahn

Höxter (WB). Die Stimmung balancierte zwischen großer Herzlichkeit und tiefster Betroffenheit, als der in Fürstenau geborene Jude Harry Lowen­stein (früher Helmut Löwenstein) am Montag im Höxteraner »Forum Jacob Pins« aus seinem Leben während der NS-Zeit erzählte.

»Ich bin alt geworden«, sagt Harry Lowenstein in gebrochenem Deutsch zum Bürgermeister und lacht. Doch es hat Zeiten gegeben, in denen der heute 87-Jährige nicht damit gerechnet hat, jemals so alt zu werden. Lowenstein ist der letzte noch lebende Höxteraner, der den Holocaust überlebt hat: die Konzentrationslager, die Todesmärsche, das menschenunwürdige Leben in den Ghettos.

Anreise aus Florida

Heute lebt er mit seiner Familie in Kissimmee (Florida, USA). Auf Einladung der Jacob-Pins-Gesellschaft wagte er sich jedoch zurück in das Land, in dem ihm, seiner Familie und Millionen anderen Menschen, unvorstellbares Leid angetan wurde. Mit dabei: Lowensteins Töchter Karen Pridemore (56) und Berna Lowenstein (59) sowie sein Schwiegersohn Greg Fitzgibbons. Im Forum Jacob Pins wurde die Familie herzlich empfangen. Doch neben dem Fest der Begegnung stand gleichwohl eine klare Mahnung: Nie wieder dürfen Rassismus und Intoleranz eine Gesellschaft beherrschen.

»Du zeigst uns mit Deinem Besuch, dass Versöhnung möglich ist«, begrüßt Fritz Ostkämper, Vorsitzender der Jacob-Pins-Gesellschaft, seinen langjährigen E-Mail-Freund Harry Lowenstein. »Ich habe lange versucht, Deine Adresse herauszufinden. Als ich sie dann hatte – irgendwo in Florida –, war ich mir nicht sicher, wie Du auf die Einladung reagieren würdest.« Harry Lowenstein greift zum Mikrofon und lässt Ostkämper auf Englisch wissen: »Eine E-Mail aus Höxter – das war eine große Überraschung!«

Jahrlanger Kontakt per E-Mail

Seit sieben Jahren haben der Pins-Vorsitzende und Lowenstein nun schon Kontakt. Es sei eine Bindung entstanden, die »nicht gebrochen werden kann«, bekräftigt Lowenstein. Doch nicht nur die Freundschaft hat ihn gestern nach Höxter geholt: Als einer der letzten Zeitzeugen der dunkelsten Geschichte Deutschlands will der US-Amerikaner berichten. Erzählen von dem, was ihm das NS-Regime in der Zeit der Diktatur angetan hat. Wenn von Gaskammern, Deportationszügen und Selektion die Rede ist, senkt Lowenstein den Kopf. Es fließen Tränen bei den Zuhörern. Die Aufgabe, die Bürgermeister Alexander Fischer dem »Symboltag« beigemessen hat, habe dieser klar erfüllt: »Die heutige Veranstaltung soll dazu dienen, uns bei Ihnen und Ihrer Familie für das zu entschuldigen, was Ihnen von unseren Vorfahren angetan wurde.«

Fischer: »Farbe bekennen!«

Fischer plädiert darauf, rassistischen Tendenzen klar entgegenzutreten und Farbe zu bekennen. Auch Landrat Friedhelm Spieker sieht in dem Besuch Lowensteins die Möglichkeit zu einer klaren Mahnung: »Im Erinnern liegt für uns alle der Auftrag, die Würde und die Rechte eines jeden Menschen jederzeit und überall zu schützen.« Ein Bildband über den Kreis Höxter soll Lowenstein an seine deutsche Heimat erinnern. »Ich hoffe, dass es nicht allzu weh tut, wenn Sie darin blättern«, so Landrat Spieker.

»Die Opfer der Shoah haben uns einen Auftrag gegeben: den Kampf gegen Antisemitismus«, sagt die 18-jährige Schülerin ­Saskia Pottmeier. Sie und ihre Mitschülerin Anne Hinrichs hätten nie damit gerechnet, einem Holocaust-Überlebenden persönlich zu begegnen. »Mit Stolz sind wir ab heute Zeugen der Zeitzeugen«, so die Schülerinnen.

Geburtsort Fürstenau

Als weitere Station seiner Reise wird Harry Lowenstein am Dienstag (12. Juni) seinen Geburtsort Fürstenau besuchen und Bredenborn, wo er nach der Befreiung durch die Rote Armee unterkam.

In das »Goldene Buch« trug sich der US-Amerikaner bereits zum Auftakt ein. Dort wird nun für alle Ewigkeit der Name jenes jüdischen Mannes zu finden sein, der als letzter Überlebender des Holocaust aus Höxter seine alte Heimat besucht hat.

Musik mit jungen Talenten

Für den musikalischen Rahmen während der mehrstündigen Feierlichkeiten im Pins-Forum sorgten die Klarinettistin Matan David von der Musikschule Höxter (sie stammt aus Israel) und junge Talente an Cello, Klavier und Klarinette. Mit intensiven Gesprächen klang der erste Nachmittag aus.

Kommentare

Alles richtig, aber

"Nie wieder dürfen Rassismus und Intoleranz eine Gesellschaft beherrschen."

Ja, aber diese Einstellung darf nicht dazu missbraucht werden uns dazu zu erpressen Millionen Wirtschaftsflüchtlinge aus Afrika aufzunehmen, die aufgrund einer katastrophalen Bevölkerungsexplosion in den nächsten Jahrzehnten bei uns versuchen werden einzudringen. (Afrika bis 2050 circa + 1 Milliarde Menschen.)


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